Bellen oder beißen? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 40 / 118

INVESTOREN Bellen oder beißen?

Der US-Finanz-Cowboy Guy Wyser-Pratte hat mal wieder ein deutsches Unternehmen im Visier: Doch am Reiseriesen TUI könnte selbst er sich verheben.
• aus DER SPIEGEL 41/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Guy Wyser-Pratte, 67, hat eine überbordende Phantasie. Wenn er von seiner Heimat New York Richtung Europa fliegt, sieht er eine Landschaft voll altertümlicher Festungen. Sturmreife Bollwerke sind viele Unternehmen für ihn, oben hinter den Zinnen stehen überhebliche Burgherren (vulgo: Vorstandschefs). Unten im Graben lauern die Krokodile ihrer Aufsichtsräte, die nur darauf warten, strahlende Helden des Kapitalismus wegzubeißen - also Leute wie ihn.

Am Dienstag vergangener Woche war es wieder so weit. Wyser-Pratte war gerade in der Alten Welt gelandet und holte bereits zur Attacke aus - diesmal gegen den Tourismusriesen TUI unter Vorstandschef Michael Frenzel. Den ganzen Flug habe er »damit verbracht, den Heuschrecken auszuweichen«, rief er in gespielter Empörung. Die deutsche Debatte um angeblich alles leer fressende Schwärme böswilliger Finanzinvestoren wie ihn hält er für »sozialistischen Unsinn«.

Heuschrecken! Frenzel! TUI! Akzentfrei gehen dem US-Investor diese Begriffe über die Lippen, seit er Ende September für angeblich 40 Millionen Dollar rund ein Prozent der TUI-Aktien gekauft hat. Seine Mission: restrukturieren, Kurs hochpeitschen, Anteile verkaufen, weiterziehen.

Das Besondere an Wyser-Pratte, einem hochgewachsenen Reserveoffizier der U. S. Marines: Er hat sich auf deutsche Ziele spezialisiert. Rheinmetall, Babcock Borsig, die Maschinenbaufirma Kuka (früher: IWKA) und kürzlich erst der Filmentwickler Cewe Color - sie alle hat er schon durcheinandergewirbelt, oft Millionen verdient, gelegentlich auch etliche verloren. Keines seiner Ziele jedoch war so groß wie TUI, ein Unternehmen mit 21 Milliarden Euro Jahresumsatz - und einem seit Jahren depressiv stimmenden Aktienkurs.

»Ich habe eine ganze Weile verfolgt, wie TUI Werte zerstört«, scheppert Wyser-Pratte, »das Missmanagement ist unglaublich.« Vorstandschef Frenzel und seine Managementkollegen behandelten TUI »wie ihr eigenes Fürstentum«.

Dass Frenzel immer wieder mal ins Visier feindlicher Finanzinvestoren gerät, hat er sich indes auch selbst zuzuschreiben, seit er vor zehn Jahren beschloss, aus dem Mischkonzern Preussag eine Touristikgruppe zu schmieden. Allein die 1998 verkaufte Stahlsparte ist heute fast doppelt so viel wert wie der Rest der TUI, der neben der Containerschiffsparte Hapag-Lloyd noch wertvolle Hotelbeteiligungen umfasst.

Das Tourismusgeschäft brachte er im Sommer unter dem Namen TUI Travel in eine Gemeinschaftsfirma mit dem britischen Wettbewerber First Choice ein. Nun hängt für Frenzel alles davon ab, wann und wie stark sich Hapag-Lloyd berappelt. Erste positive Signale könnten etwa den norwegischen Reeder John Fredriksen zum Einstieg bei TUI bewogen haben. Er hält seit kurzem gut fünf Prozent - Fredriksen könnte aber auch ein Verbündeter für Wyser-Pratte sein, dessen Angriff bislang ein einsames Solo ist.

Bei der TUI jedenfalls hält sich die Aufregung bislang in Grenzen. Ja, wenn Wyser-Pratte vor einem halben Jahr zur Attacke geblasen hätte ... Damals drohte der Konzern unter den Angriffen mehrerer Hedgefonds tatsächlich auseinanderzufliegen, heißt es intern. Aber jetzt?

Frenzel zählt auf die Unterstützung von drei Großaktionären aus Spanien und Marokko, von denen freilich keiner mehr als etwa fünf Prozent hält. Und auch der Aufsichtsrat steht bislang fest zu Deutschlands dienstältestem Dax-Chef.

So kommt Wyser-Prattes Vorstoß für einen wie ihn erstaunlich spät, auch wenn er in alter Gewohnheit donnert: »Wütende Aktionäre haben mich mit Anrufen und E-Mails überschwemmt.« Auch institutionelle Investoren hätten den Kontakt gesucht: »Säg ihn ab, es ist höchste Zeit!«

TUI sei »eines der unbeliebtesten Unternehmen Deutschlands«. Selbst der Betriebsrat habe ihn schon angerufen, um zu diskutieren, wie Gewinnstreben und Arbeitnehmerinteressen im Konzern in Einklang zu bringen sein könnten. »Das war eine sehr freundliche Geste«, sagt Wyser-Pratte, der die Hilfe der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat gut gebrauchen könnte. »Ich will keine Jobs zerstören, sondern durch effizientes Management neue schaffen«, lockt er die Betriebsräte.

Dennoch muss Frenzel aufpassen, seinen neuen Angreifer nicht zu unterschätzen. Die Zerschlagung der niederländischen Großbank ABN Amro hat auch klein begonnen. Im Februar stieg Christopher Hohn mit seinem Hedgefonds TCI bei dem Geldriesen ein und drängte auf Veränderung. »TCI hat auch nur mit einem Prozent angefangen«, sagt Wyser-Pratte.

Vielleicht sollte sich der Heuschrecken-Senior aber auch aufs Bellen statt Beißen beschränken. Allein sein TUI-Entree trieb die Aktie um zehn Prozent nach oben. Wyser-Prattes Gewinn, wenn er gleich wieder aussteigen würde: vier Millionen Euro. DINAH DECKSTEIN, FRANK HORNIG

Zur Ausgabe
Artikel 40 / 118

Mehr lesen über