Bankenreform: Comeback der Crash-Ideologie - DER SPIEGEL
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Bankenreform Comeback der Crash-Ideologie

Satte Gewinne, steigende Aktienkurse, höchste Zeit für Millionen-Boni - in der Londoner City verblassen die Folgen der Finanzkrise. Von Reformeifer ist vielerorts keine Spur mehr, neue Regeln werden als lästiges Teufelszeugs bekämpft.
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London - Der Film trägt den Titel "Was wäre, wenn?", er läuft im hauseigenen Kinosaal der Bank von England. Er soll Besuchern nahebringen, wie die über 300 Jahre alte Institution mit unsichtbarer Hand die britische Volkswirtschaft vor Krisen bewahrt. Stolz erklärt Gouverneur Mervyn King darin das segensreiche Wirken seiner Zentralbanker.

Finanzdistrikt in London: Beinahe-Crash des Bankensystems

Finanzdistrikt in London: Beinahe-Crash des Bankensystems

Foto: REUTERS

Das Video hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Es wurde weit vor der aktuellen Finanzkrise gedreht. Auf Zuschauer, die seit zwei Jahren fassungslos den Beinahe-Crash des Bankensystems mit verfolgen, muss das Werbefilmchen wie eine Satire wirken. Schließlich hat die Bank von England in der Krise versagt.

Man müsse den Film wohl mal austauschen, heißt es hüstelnd in der Bank. Doch allzu eilig hat man es offensichtlich nicht. Es ist nicht einmal auszuschließen, dass der Film die Krise intakt übersteht - wie vieles andere in der Londoner City auch. Es mehren sich die Anzeichen, dass der weltgrößte Finanzplatz in seinen alten Trott zurückfällt.

Neues Modewort BAB: "Bonuses are back"

Die Aktienkurse steigen, die Banken melden ordentliche Gewinne, und je mehr die Erinnerung an den großen Lehman-Schock im September verblasst, desto geringer wird der Reformeifer im Finanzdistrikt rund um die Kuppel von St. Pauls Cathedral. "Wir fallen zurück ins business as usual", klagte jüngst der Finanzexperte der Liberaldemokraten im Unterhaus, Vince Cable. "So, als sei nichts geschehen."

Auf den Sommerfesten der City wird schon wieder über Bonuszahlungen geredet - wenige Monate nachdem der gesamte Sektor vom Steuerzahler gerettet werden musste.

Die britische Presse erfand sogleich ein neues Modewort: "BAB", kurz für "Bonuses are back". Selbst die Regierung macht bei dem Spiel mit: Der neue Chef der quasi verstaatlichten Royal Bank of Scotland   soll einen zweistelligen Millionenbetrag erhalten, wenn der Aktienkurs unter seiner Regie auf über 70 Pence steigt.

Den 5400 Investmentbankern von Goldman Sachs   in London wurden satte Überweisungen in Aussicht gestellt - das Traditionshaus von der Wall Street erwartet ein Rekordjahr. Das Geschäft mit Staatsanleihen boomt, und dank des Verschwindens etlicher Rivalen konnte Goldman zum Banker des Schuldenstaates aufsteigen.

Die Wiederauferstehung von Lehman Brothers

Andere Krisengewinner wie Barclays Capital, der Investmentarm der Großbank Barclays  , wildern schon wieder bei der Konkurrenz. Er sehe aggressive Abwerbeversuche, sagte ein besorgter Chef der Finanzaufsicht FSA, Lord Turner, neulich im Parlament. Über 300 neue Investmentbanker hat Barclays dieses Jahr bislang eingestellt - angelockt durch üppige Konditionen. Bankchef Bob Diamond tönt, er wolle BarCap innerhalb der nächsten paar Jahre zur führenden Investmentbank der Welt machen.

Selbst die US-Investmentbank Lehman Brothers  , deren Zusammenbruch im September das System zum Stillstand gebracht hatte, erlebt eine rasante Wiederaufstehung. Das US-Geschäft wird von BarCap weitergeführt, das Europa-Geschäft ging an die japanische Nomura-Bank. Wie die "Financial Times" am Dienstag berichtete, will Nomura   bis Ende des Jahres der Top-Broker der Londoner Börse sein - so wie einst Lehman Brothers. Auf dem alten Lehman-Trading-Floor in der Canary Wharf hängen laut "Financial Times" Schilder mit dem Satz: "Das war damals, dies ist heute". Um auch physisch den Bruch mit der unrühmlichen Vergangenheit zu vollziehen, wird die Bank demnächst in neue Räumlichkeiten umziehen.

Banker-Lobby: "Die Arroganten und Gierigen sind weg"

Es scheint, als kehre das Selbstbewusstsein der einstigen Herrscher des Universums allmählich zurück. Zwar sieht die Bank von England in ihrem gerade veröffentlichten Stabilitätsbericht weiter große Risiken für den Finanzsektor. Doch macht sich ein allgemeines Gefühl der Entspannung breit. "Wir sind wie Goldfische", zitierte der "Observer" den Hedgefonds-Manager Jon Macintosh. "Wir schwimmen einmal in unserem Glas herum, und wenn wir die Runde hinter uns haben, sieht alles wieder aus wie neu."

