Bankenkrise Schuldige und ihre Komplizen
Der Fall scheint eindeutig zu sein. Die Täter sitzen in den Banktürmen von New York, Frankfurt oder London. Sie sind es, die in ihrer Gier immer größere Risiken angehäuft, die alle Regeln eines ehrbaren Kaufmanns in den Wind geschlagen, die sich selbst auf zum Teil schon obszöne Weise bereichert haben. Immer mehr Schulden häuften sie an, immer verwegener gingen sie bei der Konstruktion ihrer Wertpapiere zu Werke.
Vielleicht aber liegt der Fall doch nicht so eindeutig. In der Ökonomie gibt es selten monokausale Wirkungszusammenhänge. Und wahrscheinlich handelt es sich auch hier nicht nur um eine einzige Tätergruppe. Begeben wir uns also auf die Suche nach jenen, die als Mitangeklagte wegen Beihilfe oder Unterlassung in Frage kommen. Eine Übersicht:
Die Politiker
Die sind ja grundsätzlich an allem Schuld, außer vielleicht am Wetter. So wäre es also ein Wunder, wenn sie hier straffrei ausgehen könnten. Weit und breit ist kein oberster Krisenmanager zu sehen. US-Präsident George Bush ist hier nicht mal einer Erwähnung wert. Aber auch sein Finanzminister Henry Paulson, ein Mann der Wall Street, machte nicht gerade eine überzeugende Figur. Monatelang hat er das Ausmaß des heraufziehenden Desasters unterschätzt. Als er dann, von Bankenzusammenbrüchen dazu gezwungen, zur Tat schritt, mangelte es ihm an einem überzeugenden Konzept. Die einen rettete er, Lehman Brothers schickte er in den Orkus. Führung sieht anders aus.
Die Europäer und die Deutschen waren nicht besser. Schon im Mai hatte eine Gruppe von Ex-Politikern, darunter Otto Graf Lambsdorff und Helmut Schmidt, in einem Brief an EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso angeregt, einen globalen Krisengipfel einzuberufen. Nichts geschah. Die Berliner Spitzenpolitiker fuhren in den verdienten Sommerurlaub, als sei die Krise überwunden.
Als sich dann mit dem drohenden Zusammenbruch der hochgradig vernetzten Hypo Real Estate der Banken-GAU abzeichnete, hatten die Banker Mühe, einen Berliner Politiker aus dem Wochenende an den Verhandlungstisch zu bekommen. Kanzlerin Angela Merkel, die in solch einer Situation von Anfang an auf die Bühne gehört hätte, trat erst am vergangenen Wochenende in Erscheinung. Von Krisenmanagement, das beruhigend auf die Märkte hätte wirken können, keine Spur.
Die amerikanische Notenbank
Vor allem die Federal Reserve, nicht aber die Europäische Zentralbank, war ursächlich beteiligt. Seit dem Platzen der Internet-Blase zu Beginn der Jahrhundertwende überflutete die US-Zentralbank die Märkte mit Dollar. Es war der sagenumwobene ehemalige Notenbankchef Alan Greenspan, der glaubte, jede Krise mit billigem Geld unterdrücken zu können.
Das ging erstaunlich lange gut. Doch die niedrigen Zinsen, aufgrund des Überangebots an Geld, verführten die Amerikaner dazu, noch mehr Schulden zu machen, als sie es ohnehin schon gewohnt waren. Vor allem am Häusermarkt ließ sich mit diesem Geld prächtig verdienen. Bis die Fed, um die Preissteigerungen in Grenzen zu halten, gegensteuern musste und die Zinsen stiegen. Da platzte die Blase.
Die Aufsichtsbehörden
Sie haben ihren Ruf genauso nachhaltig verspielt wie die Banker-Gilde. Mit äußerster Strenge, so berichten Teilnehmer, trat der Chef der deutschen "Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht" (BaFin), Jochen Sanio, bei den Verhandlungen mit den Banken über das Sanierungspaket für die Hypo Real Estate auf. Doch von den Sprengbomben, die sich in den Bilanzen der Banken verbargen, hatte Herr Sanio vorher keine Notiz genommen. Keiner seiner Bonner Beamten hatte es offenkundig als nötig angesehen, nachzuprüfen, was es mit den "Zweckgesellschaften" auf sich hatte, in denen die Banker ihre hochriskanten Papiere versteckten.
Immerhin: Die Aufseher in den anderen Ländern waren auch nicht besser. Die Amerikaner, deren Börsenaufsicht sich gern als global tätiger Finanzsheriff geriert, nahmen es untätig hin, als bei ihren Banken die Verschuldung astronomische Größenordnungen erreichte.
