Begehrte Töchter - DER SPIEGEL
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KONZERNE Begehrte Töchter

• aus DER SPIEGEL 8/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Siemens-Gesellschaft Epcos entwickelte sich zum Liebling der Aktionäre, jetzt bringt der Konzern seine Chipproduktion unter die Anleger. Das Beispiel macht Schule, weitere Börsengänge ähnlicher Art stehen bevor, denn die beteiligten Unternehmen profitieren davon gleich mehrfach.

Üppige Gelage bei Feinkost-Käfer oder beim Münchner Edelitaliener »Aquarello« gönnt sich Ulrich Schumacher, 41, nur noch selten. Stattdessen hetzt der Chef der Siemens-Chiptochter Infineon drei- bis viermal pro Woche über seine Joggingdistanz von 7,5 Kilometern. »Die Strecke«, erzählt er stolz, »schaffe ich inzwischen in 28 Minuten.«

»Schumi« nennen sie ihn bei Siemens - nicht nur wegen seines Porsche-Ticks, sondern auch, weil er im Job ein beachtliches Tempo vorlegt. In nur eineinhalb Jahren schaffte der promovierte Elektroniker, was Analysten und Branchenkenner bis vor kurzem noch für undenkbar hielten: Er sanierte die marode Halbleitersparte des Siemens-Konzerns und machte aus dem Verlustbringer einen Hoffnungswert für Börsianer.

Am Montag dieser Woche beginnt die Zeichnungsfrist für zunächst bis zu 30 Prozent der Infineon-Aktien, die Siemens zum Preis von 29 bis 35 Euro bei großen Fonds und Privatanlegern platzieren will. Schon jetzt gehen in der Münchner Infineon-Zentrale pro Woche bis zu 40 000 Anrufe und E-Mails von Kleinanlegern ein, die sich für das spekulative Papier interessieren. »Wir haben ein rasendes Feedback«, freut sich Schumacher.

Infineon ist der erste große Börsengang dieses Jahres, und er wird nicht der letzte sein: Dass sich Konzerne von ganzen Geschäftsfeldern trennen und sie an die Börse bringen, liegt im Trend der Zeit. Der verlangt von den Managern, dass sie ihre Unternehmen auf deren Kernkompetenzen beschränken.

Der Börsengang der Töchter bringt nicht nur zusätzliches Geld in die Kasse der Konzerne, er gibt in der Regel auch dem Börsenwert der Muttergesellschaft Auftrieb. Und zudem verfügen die jungen Aktiengesellschaften über die moderne Währung, Aktien nämlich, mit der sie Partnerschaften mit anderen Firmen eingehen können.

Wie das geht, führte Telekom-Chef Ron Sommer in der vergangenen Woche vor. Sein Internet-Dienst T-Online übernahm das französische Unternehmen Club Internet, der Verkäufer erhielt dafür eine Beteiligung an T-Online in Höhe von 6,5 Prozent. Nur einen Tag später verkündete Sommer eine Partnerschaft mit Comdirect. T-Online steigt mit 30 Prozent bei der Internet-Bank ein, die erhält einen entsprechenden Anteil T-Online-Aktien.

Der Online-Dienst wird voraussichtlich im April an die Börse gehen, der Börsenwert wird auf 47 Milliarden Mark geschätzt. Allerdings verkauft die Telekom nur zehn Prozent der Aktien ihrer Tochter: Das schränkt das Angebot ein - und treibt den Preis. Damit steigt auch der Wert der Telekom-Anteile - und davon profitiert auch der Kurs der Mutter. Zudem will die Telekom ebenfalls noch in diesem Jahr ihre Handy-Gesellschaft T-Mobil an der Börse platzieren.

Nicht viele Konzerne haben so begehrte Töchter wie die Telekom: Vodafone will nach der Fusion mit Mannesmann verwirklichen, was die Düsseldorfer auch selbst schon geplant hatten - das traditionelle Geschäft des Unternehmens, Anlagenbau und Automobilzubehör, als selbständige Gesellschaft unter die Anleger zu bringen, und der Thyssen-Krupp-Konzern will sich auf diesem Weg von seiner Stahl-Produktion trennen.

Und schließlich will auch noch der Bund am Börsenboom teilhaben: Weitere Telekom-Anteile sowie die Post und deren Tochter Postbank stehen zum Verkauf.

Ob der Kapitalmarkt diese dicken Brocken problemlos bewältigt, ist fraglich, zumal auch noch rund 300 kleine Hightech-Schmieden auf den ohnehin schon überhitzten Neuen Markt, das Börsensegment für Wachstumsmärkte, drängen.

