Bahnstreit Schell sieht schnelle Einigung mit Mehdorn
Hamburg - "Ich rechne damit, dass uns die Bahn am Montag einen eigenständigen Tarifvertrag anbietet", sagte der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Manfred Schell, der "Bild am Sonntag". "Wenn dann noch ein ordentliches Gehaltsplus dabei ist, lassen wir unsere Forderung nach 31 Prozent mehr Lohn sofort fallen. Dann kann es eine schnelle Einigung geben - ohne dass noch ein einziger Zug ausfallen muss."
Zugleich drohte Schell mit einer unbefristeten Fortsetzung des Arbeitskampfes, sollte Bahn-Chef Hartmut Mehdorn der GDL nicht entgegenkommen. "Stellt sich Mehdorn auf stur, werden wir länger streiken, als es dem Bahn-Vorstand lieb sein kann", sagte er. Der Arbeitskampf koste die Bahn schließlich viel mehr als die GDL.
Die GDL hatte gestern fast ganztägig gestreikt und nach eigenen Angaben rund 85 Prozent des Regionalverkehrs lahmgelegt. Allerdings blieb das erwartete Chaos an den Bahnhöfen aus, da sich Millionen Pendler auf den Streik eingestellt und der Bahn gleich ganz den Rücken gekehrt hatten. Da nicht wenige auf das Auto umstiegen, kam es vor allem auf den Zufahrtsstraßen vieler Großstädte zu langen Staus. Der Streik war kurzfristig anberaumt worden, obwohl sich Schell und Bahn-Chef Mehdorn nach einem Gespräch am Donnerstagabend auf neue Verhandlungen geeinigt hatten. Die Bahn will der GDL am Montag ein neues Angebot vorlegen.
Die GDL kündigte an - so das Angebot in ihren Augen tragfähig ist - bis Ende Oktober auf Streiks zu verzichten. Sollte dies aber nicht der Fall sein, sind neue Streiks schon am Mittwoch möglich. Montag und Dienstag will die Gewerkschaft aber definitiv nicht streiken.
Tatsächlich könnte ein dauerhafter Streik die Bahn teurer kommen, als sie bislang zu erkennen gibt. Nach Informationen der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse" kommen auf die Bahn wegen des Streiks Kosten in Millionenhöhe zu, da Bundesländer und Verkehrsverbünde Rückzahlungen fordern können. Der Geschäftsführer der niedersächsischen Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG), Wolf Gorka, sagte der Zeitung, die Deutsche Bahn kassiere in Niedersachen pro Tag rund eine Million Euro für die Fahrten der Nahverkehrszüge. Jetzt sei mit Rückforderungen zu rechnen: "Die DB würde eine halbe Million täglich verlieren, wenn nur jeder zweite Zug fährt." Laut Gorka haben die meisten Länder ähnliche Verträge mit der Bahn, so dass jeder Streiktag die Bahn bundesweit mehrere Millionen Euro kosten dürfte.
Kritik an den Lokführern kommt unterdessen von der Konkurrenzgewerkschaft Transnet: Die Streiks der GDL seien eine "Marketingkampagne", kritisierte Transnet-Chef Norbert Hansen. Die GDL wolle sich gegenüber Transnet als "radikale Alternative" für fahrende Beschäftigte etablieren, sagte Hansen heute im Deutschlandfunk. Es könne jedoch nicht sein, dass "Organisationspolitik" dazu "missbraucht" werde, Kunden zu vergraulen und ein Unternehmen zu beschädigen.
Hansen betonte, die GDL habe bereits einen eigenständigen Tarifvertrag gehabt, den sie gekündigt habe. Er warf der Lokführergewerkschaft vor, mit ihrer Forderung nach einer drastischen Anhebung der Gehälter letztlich die Arbeitsplätze ihrer Mitglieder zu gefährden. Um aus der Abhängigkeit von der Gewerkschaft herauszukommen, werde die Deutsche Bahn AG möglicherweise vermehrt auf Leiharbeit setzen und Arbeitsplätze abbauen.
Der Transnet-Chef kritisierte aber auch die Bahn. Er nannte es "absolut falsch", dass das Unternehmen im Tarifstreit mit der GDL Gerichte angerufen hatte. Richter könnten einen Tarifkonflikt nicht lösen, betonte Hansen. In einer Demokratie müssten Tarifvertragspartner in der Lage sein, zu einer Lösung zu kommen.
sam/AFP/ddp