Bequemer Weg - DER SPIEGEL
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WETTBEWERB Bequemer Weg

Das Kartellamt will das Glasfaser-Unternehmen verbieten, das fünf Kabel-Firmen in Berlin gründeten. *
• aus DER SPIEGEL 49/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auch für Berlin hatte der Kanzler die wirtschaftliche Wende versprochen. Mehr als hundert im Reichstag versammelte Wirtschaftsführer forderte Helmut Kohl nach dem Regierungswechsel auf, »etwas Gutes für die alte deutsche Hauptstadt« zu tun.

Der Christdemokrat konnte schon damals ein mustergültiges Projekt für seine Berlin-Hilfe vorweisen. Die fünf deutschen Kabelhersteller unter Führung von Siemens hatten Kohl und seinem Postminister Christian Schwarz-Schilling zugesagt, für 113 Millionen Mark in Berlin eine nagelneue Fabrik zur Herstellung von Glasfasern zu bauen.

Doch aus Kohls Vorzeigefabrik wird vorerst wohl nichts. Ausgerechnet eine in Berlin ansässige Bundesbehörde will das Projekt verhindern.

Das Kartellamt hat bei seinen Dienstherren in Bonn wettbewerbsrechtliche Bedenken angemeldet. Die fünf von Berlin - Siemens, AEG, SEL, Kabelmetal und die Philips-Tochter PKI - sind die Großfirmen, die hierzulande Kabel herstellen. Wenn sie in der Sparte Glasfasern gemeinsame Sache machten, so der Einwand, könnte der Kabelklub künftig die Preise diktieren.

Geschröpft von dem Berliner Kartell würde der einzige große Kabelkunde in der Bundesrepublik, die Bundespost. Sie vergibt die Aufträge für jenes großzügige Kabelnetz, mit dem die Christliberalen die Republik überziehen wollen.

Die Verkabelung verspricht ein einträgliches Geschäft zu werden. Nach und nach soll weltweit die Technologie mit der haarfeinen Glasfaser die Techniken der herkömmlichen Kabelgenerationen ablösen. Das alte Kupferkabel hat ausgedient, aber auch das modernere Koaxialkabel kann selbst in armdicken Versionen nicht die vielen Funktionen eines Faserstrangs übernehmen.

Das fingerdünne Kabel, in dem rund hundert Glasfasern gebündelt sind, kann gleichzeitig zahlreiche Telephongespräche, Fernseh-Sendungen oder Video-Konferenzen übertragen. Der Postminister versprach der deutschen Kabelindustrie, das neue Superkabel bis 1995 mit einer Faserlänge von insgesamt einer Million Kilometer unter die deutsche Erde zu bringen.

Erst nach dieser Abnahmegarantie Bonns schwenkte das Kabelkartell in die neue technologische Richtung. Einige der Unternehmen, wie die AEG und SEL, hatten zwar schon Versuchsanlagen gebaut. Doch produktionsreif war

keine der Firmen. Nur der US-Konzern Corning, Philips im holländischen Eindhoven und japanische Firmen wie Sumitomo ziehen nach eigenen Verfahren derzeit die Faser in Großserie.

Die fünf deutschen Kabelfirmen entschieden sich für den bequemeren Weg. Branchenführer Siemens, der mit Corning in den USA ein gemeinsames Glasfaser-Unternehmen besitzt, erwarb von der US-Tochter die Lizenz. Nach dem Verfahren von Corning und Philips wollten die Kabelfirmen an der Spree gemeinsam die Fasern herstellen. Jeder sollte das Produkt in den eigenen Fabriken mit dem Kabelmantel versehen.

Die Kartellbehörde war nicht abgeneigt, die vom Kanzler so warmherzig empfohlene Fabrik zu genehmigen. Schließlich war weit und breit kein Mitbewerber aufzutun, der von dem Gemeinschaftswerk benachteiligt worden wäre.

Doch da meldete sich eine Firma aus Burghausen, einer Kleinstadt rund hundert Kilometer östlich von München. Die Abgesandten der Wacker-Chemitronic GmbH kündigten ihr Interesse an der Produktion von Glasfasern an. Das Unternehmen gehört je zur Hälfte dem Chemiekonzern Hoechst und der bayrischen Gründerfamilie Wacker. Es plant den Einstieg in das Zukunftsgeschäft.

Dafür gibt es gute Gründe. Die Manager aus Oberbayern wollen eigene Industrie-Abfälle für die Herstellung der Glasfasern nutzen. Als der Welt größter Hersteller von reinstem Silizium, das für die Produktion von Computer-Chips unerläßlich ist, verfügt die Firma bergeweise über Siliziumtetrachlorid. Wird dieser Müll, der bislang nicht genutzt werden konnte, aufbereitet, entsteht Siliziumdioxid - der Stoff, aus dem die Fasern sind. Die Wacker-Männer wollen ihre Fasern nach dem Verfahren des japanischen Produzenten Sumitomo ziehen. Dafür würden sie in Burghausen gleich neben der Siliziumfabrik eine Fertigungsstätte für die Faserproduktion bauen.

Daß es ein solches Unternehmen schwer hätte, gegen die Gemeinschaftsfirma der Kabelgiganten anzukommen, scheint dem zuständigen Kartellbeamten Kurt Markert unstrittig. Nach den Regeln des Wettbewerbsrechts kann er nun nicht umhin, sein Veto einzulegen.

Der Post und ihrer zahlenden Kundschaft würde das nur nutzen. Schon die ersten Angebote der Berliner Glasfaser-Manager ließen erahnen, daß sie sich bei ihren Preisen keinerlei Zurückhaltung auferlegen wollten.

Für die als Pilotprojekt geplante Verkabelung der Strecke Hamburg - Hannover stellten die Firmen einen Preis von sechs Mark pro laufenden Kabelmeter in Aussicht. Ein Kabel mit der Faser aus Bayern würde, auch ohne Berlin-Förderung, zum Weltmarktpreis zu haben sein. Und der liegt derzeit weit unter drei Mark.

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