Beratung zu Hartz IV: "Unter Kohl war alles besser!" - DER SPIEGEL
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Beratung zu Hartz IV "Unter Kohl war alles besser!"

In Berlin lud der Anwaltsverein verzweifelte Arbeitslosengeld-II-Empfänger zum Beratungsgespräch. Zum symbolischen Preis von einem Euro konnten sich Betroffene Rat holen. Mancher nutzte das Gespräch auch, um Wut und Frust abzulassen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Nicole Ottenberg hat einen rosa Zettel in der Hand, auf dem die Zahl 187 steht - es ist ihr Ticket zum Anwalt. Ungefähr zwanzig Minuten hat man ihr am Infotisch gesagt, werde es dauern, bis ihre Nummer an der Reihe ist und man sie zum Gespräch ruft. Im Warteraum des Berliner Anwaltsvereins ist kein Stuhl mehr frei, draußen haben sich Menschen in eine Schlange eingereiht und warten geduldig.

Sie ahnen, dass sich ihr Warten lohnt: Aus dem Raum, in dem Beratungsgespräche stattfinden, kommen Menschen - die machen einen aufgeräumten Eindruck, stoßen erleichterte Seufzer aus und schieben dann ein entschiedenes "OK" hinterher. "Ich bin schlauer jetzt" murmelt einer und verlässt schnellen Schrittes das Gebäude.

" Es wimmelt von Rechtsbegriffen"

Rund eine halbe Stunde hat jeder Zeit, um sich von den Juristen Fragebögen und Regelungen, die für das Arbeitslosengeld II gelten, erklären zu lassen: "Die Fragen sind nicht verständlich, es wimmelt von unbestimmten Rechtsbegriffen. Die Leute wissen nicht - was ist jetzt die Bedarfsgemeinschaft und was die Hausgemeinschaft", sagt Volkan Erceli. Er ist einer der Anwälte, die sich bereit gefunden haben, die Fragen der Betroffenen ohne Geld zu beantworten.

Einen Euro pro Stunde zahlen die Ratsuchenden vor dem Gespräch in die Kasse ein - ein symbolischer Preis, der an die von der Agenda 2010 vorgesehenen 1 Euro Jobs erinnert. "Aber so ist es nicht gedacht. Es ist eher eine Art von Schutzgebühr. Was mit dem Geld passiert, ist noch nicht entschieden - wahrscheinlich spenden wir es an einen Berliner Verein gegen rechte Gewalt", sagt der Pressesprecher des Anwaltsvereins, Thomas Reckermann.

In der Schlange an der Tür steht ein Pärchen. Es wartet darauf, dass eine Mitarbeiterin ihm den Zettel gibt, auf den jeder schreiben muss, mit welcher Frage er oder sie heute hier ist. Aber dem jungen Mann und der jungen Frau geht es nicht um eine Frage, sondern um Grundsätzliches: "Das ist alles so schwer. Ich weiß zum Teil gar nicht was die von mir wollen", sagt der Mann. Seine Freundin schaut ratlos auf den Boden. Sie hat den Antrag zum Arbeitslosengeld II aus der Tasche geholt und blättert ihn noch einmal durch, um ihn dann gleich wieder zurückzustecken.

Während das Paar sich noch ratlos unterhält, wird Nicole Ottenberg zum Gespräch gerufen. Zwanzig Minuten hat warten müssen. Ein Anwalt empfängt die 29-Jährige an einem der Tische, die von Trennwänden abgeschirmt werden. Die Szenerie erinnert an Wahlkabinen. Aber hier geht es um andere Kreuze als die, die Frauen und Männer für eine Partei machen. Hier geht es um Angaben zu Vermögen, Wohnung und Miete. "Obwohl ich eine ungeheure Wut habe auf die Regierung wegen Hartz IV", sagt Nicole Ottenberg und schüttelt dann ihrem Anwalt Volkan Erceli die Hand.

"Was heißt angemessen?"

Ottenberg ist Diplomsozialpädagogin. Nach ihrem Studium hatte sie eine befristete Stelle als Sozialarbeiterin, seitdem ist sie ohne Arbeit. Sie wohnt mit ihrem Mann in einer 100 Quadratmeterwohnung in Berlin und zahlt 1000 Euro Miete im Monat. "Ich möchte wissen, ob es sein kann, dass wir gezwungen werden, umzuziehen und welche Grenze es gibt - was ist denn gemeint mit angemessene Größe?"

Fragen zur angemessenen Größe einer Wohnung hat Anwalt Volkan Erceli schon mehrmals gehört. Er legt ihr eine Tabelle vor: "Für einen Haushalt von zwei Personen sind 60 Quadratmeter angemessen". Deshalb werde Nicole Ottenberg sich im Laufe von sechs Monaten eine neue Wohnung suchen müssen, wenn sie will, dass die Miete komplett durch das Wohngeld abgedeckt wird. "Aber lassen Sie sich das bloß alles schriftlich geben. Nicht, dass der Berater ihnen dann sagt, sie haben sechs Monate Zeit zum Umzug und dann heißt es plötzlich, sie müssten in drei Monaten raus aus der Wohnung", rät er. Bei solchen Fragen komme es ganz klar darauf an, ob der Sachbearbeiter einen guten Tag habe - oder einen schlechten. "Endlich mal eine neutrale Beratung", sagt Nicole Ottenberg.

Nicht alle bleiben hier so sachlich wie die junge Sozialpädagogin. Ein Mann mit Halbglatze wütet vor der Tür des Beratungsraumes: "Wir haben eine asoziale Regierung. Unter Kohl war alles besser." Solche Reaktionen sind an diesem Donnerstag eine Ausnahme. "Sicherlich, manche haben hier auch einfach ihre Wut abgelassen", sagt der Geschäftsführer des Berliner Anwaltsvereins Carsten Langenfeld. Die Anwälte aber sind zufrieden. "Wir überlegen", sagt Langenfeld, "die Aktion noch einmal zu machen - viele haben die Gelegenheit genutzt."