Siemens-Chef Heinrich von Pierer muss das nicht stören: Die Nachfrage nach der Infineon-Aktie ist gewaltig. Zum einen führt das Chipunternehmen die Liste der Börsengänger an - noch sind die Anleger liquide. Und zum anderen haftet Infineon jenes Hightech-Image an, das die Aktienkurse derzeit scheinbar unaufhaltsam in die Höhe treibt.

Dass das Chipgeschäft extremen Schwankungen unterliegt, wird vernachlässigt. Die Anleger hoffen offenbar, dass Infineon die Erfolgsgeschichte seiner Schwestergesellschaft Epcos wiederholt.

Erst im vergangenen Jahr gliederte Siemens diese weithin unbekannte Konzernsparte aus und gab ihr einen griffigen Namen, der seine wenig spektakuläre Bedeutung geschickt kaschiert: Epcos steht für »electronic parts and components«, für Produkte wie Kondensatoren, Frequenzfilter oder Widerstände.

Im Herbst führte Siemens die Epcos-Aktie an der Börse ein - seitdem hat sich ihr Wert verfünffacht. Denn nach und nach dämmerte den Anlegern, dass die vermeintlich langweiligen Teilchen zum Innenleben von Handys gehören - und damit vom Handy-Boom profitieren. In der vergangenen Woche wurde die junge Aktie sogar schon in den ehrwürdigen Aktienindex Dax aufgenommen, als Ersatz für Mannesmann. Das gab der Epcos-Aktie noch einmal einen gewaltigen Auftrieb.

Infineon-Chef Schumacher wird der Rummel um die Siemens-Töchter langsam unheimlich, er versucht, die Euphorie zu dämpfen. »Wir werden es wohl nicht schaffen, die Epcos-Erfolgsstory zu wiederholen«, warnte er kürzlich.

Für Siemens-Chef Pierer hat sich der Börsengang von Infineon schon jetzt gelohnt: Er bekommt rund zehn Milliarden Mark in die Kasse und kann damit die Verluste ausgleichen, die der Aufbau der Halbleiterproduktion einbrachte.

Schumachers Vorgänger hatten im großen Stil neue Speicherchipwerke, unter anderem im britischen North Tyneside, aus dem Boden gestampft. Die Silizium-Winzlinge werden vor allem in Computern zur Informationsspeicherung eingesetzt.

Doch Überkapazitäten und ein erbitterter Wettbewerb ließen die Preise ins Bodenlose fallen. Zerknirscht musste der Siemens-Chef die gerade erst mit großem Bohei mit der englischen Queen eingeweihte Chipfabrik schließen.

Ende 1998 beschloss Pierer, die komplette Halbleitersparte, zu der auch Epcos gehörte, abzukoppeln und an die Börse zu bringen. Die Aufgabe, die verlustreiche Siemens-Tochter Infineon in kürzester Zeit börsenfähig zu machen, übertrug er dem Außenseiter Schumann, in Konzernkreisen unter dem Spitznamen »The maniac« bekannt.

Der Rheinländer, der seine Vorstandskollegen gern mit unkonventionellem Outfit in Jeans und Poloshirt schockt, wusste die neu gewonnene Freiheit nach der Abspaltung von der Übermutter im vergangenen April zu nutzen.

Statt auf Speicherchips, die vom zyklischen Auf und Ab in der Halbleiterbranche besonders stark betroffen sind, setzt der Infineon-Chef neuerdings auf Logikchips. Die Mini-Rechenmaschinen steuern unter anderem Handys, Herzschrittmacher oder Küchenherde und sind zur Zeit gefragt wie selten zuvor.

Auch mit den Arbeitnehmervertretern legte Schumacher sich an, ein Sakrileg in der heilen Siemens-Welt. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, baute der Siemens-Sanierer in der Fertigung rund 2000 einfache Arbeitsplätze ab und ersetzte sie durch Entwickler und Ingenieure. Die lockt er mit einem eingängigen Slogan, der auch die 100-Millionen-Mark teure aktuelle Werbekampagne ziert: »Never stop thinking.«

Zusätzliche Erträge soll ein neues Entlohnungssystem schaffen, das der Siemens-Manager bereits in seinem Chipwerk in Dresden eingeführt hat und am liebsten auch auf andere Fabriken übertragen würde. Statt der ausgehandelten Tariferhöhungen der IG Metall erhalten die Beschäftigten nur zwei Prozent mehr Lohn. Läuft das Geschäft gut, können sie ihr Einkommen allerdings um bis zu zehn Prozent steigern. Gearbeitet wird 40 statt 35 Stunden pro Woche. Die Regelung soll, auf freiwilliger Basis, demnächst auch für München und Regensburg gelten.

