Bahnchef Mehdorn: Der sich die Zähne ausbeißt - DER SPIEGEL
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Bahnchef Mehdorn Der sich die Zähne ausbeißt

Seit Jahren hat Hartmut Mehdorn von nichts anderem geredet, sich mit Politikern, Lobbyisten und Gewerkschaftern angelegt und den Finanzmarkt mit immer besseren Zahlen zu überzeugen versucht. Doch jetzt muss ehrgeizige Manager eingestehen, dass aus dem Börsengang wohl nichts wird.
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Frankfurt am Main - Die Erkenntnis dürfte den 64-Jährigen selbst am härtesten getroffen haben: Eine Absage sei angesichts des politischen Hick-Hacks "wahrscheinlich" - Notbremsung statt Volldampf voraus. Als Verlierer fühlt sich Deutschlands oberster Eisenbahner, der sich selbst lieber als Lenker eines globalen Logistikkonzerns sieht, dennoch nicht. Denn die Schuld an dem Fehlschlag trägt aus seiner Sicht allein die Politik, die sich nicht einigen kann, ob die Bahn nun mit oder ohne Schienennetz an die Börse geht und wie viel Einfluss der Staat dann noch auf die Entscheidungen im Konzern hat.

Mit der Politik hat es sich Mehdorn mit seiner polternden Art schon mehrfach verscherzt. Auf abfällige Bemerkungen über Verkehrspolitiker folgte der Vorwurf, die Abgeordneten drückten sich vor der Entscheidung zum Börsengang, bevor er plötzlich verkündete, von der Spree an die Elbe umziehen zu wollen. Zu dumm nur, dass der Bund noch immer Eigentümer der Bahn ist und somit das letzte Wort hat. Aus dem Umzug wurde nichts.

Seine Kunden verprellte Mehdorn vor vier Jahren mit einer völlig missglückten Preisreform. Aggressiv und trotzig reagierte der bullige Manager mit der dünnen Stimme auf die Proteste derer, die für die Fahrkarten viel Geld bezahlen sollten. Bis zum Schuldeingeständnis - "Asche auf unser Haupt" - dauerte es lange. Damals galt der Bahnchef als angezählt. Trotzdem wurde sein Vertrag vorzeitig bis Ende 2008 verlängert, gehen mussten andere.

Vor rund zwei Jahren dann eine weitere Niederlage: Eine große Koalition aus Politik, Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden zwang Mehdorn, seinen Fahrplan für den ursprünglichen für 2006 geplanten Börsengang aufzugeben - nicht nur unter politischen Gesichtspunkten unrealistisch, hieß es.

Ende vergangenen Jahres präsentierte der machtbewusste Manager zwar einen wirklichen Coup: Die milliardenschwere Übernahme des US-Logistikers Bax Global. Dadurch stieg die Deutsche Bahn zu einem weltweit führenden Transport- und Logistikunternehmen auf und macht Branchengrößen wie der Post-Tochter DHL weltweit Konkurrenz. Kurze Zeit später landete Mehdorn jedoch wieder auf dem harten Boden der Realität. Sein Plan, bei den Betreibergesellschaften von Hamburger Hafen und Hochbahn einzusteigen, wurde jäh gestoppt. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hatte erfolgreich interveniert, weil damit der Umzug des Hauptquartiers der Bahn nach Hamburg verbunden gewesen wäre.

Mehdorn konnten die Rückschläge freilich nichts anhaben. Der Kommandeur der Ehrenlegion und Vater dreier Kinder verfolgte seine Ziele stets hartnäckig. "Er ist ein Kämpfer für seine Vision", sagt Oliver Kaufhold. "Und es ist ja nicht verkehrt, eine Vision seines Unternehmens zu haben", goutiert der Sprecher der Bahngewerkschaft Transnet. "Immerhin hat Mehdorn aus der Behörde viel Unternehmen gemacht", lobt auch Pro-Bahn-Chef Naumann. "Mehdorn ist an seiner Vision gescheitert, dass er die Bahn ist", sagt dagegen Karl-Peter Naumann, Chef des Fahrgastverbandes Pro Bahn.

Aufgeben kommt für den Fabrikantensohn, den es erst in die Luftfahrt, später zu Heidelberger Druckmaschinen und dann zur Bahn verschlug, ohnehin nicht in Frage. "Wir kämpfen bis zum Schluss", lautet seine Parole. Er sei kein "Handtuch-Werfer", sagt Mehdorn und kann sich vieler Unterstützer sicher sein. Transnet-Sprecher Kaufhold hält zumindest einen Wechsel an der Spitze für unnötig. "Wir lassen in Deutschland ohnehin viel zu viele Köpfe rollen", beklagt auch Pro-Bahn-Chef Naumann.

Ob Mehdorn noch einmal eine Chance bekommt, sein Werk zu vollenden und die Bahn an die Börse zu steuern, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob er die Gunst derjenigen gewinnen kann, die er nach Ansicht seiner Kritiker bisher durch den starren Blick aufs Börsenparkett allzu sträflich vernachlässigt hat: der zahlenden Bahn-Kunden. Er selbst gibt sich gelassen. Persönliche Ziele seien ihm ohnehin fremd, sagt er immer wieder: "Ich pfeife auf ein Denkmal. Und wenn es darum ginge, hätte ich es schon."

Von Katharina Becker, AFP