Banken-Monopoly: Postbank im Alleingang - DER SPIEGEL
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Banken-Monopoly Postbank im Alleingang

Die Neuordnung der deutschen Finanzbranche steht vor dem vorläufigen Abschluss. Die Citibank ist verkauft, die Dresdner Bank auch. Die Postbank bleibt übrig. In der kommenden Woche entscheidet sich das Schicksal der riesigen Filialbank.
Von Arvid Kaiser und Lutz Reiche
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Phantasie kann man messen. An der Börse jedenfalls. Beispiel Postbank  : Als die Mehrheitseigentümerin Deutsche Post   im vergangenen November durchblicken ließ, man könne sich einen Verkauf des Instituts mit 14 Millionen Privatkunden vorstellen, stieg der Kurs der Aktie von rund 45 auf mehr als 60 Euro.

Auf diesem Niveau pendelte sich der Postbank-Kurs im ersten Halbjahr 2008 ein - während die meisten anderen Großbanken die Hälfte ihres Börsenwerts oder mehr verloren. Seit Juni aber ist auch die Postbank-Aktie abgerutscht und ist jetzt dort, wo sie vor den Spekulationen um eine Übernahme war. "Die Phantasie ist raus", sagen Aktienhändler.

Tatsächlich schien eine Zeitlang alles möglich. Die Lieblingsspekulation Frankfurter Strategen ging so: Commerzbank  , Dresdner Bank und Postbank gehen unter Führung der Allianz zusammen, die Deutsche Bank   kauft die Citibank von der Citigroup  . So würden in diesem Jahr zwei deutsche Bankenkolosse entstehen, die international in der ersten Liga spielen.

Doch die Realität hat mit diesem Großmachtstraum wenig gemein. Die Citibank wurde von der französischen Crédit Mutuel übernommen. Dresdner Bank und Commerzbank haben jetzt mindestens zwei Jahre lang genug mit ihrem Zusammenschluss zu tun. Auf absehbare Zeit wird daraus kein kompliziertes Dreierbündnis. Das hat Commerzbank-Chef Martin Blessing klar ausgeschlossen.

Bleibt noch die Postbank: Am kommenden Freitag tagt der Aufsichtsrat der Deutschen Post. Nach übereinstimmenden Berichten wird dort die Entscheidung fallen: Wird der Verkaufsprozess gestoppt oder nicht? "In dem jetzigen Marktumfeld ist ein Verkauf der Postbank schwieriger geworden", erklärt Analyst Andreas Weese von Unicredit. "Der Aktienmarkt sieht meiner Einschätzung nach derzeit eine Wahrscheinlichkeit des Verkaufs von unter 50 Prozent. Das sollte weitgehend im Kurs bereits berücksichtigt sein."

Die Deutsche Bank gilt dabei immer noch als Favorit für die Postbank. Die Stärke der Post-Tochter lägen aus Sicht des Frankfurter Branchenprimus' darin, dass die Deutsche Bank einen neuen Billigableger bekäme, den sie unverändert weiterbetreiben könnte. Zudem ist die Postbank eine Ertragsperle. Unter dem Dach der Deutschen Post verdient sie jährlich Milliarden. Und in Sachen Effizienz macht ihr kaum jemand etwas vor.

Für eine Einigung spricht auch die Möglichkeit, dass die Deutsche Bank ihre Vormachtstellung auf dem Heimatmarkt von der größer gewordenen Commerzbank angegriffen sieht und deshalb bereit ist, für die Postbank einen strategischen Preis zu bezahlen. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat sich dem Ziel verschrieben, auf dem lange vernachlässigten deutschen Heimatmarkt wieder stärker zu werden, gleichzeitig aber als Investmentbank weiter international mitzuspielen.

Der Rang seines Instituts als Deutschlands Bank Nummer eins ist allerdings unangefochten - auch nach dem Zusammengehen von Commerzbank und Dresdner. Nötig hat Ackermann den Zukauf also nicht unbedingt. Und die Deutsche Bank könnte bei der Postbank nicht viel sparen - nicht nur, weil zu den gut 21.000 Beschäftigten mehr als 7000 unkündbare Beamte zählen. Vor allem würde ein Kahlschlag keinen Sinn ergeben. Die meist weniger betuchte Kundschaft der Postbank wird die Deutsche Bank nicht in ihren eigenen Filialen empfangen wollen.

Und so wird Ackermann nicht jeden Preis zahlen. Tatsächlich stocken die Gespräche laut Marktbeobachtern seit Wochen. Die Post will angeblich mindestens zehn Milliarden Euro als Preis durchsetzen, die Deutsche Bank weit weniger zahlen. Nach aktuellem Kurs ist die Postbank an der Börse auch nur noch rund sieben Milliarden wert.

Damit steigen die Chancen für ausländische Banken. Doch Institute, die in Finanzkreisen als mögliche Bieter gehandelt werden, halten sich bedeckt. Santander   hat ein Interesse an der Postbank nie bestätigt, sich aber aus dem Rennen um die Dresdner Bank früh zurückgezogen. Das könnte ein Zeichen sein, dass die kostenbewussten Spanier sich nicht für ein Preispoker einspannen lassen.

Die niederländische ING Groep   und die britische Lloyds TSB   haben schon die Segel gestrichen, gerade im Fall Lloyds ist auch kaum zu erwarten, dass die nötige Barreserve vorhanden ist. Die französische BNP Paribas   taucht nur gelegentlich in den Spekulationen auf.

Vielleicht muss Post-Chef Frank Appel auch gar nicht verkaufen. Denn was hat er schon zu verlieren? Sein Gesicht jedenfalls nicht. Der Impuls zur Trennung, der überhaupt das Bankenkarussell in Deutschland ins Drehen brachte, kam noch im November 2007 von Appels Vorgänger Klaus Zumwinkel. Nach der Affäre um Steuerhinterziehung in Liechtenstein und dem Abschied aus praktisch allen Ämtern hat Zumwinkels Wort erheblich an Gewicht verloren.

Appel dagegen hat seit seinem Amtsantritt immer wieder betont, die Postbank nicht "unter Wert" verkaufen zu wollen. Würde er den Stopp des Verkaufsprozesses verkünden, wäre das nicht nur ein Freudenfest für die Gewerkschaft, sondern auch eine Bestätigung seines eigenen vorsichtigen Kurses.

Außerdem ist die Verbindung von Post und Postbank historisch gewachsen. Die Kunden sind daran gewöhnt, dass sie in einem Gebäude Pakete aufgeben und Geld abheben können. Auch könnte die Postbank der Post helfen, in der Fläche präsent zu bleiben, wenn sie ihr eigenes Filialnetz komplett aufgibt.

Das wahrscheinlichste Szenario derzeit ist wohl, dass die Postbank bei der Post bleibt. "Die Post steht im Gegensatz zur Allianz nicht unter einem ähnlich großen Zugzwang", sagt Finanzanalyst Robert Mazzuoli von der Landesbank Baden-Württemberg. "Die Dresdner Bank war der Schwachpunkt der Allianz, die Postbank ist die Stärke der Post."