Banker-Ethik: Millionen-Geschenke erhalten die Freundschaft - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Banker-Ethik Millionen-Geschenke erhalten die Freundschaft

Die Investmentbank Salomon Smith Barney hat eingeräumt, in den neunziger Jahren den Managern des inzwischen bankrotten WorldCom-Konzerns zu Millionenprofiten verholfen zu haben. Bei Börsengängen verteilte sie heiß begehrte Aktien offenbar zum Discount-Preis an die Lieblingskunden - wohl nicht ohne Gegenleistung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York/Clinton - Wer schon viel hat, dem wird noch mehr gegeben. Diese Maxime galt auch an der Wall Street in den Boom-Jahren der Telekom- und Internetbranche - und insbesondere für die Investment-Bank Salomon Brothers und ihre glücklichen Klienten.

Salomon und seine Star-Analysten wie Jack Grubman gehörten zu den führenden Propagandisten der New-Economy-Manie - und zugleich zu ihren Haupt-Nutznießern. Bei einem Börsengang nach dem anderen platzierten die Investment-Banker Aktien junger Internet- und Telekom-Firmen an der Nasdaq.

Alte Zweifel, neue Gewissheiten

Schon seit längerem wird Salomon verdächtigt, dabei Aktien zu Sonderkonditionen an bevorzugte Kunden verteilt zu haben. Diese Klienten, das vermutet inzwischen ein ganzes Heer von Staatsanwälten, Börsenaufsehern und Politikern, bedankten sich dann wiederum, indem sie den Investment-Bankern Aufträge für weitere Börsengänge oder Anleihe-Emissionen verschafften - oder über Salomons Brokerage Aktiengeschäfte abwickelten. Eine Hand wäscht eben die andere.

Zumindest zum Teil haben sich die Verdächtigungen am späten Montag amerikanischer Zeit zur Gewissheit verdichtet. Die Investment-Bank, die heute zum weltgrößten Bankkonzern Citigroup gehört und sich nach einer Fusion 1997 Salomon Smith Barney nennt, hat schriftlich eingeräumt, Managern des WorldCom-Konzerns vor Börsengängen Hunderttausende Aktien zugeteilt zu haben. Die Citigroup-Anwältin Jane Sherburne bestätigte in einem Schreiben an das für Finanzdienstleistungen zuständige Komitee des US-Repräsentantenhauses, Salomon habe Managern und Vorstandsmitglieder des Telefonkonzerns bei insgesamt 39 Transaktionen mit den Wertpapieren bedacht.

Ein Heer von Ermittlern

Die Liste der möglichen Beschenkten ist lang: Der geschasste WorldCom-Chef Bernie Ebbers könnte profitiert haben, ebenso der langjährige Finanzvorstand Scott Sullivan, der inzwischen des Bilanzbetruges angeklagt ist - er könnte verantwortet haben, dass WorldCom rund acht Milliarden Dollar fälschlich als Gewinne auswies. Bisher hat Salomon dem Kongressausschuss aber nicht mitteilen müssen, welche Manager Aktien erhielten - Klientenschutz. Zumindest ein ehemaliger Salomon-Broker, der in Los Angeles eine Klage gegen seinen früheren Arbeitgeber eingereicht hat, behauptet, dass Ebbers zum Kreis der Privilegierten gezählt habe.

Auch die Namen der Firmen, deren Aktien den Bossen zuflossen, sind einstweilen noch unbekannt. Möglich aber, dass diese Details in den kommenden Wochen ans Licht kommen. Denn neben den US-Parlamentariern haben das Justizministerium, der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer und die Selbstaufsichtsstelle der Börsenhändler, die an der Nasdaq arbeiten, Untersuchungen gegen Salomon gestartet. Die Sammelklagen von privater Seite mehren sich.

Die Reichtums-Maschine

Bekannt ist indes in groben Zügen, wie lukrativ die Aktien-Geschenke für die WorldCom-Bosse waren. So erhielten die Firmen-Chefs 1996 und in den ersten Monaten des Jahres 1997 im Schnitt 101.500 Aktien zugeteilt - eine ungewöhnlich große Tranche bei den oft vielfach überzeichneten Initial Public Offerings (IPOs). In einem Fall soll ein einziger Manager 205.000 Aktien erhalten haben - das entsprach 12,4 Prozent des gesamten Ausgabevolumens. In einem Interview, so das "Wall Street Journal", soll ein Salomon-Specher zudem eingeräumt haben, dass Aktien unterhalb des Marktpreises ausgegeben wurden.

