Bankenmonopoly Japan stürmt die Wall Street
Hamburg - Tokio hat sich gewandelt. Ein Wolkenkratzer wurde in den vergangenen zehn Jahren neben dem nächsten hochgezogen. Nachts glüht die Skyline in neuen, frischen Lichtern auf - und ist so zu einem Symbol für den Wiederaufstieg der japanischen Wirtschaft geworden, auch wenn sie wie alle großen Volkswirtschaften zuletzt an Schwung verloren hat. Nach einem Jahrzehnt der Erneuerung bekommt der Westen jetzt ihre Kraft zu spüren.
Skyline von Tokio: Auf Einkaufstour in Ost und West
Foto: REUTERSJapanische Geldhäuser drängen plötzlich mit Macht an die führenden Finanzplätze der Welt. Nach New York beispielsweise, wo sich die japanische Megabank Mitsubishi UFJ für umgerechnet 5,8 Milliarden Euro rund 20 Prozent an der bisherigen US-Investmentbank Morgan Stanley gesichert hat; zuvor schnappte sie sich bereits die kalifornische Regionalbank Union Banca.
Der Finanzdienstleister Nomura kaufte kurze Zeit später ebenfalls an der Wall Street ein und sicherte sich die Asienableger von Lehman Brothers. Schon Anfang des Jahres fasste bereits die Mizuho Financial Group bei Merrill Lynch in New York Fuß - Japans Geldhäuser bedienen sich fleißig bei den angeschlagenen Wall-Street-Ikonen.
Außerdem drängen die Japaner auch nach London, den wichtigsten europäischen Finanzplatz. Die Großbank Sumitomo Mitsui hat sich vor drei Monaten mit einer Kapitalspritze von 640 Millionen Euro an der britischen Barclays Bank beteiligt. Die Einkaufstour zeigt: Die japanischen Geldhäuser strotzen vor Selbstvertrauen - das Resultat eines spektakulären Wandels.
Denn noch vor 20 Jahren lagen Japans Finanzinstitute fast genauso am Boden wie jetzt Amerikas ehemalige Investmentbanken. Auch Tokios Banker hatten sich mit Immobilien verspekuliert. Damals erreichte die Tokioter Innenstadt um den Bezirk des Kaiserpalastes herum den Marktwert des gesamten Immobilienbesitzes in Kalifornien. Und ähnlich der aktuellen Finanzkrise in Amerika rettete schließlich der japanische Staat die Banken des Landes vor dem Untergang. Dennoch folgte eine zehnjährige Schwächephase der Wirtschaft.
Jetzt aber sind die Banken wieder gesundet, nicht zuletzt, weil sie kaum in den Handel mit Problemkrediten der westlichen Subprimekrise verstrickt waren. Nomura etwa hat bei Bilanzwerten von 170 Milliarden Euro einen Subprimeverlust von 440 Millionen Euro zu verkraften, berichtete der Finanzdienstleister vor wenigen Wochen.
Japans Geldhäuser sitzen nicht zuletzt deshalb weiterhin auf derart hohen Bareinlagen, dass sie gar nicht wissen, wohin mit all ihrem Geld. Sie leiden geradezu darunter, unwirtschaftlich wenige Kredite an die eigene Bevölkerung verkaufen zu können. Nach Angaben des japanischen Statistikbehörde hatte das Ungleichgewicht zwischen Spareinlagen- und Kreditsumme Ende Juli den gewaltigen Betrag von 145 Billionen Yen erreicht, das sind nahezu eine Billion Euro. Doch der Heimatmarkt scheint ausgereizt.
Entsprechend schalten Japans Banken jetzt um auf eine aggressive Zukaufstrategie, denn zu günstigeren Preisen als in der aktuellen Finanzkrise werden die gesunden Teile der einst florierenden Investmentbanken des Westens vielleicht nie mehr zu haben sein. Gleichzeitig wollen die asiatischen Banker jetzt auch in den Schwellenländern so richtig loslegen. "Wir müssen dringend in den Schlüsselmärkten wachsen", sagte Nomura-Präsident Kenichi Watanabe erst vor wenigen Tagen - und kündigte gleich Zukäufe in China und Indien an.
"Japans Banken versuchen offenkundig, expansionsgetriebene Fusionen und Übernahmen zu stemmen, um das bestehende Geschäft zu erweitern", sagt Shoji Hirakawa, Analyst der Schweizer Großbank UBS. "Das Geld dafür haben viele der Top- 100-gelisteten Unternehmen Japans durch den Verkauf ihrer Aktienbeteiligungen an anderen Firmengruppen." Das scheint zu reichen, um im Westen wie im Osten zugleich auf Einkaufstour zu gehen.