Die Ratingagenturen
Sie sind zuletzt etwas aus dem Fokus der Öffentlichkeit geraten, obwohl sie zweifelsfrei erhebliche Schuld an dem Crash tragen. Diese Institutionen, allesamt Privatunternehmen, sollen den Kreditgebern Aufschluss geben über die Bonität der Schuldner und die Qualität der Wertpapiere.
Im Fall der durch amerikanische Hypotheken besicherten Papiere verliehen die Agenturen sogar noch dann Bestnoten, als in Amerika bereits die Häuserpreise im Sinkflug waren und die Zinsen stiegen als also schon die Kredite, die als Sicherheit dienen sollten, wackelig geworden waren. Grund war nicht nur Unfähigkeit, sondern auch Befangenheit: Die Ratingagenturen hatten bei der Konstruktion dieser komplizierten Papiere mitgewirkt und mitverdient.
Die Analysten
Alle Geldhäuser halten sich diese Spezialisten, die alle Wertpapiere beurteilen Aktien, Anleihen, Zertifikate. Zuverlässige Prüfer waren diese Spezialisten noch nie. Allzu häufig konnte ihnen nachgewiesen werden, dass es ihnen an Unabhängigkeit mangelte, dass sie mehr das Wohl ihrer Bank als das der Anleger im Auge hatten. Schwer zu sagen, ob sie bei der Bewertung von Bankaktien die Risiken der versteckten Wertpapiere nicht erkannten oder ob sie sie interessengeleitet verschwiegen, verschweigen mussten. Jedenfalls haben auch sie versagt.
Die Journalisten
Auch die Berichterstatter (den Autor eingeschlossen) spielen eine unrühmliche Rolle. Viele Medien haben eine Wächterfunktion, derer sie sich gern rühmen und deretwegen sie auf ihre Unabhängigkeit pochen. Diese Aufgabe, Misstände aufzudecken, haben die Wirtschafts- und speziell die Finanzjournalisten in diesem Fall oft unzureichend oder gar nicht wahrgenommen. Sie haben die Undurchschaubarkeit der von den Investmentbanken konstruierten Wertpapiere nicht angeprangert; sie haben, in Deutschland, keine Rechercheanstrengungen unternommen, um die ausgelagerten "Zweckgesellschaften" zu enttarnen; sie haben viel zu unkritisch das verantwortungslose Treiben der Investmentbanker beschrieben.
Die Anleger
Sie sind jetzt Opfer. Aber sie waren auch Mittäter. Die kleinen Privatanleger, Menschen wie Sie und ich, die sich mit den Erträgen von Bundesschatzbriefen nicht zufrieden geben wollten und den Banken nur zu gern die kaum durchschaubaren Zertifikate abkauften. Vor allem aber die Großen, die sogenannten institutionellen Investoren, die Versicherer, die Pensions- und sonstigen Fonds. Im gnadenlosen Wettbewerb um Kunden werben sie mit satten Renditen. Doch die Zinsen, die mit sicheren Anlagen zu verdienen waren, reichten nicht, um diese Versprechen einzulösen. Also drängten sie auf höhere Erträge, und die Investmentbanken lieferten. Dumm nur, dass die nur mit höheren Risiken zu erzielen waren.
Und damit sind wir bei uns selbst angelangt. Bei den westlichen Gesellschaften, die jetzt gern alles auf die Banker schieben wollen. Diese Gesellschaften aber sind es, die das Immer-mehr zum primären Lebensinhalt gemacht haben, die in weiten Teilen nicht weniger gierig sind als ihre Geldeliten.
Es sind die Amerikaner der Main Street, nicht nur der Wall Street, die seit Jahren mehr konsumieren, als sie erwirtschaften, zur Freude der Chinesen und der deutschen Autoindustrie.
Es sind die Deutschen und die Europäer, die nicht wahrhaben wollen, dass Rohstoffe, speziell Energie, immer knapper und damit teurer geworden sind, weil Milliarden neuer Konsumenten nun als neue Nachfrager mitmischen; die glauben, ihre Einkommen könnten so weiter wachsen wie in den Jahrzehnten zuvor, obwohl Arbeit heute auf einem offenen Weltmarkt reichlich zu günstigeren Preisen zu haben ist als hierzulande. Und schließlich: Es sind weltweit die Top-Manager in der sogenannten Realwirtschaft, die sich in den vergangenen Jahren an der ungebremsten Einkommensmehrung der Investmentbanker orientierten und alle Proportionen bei ihrer Besoldung verloren haben.
Die Industriegesellschaften müssen zurückfinden zu Maß und Mitte. Bislang hat sich die Wettbewerbswirtschaft, vulgo Kapitalismus, stets als lernfähig erwiesen. Das hat das offene System seit jeher ausgezeichnet und seinen Siegeszug ermöglicht. Die Krise wird irgendwann überwunden sein, mit welchen Schäden auch immer. Aber dann haben nicht nur die Banker Anlass zur Selbstprüfung.