Schneller Reichtum war da garantiert: Wie fast alle New-Economy-Aktien in diesen Jahren setzten die neu platzierten Papiere rasch zum Kurshöhenflug an. Allein am Ausgabetag realisierten die Nutznießer der IPO-Zuteilungen im Schnitt 60.238 Dollar, so steht es im offiziellen Salomon-Schreiben. Insgesamt realisierten die WorldCom-Manager bis zum Tag, an dem sie die Aktien wieder abstießen, im Schnitt 2,3 Millionen Dollar.

Das Ende der Goldenen Ära

Diese wunderbaren Zeiten währten rund ein Jahr. Nach der Fusion zu Salomon Smith Barney sank der Durchschnittsgewinn den Angaben zufolge auf 83.242 Dollar pro Manager und Aktienemission. Denn während sich Salomon Brothers als klassische Investmentbank auf institutionelle Kunden spezialisiert hatte, brachte Smith Barney auch ein Privat-Brokerage-Geschäft mit in den Merger ein - und diese Privatkunden verlangten eben auch ein Stück vom IPO-Kuchen.

Ob Salomon nach dem Eingeständnis unmittelbare rechtliche Konsequenzen drohen, ist noch unklar. Der Verdacht war alt, das Image schon beschädigt. Die Bank selbst weist darauf hin, dass es in den Zeiten des New-Economy-Booms durchaus gebräuchlich gewesen sei, "hot stocks" an bevorzugte Kunden zu verteilen. Unrechtmäßig wären die Deals nur dann, wenn sie genutzt wurden, um neue Aufträge für das Bankgeschäft zu akquirieren.

Ein paar Millionen für mich, ein paar für dich ...

Im Fall WorldCom liegt dies nahe, rechtskräftig bewiesen ist es noch lange nicht. Salomon bestreitet, illegal gehandelt zu habe - räumt aber ein, dass der Eindruck eines Interessenkonfliktes bestehe. Schließlich gehörte WorldCom vor der Konzernpleite - ebenso wie die Konkurrenten Qwest und Global Crossing - zu den besten Firmenkunden des Investmenthauses.

Allein der Ebbers-Konzern, schreibt das "Wall Street Journal", habe in den neunziger Jahren viele Millionen Dollar Gebühren an die Investmentbank gezahlt - für eigene Aktien-Platzierungen, für Anleihe-Emissionen und für Beratungsdienste bei der Welle von Firmenübernahmen, die so typisch für Ebbers' Geschäftsstil waren. Hinzu kommt nach den neuesten Erkenntnissen, dass WorldCom-Manager private Aktiengeschäfte über die Salomon-Brokerage abwickelten. Das Aktien-Research bei Salomon wiederum, allen voran der jüngst geschasste Grubman, stufte die WorldCom-Aktien noch als "Buy" ein, als das Überschuldungsproblem für viele andere längst offensichtlich war.

Bauernopfer und Ablasshändler

Möglich, dass es nun immerhin Grubman an den Kragen geht. Er selbst, so schreibt das "Journal" unter Berufung auf Unternehmenskreise, soll mitbestimmt haben, als es um die Auswahl der IPO-Profiteure ging. Grubman habe von den Brokern eine Liste der möglichen Nutznießer erhalten und Änderungen vorgenommen, berichtet auch die "New York Times". Grubman sagte in einer früheren Aussage vor dem Kongress-Ausschuss, er könne sich nicht daran erinnern. Grubmans Verhältnis zu Ebbers soll früheren Medienberichten zufolge übrigens fast freundschaftliche Züge angenommen haben.

Am wahrscheinlichsten scheint indes, dass sich Salomon bald auf einen Ablasshandel einlässt. Schon Anfang des Jahres hat der Konkurrent Credit Suisse First Boston (CSFB) nach ähnlichen Vorwürfen gegen seine Emissionspraxis einen Vergleich mit der Börsenaufsicht SEC geschlossen. Die Kosten: 100 Millionen Dollar. Auch der Brokerage-Gigant Merrill Lynch einigte sich im Mai außergerichtlich mit der SEC, um eine Untersuchung gegen das Aktien-Research ums Grubman-Pendant Henry Blodget abzubiegen. Die Kosten hier: ebenfalls 100 Millionen Dollar. Für Salomon Smith Barney, so scheint es, ist die Zeit gekommen, schon mal einige dutzend Millionen zurückzustellen.