Erste Erfolge von Schumachers Radikalkur zeichnen sich schon ab. Pünktlich zum Börsengang konnte Infineon in den ersten drei Monaten des laufenden Geschäftsjahres erstmals wieder einen Gewinn von fast einer viertel Milliarde Mark ausweisen.

Damit der künftig weiter steigt, will Schumacher auch die Produktpalette seines Bauelemente-Imperiums gründlich auffrischen. Geht es nach ihm, bricht in Deutschland schon bald ein neues Dienstleistungszeitalter an, das Autofahrern und Handy-Nutzern das Leben deutlich erleichtern soll.

Dank intelligenter Infineon-Chips sollen sich Autotüren demnächst auf Zuruf öffnen und Fernseher auf Kommando den Wunschkanal einschalten. Handys, so schwebt Schumacher vor, sollen künftig in Chipgröße wie ein Ohrring getragen werden und Anrufe ausländischer Freunde und Geschäftspartner automatisch übersetzen.

Selbst die lästige Suche nach der Geheimnummer am Bankautomaten soll entfallen. Schon bald könnte ein Fingerabdruck genügen, damit der Automat den gewünschten Geldbetrag ausspuckt.

Analysten hören solche Geschichten gern: Highflyer an der Börse brauchen eine eingängige Story. Andererseits fürchten sie, dass der Mutterkonzern sich auch künftig in die Geschäftspolitik seiner Tochter einmischen und Senkrechtstarter Schumacher stoppen könnte. Der Konzern behält immerhin zunächst mindestens 70 Prozent an Infineon und will sich erst in gut einem Jahr von weiteren Anteilen trennen.

Doch Siemens-Chef Pierer hat die Lektion, die ihm die Kapitalmärkte erteilt haben, inzwischen gelernt. Er will den »Jungen Wilden«, wie die Infineon-Pioniere hausintern heißen, weitgehend freie Hand lassen.

Von vier Siemens-Managern, die zur Zeit noch im Infineon-Aufsichtsrat sitzen, sollen zwei ihr Mandat demnächst abgeben. Auch an den Quartalsgesprächen der Siemens-Führung, bei denen die Bereichsleiter über ihren Geschäftserfolg Rede und Antwort stehen müssen, soll Schumacher nach dem Börsengang in Frankfurt und New York nicht mehr teilnehmen. »Das lassen die strengen amerikanischen Rechnungslegungsvorschriften nicht zu«, meint ein Pierer-Berater mit einem Anflug von Bedauern.

Sollte es Schumacher gelingen, sich erfolgreich vom Mutterhaus zu emanzipieren, stehen Siemens-Chef Pierer schwere Zeiten bevor. Auch die Leiter anderer zukunftsträchtiger Bereiche wie der Handy-Sparte oder der Netztechnik würden sich lieber heute als morgen dem Zugriff der übermächtigen Zentrale entziehen und ihre florierenden Sparten an die Börse bringen.

Dabei berufen sie sich gern auf das Beispiel ihres Kollegen Schumacher. Obwohl die Chipsparte nur gut fünf Prozent des Siemens-Umsatzes erwirtschaftet, wird der Ableger von Fachleuten schon jetzt mit einem Börsenwert von über 40 Milliarden Mark gehandelt. Der Mutterkonzern Siemens bringt es trotz der Kurssteigerungen der vergangenen Monate gerade mal auf knapp 200 Milliarden Mark. »In spätestens fünf Jahren«, meint ein Infineon-Manager mutig, »haben wir den Mutterkonzern überrundet.«

Die wundersame Geldvermehrung ließe sich auch bei anderen Siemens-Bereichen wiederholen. Doch Pierer will von solchen Plänen - zumindest vorerst - nichts wissen. »Dann wäre Siemens nicht mehr Siemens«, meint ein hoher Konzernmanager.

Pierers neuem Hoffnungsträger Schumacher kann der Aufruhr, den er intern mit seinem Alleingang entfacht hat, nur recht sein. Schafft er es, Infineon neben der Telekom als zweite Volksaktie zu etablieren, steht einem weiteren Aufstieg des Senkrechtstarters nichts mehr im Wege. Dann könnte er sogar seinen obersten Chef beerben, wenn der sich in ein paar Jahren in den Aufsichtsrat zurückzieht.

Spätestens dann könnte sich doch noch erfüllen, was Analysten seit Jahren fordern: die Zerschlagung des drittgrößten deutschen Industriekonzerns in viele eigenständige Aktiengesellschaften. DINAH DECKSTEIN

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