Bekleidungskette Gap: Das Plastik-Gummi-Fiasko - DER SPIEGEL
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Bekleidungskette Gap Das Plastik-Gummi-Fiasko

Mit Khakihosen und weißen T-Shirts hat Gap Amerika erobert. Doch vor zwei Jahren wurde das dem Chef "Mickey" Drexler zu langweilig - und er führte Plastik, Glitter und Kunstpelz ein. Die Kunden laufen der größten US-Bekleidungskette seither in Scharen davon. Jetzt verspricht Drexler die Rückkehr zu den "Basics".
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New York - Gap ist eine dieser amerikanischen Erfolgsgeschichten. Seit der Gründung 1969 in San Francisco hat sich das Unternehmen ähnlich mühelos in den Malls und Downtowns ausgebreitet wie McDonald's oder Starbucks. Inzwischen zählt das Klamotten-Imperium 4100 Filialen, unter drei verschiedenen Markennamen: Die Kernmarke Gap bietet Mode für den amerikanischen Jedermann, Banana Republic verkauft schlichten Schick für Yuppies, und Discounter Old Navy will die ganze Familie inklusive Hund preiswert einkleiden.

Jahrelang schien Gap unaufhaltsam. "For every generation there is a Gap" - der Allmachtsanspruch klang schon im Werbeslogan durch. 1987 wurde die erste ausländische Gap-Filiale in London eröffnet, 1995 erreichte die Welle auch Deutschland. Der Umsatz von Old Navy, erst 1994 gegründet, durchbrach bereits nach vier Jahren die Eine-Milliarde-Dollar-Schallmauer. Das Fünf-Dollar-T-Shirt mit der Aufschrift "Old Navy" wurde zum Sofort-Klassiker. In den Neunzigern brach in amerikanischen Büros die Khaki-Revolution aus, und Gap war der offizielle Ausrüster. Es lief alles wie am Schnürchen, jedes Jahr wurden Hunderte neue Filialen eröffnet. Durchschnittlich fügte Gap in den Neunzigern pro Jahr 16 Prozent an Verkaufsfläche hinzu. Die Branchenkollegen waren voller Bewunderung: Gap-Chef Millard "Mickey" Drexler wurde auch "der Magier" genannt.

Doch dann, ungefähr zu der Zeit, als der Nasdaq Composite auf die 5000 Punkte zusteuerte, stieg Drexler der Erfolg zu Kopf. "Wir fanden die Basics auf Dauer zu langweilig", sagt er heute. Seit Anfang 2000 zeigte Gap darum mehr Mut zu Farbe und Form, weg von der Langweiler-Baumwolle, hin zu Plastik, Gummi und diversen Kunsthaaren. Heraus kamen Mode-Statements wie türkisfarbene Pullover mit dem Schriftzug "Fabulous", pinkfarbene Kordhosen und reich verzierte Jeans, die kaum die Hüften bedecken.

Es war ein Desaster. Das war nicht mehr die Mode für Jedermann, sondern für die Britney-Spears-Fraktion. Die über 25-Jährigen nahmen Reißaus. Was das Magazin "Fortune" im Oktober 2000 noch als "Fashion Fauxpas" abtun konnte, hat inzwischen bedrohliche Ausmaße angenommen: Seit 21 Monaten fallen die Verkaufszahlen pro Filiale - in vielen Monaten zweistellig. Und ein Boden ist nicht in Sicht. Im Februar werde es einen weiteren Einbruch um 17 Prozent geben, sagte Finanzchefin Heidi Kunz bei der Vorstellung der Quartalszahlen am Dienstag. Für das vierte Quartal gab Gap einen Verlust von 34 Millionen Dollar bekannt, im gleichen Vorjahreszeitraum war es noch ein Gewinn von 272 Millionen Dollar. Für das Gesamtjahr 2001 beläuft sich der Verlust auf 7,8 Millionen Dollar - gegenüber 877 Millionen Dollar im Vorjahr. Und Schuld ist nicht die Rezession: Die meisten Konkurrenten können auch jetzt einen Gewinn vorweisen. Der Umsatz im vierten Quartal ging um elf Prozent auf 4,1 Milliarden Dollar zurück. Die Zahlen erfüllten die Erwartungen der Analysten.

Um den Abwärtstrend zu stoppen, will Gap sich auf seine alte Stärke besinnen: Keep it simple. Es ist die Rückkehr auf den Pfad der Tugend: Khaki-Hosen, Jeans, T-Shirts, Pullover mit V-Ausschnitt. "Wir wollen die Khaki-Herrschaft zurückerobern", kündigte Drexler am Dienstag an. Neben der Produktrevision wird auch das Management neu geordnet. So kümmert sich Drexler fortan persönlich um den Turnaround des größten Sorgenkindes Gap. Ein Analyst hat diese Aufgabe bereits mit der Mühe verglichen, einen gestrandeten Wal zurück ins Wasser zu bringen.

Auch bei der Expansion treten die Manager auf die Bremse. Nur noch drei Prozent neue Verkaufsfläche sind für 2002 vorgesehen, das sind 170 bis 190 Filialen. Letztes Jahr hatte das Unternehmen noch 600 neue Filialen eröffnet - ein Zuwachs von 16 Prozent. Schließen werde man 51 Filialen, genauso viele wie letztes Jahr, sagte Kunz.

Doch vielen Analysten ist das noch nicht genug. Gap ist ihrer Meinung nach viel zu schnell gewachsen. Als die Wirtschaft in 2000 bereits merklich abkühlte, vergrößerte Gap seine Verkaufsfläche noch unverdrossen um 31 Prozent. Deshalb sitzt das Unternehmen jetzt auf einem Schuldenberg von zwei Milliarden Dollar, dieses Jahr werden voraussichtlich 145 Millionen Dollar an Zinsen fällig. Alle drei Rating-Agenturen, Standard & Poor's, Moody's und Fitch, haben Gaps Bonität kürzlich auf Junk-Status runtergestuft.

Im Moment hat Gap noch keine Liquiditätsprobleme. Aber 2002 wird das Jahr der Entscheidung, sagen Analysten. Wenn die Kunden nicht zurückkommen, sieht es düster aus. Auch die Anleger zweifeln an "Magier Mickey". Der Aktienkurs ist seit seinem Hoch im Februar 2000 über 70 Prozent gefallen. Nach Bekanntgabe der Quartalszahlen gab der Kurs um weitere acht Prozent auf 12,52 Dollar nach.

Konkrete Versprechen, etwa ein Datum für die Rückkehr der schwarzen Zahlen, will Drexler nicht abgeben. Aber er versichert: "Wir wissen, was wir zu tun haben". Keep it simple, Mickey.