Bahnstreik: Tausende Bahnreisende hängen fest - DER SPIEGEL
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Bahnstreik Tausende Bahnreisende hängen fest

Die Lokführer machen ernst: In ganz Deutschland stehen die Züge im Nahverkehr still, schon jetzt warten Tausende Pendler auf den Bahnsteigen. Die Bahn reagiert mit einem Notfahrplan.
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Hamburg - Die Lokführer-Gewerkschaft GDL hat ihre Ankündigung wahr gemacht und Punkt 8 Uhr einen dreistündigen Streik im Nahverkehr der Bahn begonnen. "Seit 8 Uhr wird gestreikt", sagte eine GDL-Sprecherin. Die bestreikten Züge führen noch in die nächstgelegenen Bahnhöfe, danach stünden sie still. Der Ausstand sei bis 11 Uhr geplant. Weiteren Arbeitsniederlegungen am Wochenende hatte GDL-Chef Manfred Schell bereits zuvor eine Absage erteilt.

Wie in Hessen spielen sich überall in Deutschland ähnliche Szenen ab: So blieb etwa auf der Strecke von Wiesbaden nach Frankfurt kurz nach 8 Uhr ein Zug am Bahnhof Rüsselsheim stehen, und die Fahrgäste wurden per Durchsagen auf den Arbeitskampf hingewiesen. Auf dem Frankfurter Hauptbahnhof warteten Hunderte Passagiere auf ihre S-Bahn-Züge. Der Verkehr auf den Fernbahntrassen lief dagegen zum größten Teil normal.

Auch aus aus Baden-Württemberg wurden spürbare Behinderungen gemeldet. Ein Bahnsprecher in Stuttgart sagte, dort seien schon am Morgen im Nahverkehr zwei S-Bahn-Linien komplett ausgefallen. Dies habe der entsprechende Notfallfahrplan vorgesehen. Von den Einschränkungen seien aber auch die ICE-Verbindungen von Stuttgart in Richtung Karlsruhe und nach München betroffen gewesen. An normalen Werktagen benutzen den Angaben zufolge rund 330.000 Pendler die S-Bahn im Großraum Stuttgart.

In Bayern fielen heute jeder dritte Fernzug und jede zweite Regional- und S-Bahn aus. "Wegen des Lokführerstreiks ist ein Ersatzfahrplan angelaufen, der so im Prinzip den ganzen Tag gilt", sagte ein Sprecher in München. Jede Strecke werde weiterhin bedient. Die S-Bahnen verkehrten aber nur alle 40 oder 60 Minuten, die Regionalzüge nur alle zwei Stunden. Im Fernverkehr könne der eine oder andere ICE von München zum Beispiel nur bis Hannover statt nach Hamburg fahren, viele EC- und IC-Züge fallen aus.

Tatsächlich müssen Bahn-Kunden heute im gesamten Regionalverkehr mit erheblichen Behinderungen durch die Streikaktionen rechnen. Nach dem Chemnitzer Urteil setzte die Bahn zwar einen Ersatzfahrplan in Kraft. Der Notfahrplan gelte ganztägig für alle Züge des Personenverkehrs bis in die kommende Nacht hinein, teilte die Bahn mit. Von den täglich rund 750 Zügen des Fernverkehrs werden allerdings nur rund zwei Drittel fahren, vor allem die ICE-Züge. Im Regionalverkehr sollen, je nach Ausmaß des Streiks, bis zur Hälfte der täglich 19.000 Züge fahren. Dabei werde es aber regionale Unterschiede geben.

Der Fernverkehr ist betroffen, weil der Notfahrplan laut Bahn bereits mindestens 24 Stunden im voraus in Kraft gesetzt werden musste, um den Einsatz von Zehntausenden Mitarbeitern, Tausenden Loks und Wagen in allen Regionen Deutschlands koordinieren zu können. Weil die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) keine Angaben zum Ausmaß des Streiks gemacht habe, sei die Bahn gezwungen gewesen, bereits am Donnerstag über den Ersatzfahrplan für heute zu entscheiden. Der Ersatzfahrplan ist unter www.bahn.de/aktuell  und der kostenlosen Service-Hotline 08000-996633 abrufbar.

Die GDL hat ihre Mitglieder für heute zwischen 8 und 11 Uhr zu bundesweiten Streiks aufgerufen, nachdem das Arbeitsgericht Chemnitz heute nacht einen Antrag der Deutschen Bahn auf eine einstweilige Verfügung gegen den Arbeitskampf in Teilbereichen verworfen hat. Das Gericht erklärte einen Ausstand im Regionalverkehr für zulässig. Der Fern- und Güterverkehr darf dagegen nicht bestreikt werden.

Verhandlungen bis in den frühen Morgen

Bis in die frühen Morgenstunden hatte das Gericht in Chemnitz verhandelt und beraten. Dann gegen 2 Uhr in der Früh kam die Entscheidung: Das Gericht stellte fest, Streiks seien nicht generell grob rechtswidrig, weshalb eine gänzliche Untersagung nicht in Frage gekommen sei. Um den Schaden zu begrenzen und Verhältnismäßigkeit zu wahren, seien Streiks aber auf den Nahverkehr zu beschränken.

Nach Verhandlungsbeginn am Nachmittag war es stundenlang um einen Befangenheitsantrag der GDL gegen den Richter gegangen, der aber als unbegründet abgewiesen wurde. Rund acht Stunden dauerte insgesamt die Verhandlung über die Zulässigkeit des Streiks, dann zogen sich die Richter zur Beratung zurück.

Ein Anwalt der Bahn warf der GDL vor, mit ihren Anträgen die Verhandlung in die Länge gezogen zu haben, damit ein Gerichtsbeschluss nicht mehr zugestellt werden könne. Die Gewerkschaft habe sich nicht an die Zusage gehalten, die Kunden 24 Stunden vor Streikmaßnahmen zu informieren, kritisierte das Unternehmen zudem. Umfangreiche Änderungen in dem komplizierten Fahrplangefüge seien in noch kürzerer Zeit nicht möglich gewesen.

Der GDL-Vorsitzende Manfred Schell forderte den Konzern auf, bis Anfang kommender Woche ein verhandlungsfähiges Angebot auf den Tisch zu legen. "Sollte sie dies nicht tun, muss sie sich auf einen weiteren Arbeitskampf einstellen." Dieser könnte bereits in der kommenden Woche stattfinden. Der dreistündige Ausstand am Freitag sei ein Signal.

Die GDL fordert von der Bahn vor allem einen eigenständigen Tarifvertrag für das Zugpersonal, außerdem eine Verkürzung der Arbeitszeit und 31 Prozent mehr Lohn. Schell betonte, seine Organisation habe sich an die Vorgaben des Verfahrens mit den Moderatoren Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf gehalten. Die Bahn habe sich verpflichtet, mit der GDL einen eigenständigen Tarifvertrag abzuschließen. "Nichts anderes wollen wir", sagte Schell.

sam/ler/rüd/AP/dpa/Reuters/AFP

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