Bankdesaster in Frankreich "Das Finanzsystem steht Kopf"
Paris - "Ich wollte Gewinne im Interesse meiner Bank erwirtschaften." Das soll der mutmaßliche Milliarden-Betrüger Jérôme Kerviel den Finanzspezialisten der Kriminalpolizei erzählt haben. Laut Pariser Presseberichten haben die Experten, die ihn seit Samstagmittag "mit besten Fortschritten" verhören, bislang keinen Hinweis darauf, dass er Komplizen hatte.
Kerviel, ein 31-jähriger Händler bei der Société Générale, hatte mit seinen Börsenwetten einen Schaden von 4,9 Milliarden Euro angerichtet. Heute Nachmittag wird er dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Kerviel bestreitet weiter, dass er sich mit seinen verdeckten Geschäften bereichern wollte.
Die Société Générale bestätigte indes, dass der junge Mann bei Wetten auf die Börsenindizes von Frankfurt, London und den Eurostoxx Terminpapiere im Wert von bis zu 50 Milliarden Euro bewegte. Das Eingeständnis des Managements weckt allerdings Zweifel an der bisherigen Darstellung der Bank - sprich: an der These vom Einzeltäter.
"Wie konnte es möglich sein, dass ein einzelner Händler derartig kolossale Verluste provozierte?", fragt die Wirtschaftszeitung Les Echos. Viele Kommentatoren, Finanzfachleute und Politiker glauben den Anwälten Kerviels, die behaupten, die Société Générale habe mit dem Skandal eine "Nebelwand geschaffen, um damit von den Verlusten abzulenken, die sie bei ihren amerikanischen Immobiliengeschäften angehäuft hat".
Während sich am Wochenende im Internet bisweilen klammheimliche Freude über den Verlust der Bank mit schulterklopfender Anerkennung für den "Helden Kerviel" mischte, rügten Sozialisten, Kommunisten und Grüne die Affäre durchweg als "Symbol eines verrückten Kapitals". "Die Politik muss das Monster kontrollieren", kommentiert die linke Tageszeitung "Libération" und fordert von Regierung und Präsident: "Dabei müssen die Dogmen einer 'Laissez-faire-Politik', die alles erlaubt, endgültig über Bord geworfen werden."
Kritik und grundsätzliche Fragen nach einem Geschäftsgebaren, das die Risiken der maßlosen Gier nach Profit unterordnet, gibt es freilich auch in den Reihen der konservativen Regierungspartei UMP. Während sich das Finanzministerium bei der Société Générale, der Börsenaufsicht und der Banque de France um Einsicht in die Mechanismen der Spekulationen bemüht, hat Premier Francois Fillon binnen acht Tagen einen Bericht zum Fall Kerviel angefordert.
Und selbst der Élysée rügte in ungewohnt deutlichen Tönen die "Verirrungen des Börsenkapitalismus". Präsident Nicolas Sarkozy, am Wochenende noch zum Staatsbesuch in Indien unterwegs, forderte "mehr Moral" für die Geschäftspraktiken der internationalen Finanzmärkte. "Es wird jetzt Zeit, dass wir Transparenz und neue Vorsichtsmaßnahmen für das internationale und nationale Finanzsystem festschreiben", so der Staatschef, "damit das Geld eher jenen Akteure zur Verfügung gestellt wird, die unternehmerisch Reichtümer schaffen, als jenen, die kaufen, um zu zerlegen und zu spekulieren." Sarkozy deutlich: "Es muss ein Ende geben für ein Finanzsystem, das auf dem Kopf steht."
Trotz der Beteuerungen des Präsidenten und seines Premiers, dass der "interne Betrug die Solidität und die Verlässlichkeit des französischen Finanzsystems" nicht grundsätzlich ins Wanken gebracht habe, sind die Folgen des Skandals bereits absehbar - und nicht nur für den Ruf und die Stellung der Société Générale. Nach der Affäre werden die Banken bei ihrer Kreditpolitik noch restriktiver werden als schon bisher. Schon heute werden rund zehn Prozent aller Anfragen abgelehnt - vor dem Sommer waren es noch drei Prozent. Die Folge: Gerade für die mittleren und Kleinunternehmen werden Mittel für neue Investitionen zusehends verknappt.