Der frühere Staatssekretär und Arbeitgeberverbandschef Lord Digby Jones sagte der BBC, die "Arroganten und Gierigen" seien aus der City längst verschwunden. Es blieben die hart Arbeitenden, "und London braucht sie".

Geht jetzt alles wieder von vorne los? Politiker und Finanzmarktkontrolleure sind alarmiert, sie fürchten den Volkszorn. Darum mangelt es nicht an Warnungen an die Banker, jetzt bloß nicht übermütig zu werden. "Die Gesellschaft wird schockiert sein, wenn Banken große Boni bezahlen", sagte Finanzstaatssekretär Paul Myners auf der Jahrestagung des britischen Bankenverbandes.

Darlings zaghafter Kampf gegen die "Kamikaze-Banker"

Auch der Schattenfinanzminister der oppositionellen Konservativen, George Osborne, forderte die Banker zum Verzicht auf. Bonuszahlungen wären ein "großer Fehler", sagte er. Stattdessen sollten alle Banken, auch jene, die nicht im Staatsbesitz sind, ihre Gewinne nutzen, um die Eigenkapitalbasis zu stärken.

Finanzminister Alistair Darling will an diesem Mittwoch seine Vorschläge zur Bankenreform vorstellen. Erwartet werden strengere Kapitalvorschriften für Banken, neue Befugnisse für die Bank von England und die FSA sowie verbindliche Leitlinien für Managergehälter und Bonuszahlungen. Er werde gegen die "Kamikaze-Banker" hart durchgreifen, versprach Darling in einem Gastbeitrag im Boulevardblatt "News of the World".

Doch allzu radikal werden die Regeln wohl nicht ausfallen. Denn längst hat sich die britische Regierung darauf verlegt, ihren Finanzplatz gegen Begehrlichkeiten von auswärts zu schützen. Die City sei ein "unermesslicher Aktivposten" für das ganze Land, hatte Darling vor einigen Wochen den VIP-Gästen beim Jahresempfang des City-Bürgermeisters in den prächtigen Marmorhallen des "Mansion House" geschmeichelt.

Breite Front gegen Brüssel

Das Hauptaugenmerk gilt inzwischen dem Kampf gegen den gemeinsamen Feind in Brüssel. Den leicht erregbaren deutschen Finanzminister hat diese Entwicklung vergangene Woche zu einer seiner berüchtigten Tiraden bewegt. Der Finanzplatz London sei "sehr verdächtig", den Status Quo zu verteidigen, sagte Peer Steinbrück. Er beobachte jedenfalls "größte Zurückhaltung" bei der britischen Regierung, sich auf neue Finanzregeln einzulassen.

Tatsächlich machen seit Monaten die verschiedensten Lobby-Gruppen der City gegen die drohende Regulierung mobil. Die Internationale Vereinigung für Swaps and Derivate etwa warnte davor, das Derivate-Geschäft zu "dämonisieren". Es bleibe ein "nützliches Instrument des Risikomanagements".

Auf der Jahrestagung des Instituts für Wertpapiere und Investment war zu hören, dass hinter den Regulierungsplänen auf internationaler Ebene vor allem Paris und Berlin steckten, die endlich den Finanzplatz London auf ihr Niveau herunterschrumpfen wollten.

Bankenverbandschefin Angela Knight sagte vergangene Woche, London dürfe nicht auf Grund von Vorurteilen Schaden erleiden. Der Bankenverband werde daher in Europa aktiv werden. Es klang wie eine Drohung.

Hedgefonds drohen mit Abwanderung

Mit vereinter Macht stemmt sich das Londoner Establishment auch gegen den Hedgefonds-Richtlinienentwurf der EU-Kommission. Der Entwurf sieht mehr Transparenz und Kontrolle systemrelevanter Fonds vor. Man werde ihn "mit Klauen und Zähnen" bekämpfen, sagte Staatssekretär Myners. Der Entwurf gilt als reines Anti-London-Gesetz, sitzen doch 80 Prozent aller europäischen Hedgefonds in der britischen Hauptstadt.

Große Hedgefonds wie Europas Nummer Eins, Brevan Howards, haben mit dem Umzug nach Hongkong oder Singapur gedroht. Eine Londoner Delegation reiste vergangene Woche nach Washington, um eine angelsächsische Allianz gegen Brüssel zu schmieden. Der Aufstand zeigt bereits Wirkung: Der schwedische Finanzminister, der seit 1. Juli die EU-Ratspräsidentschaft innehat, zeigte sich bereits besorgt über "übereifrige Regulierung".

Es ist eine ganz andere Stimmung als noch vor wenigen Monaten, als niemand wagte, die Reformvorschläge des FSA-Chefs Turner zu kritisieren. Turner und Zentralbank-Gouverneur King warnen nun offen davor, dass die Reformen weniger radikal ausfallen könnten, als es eigentlich nötig wäre. Turner sagte vor kurzem im Parlament: "Es besteht die Gefahr, dass wir die Gelegenheiten dieser Krise nicht nutzen".