Der Vorstand des Handelsriesen co op frisiert jahrelang die Bilanzen; die Chemiefirma Imhausen liefert Libyen eine C-Waffen-Fabrik; beim Handelsunternehmen Klöckner verspekuliert ein leitender Angestellter das Vermögen der Firma; der Chefdevisenhändler von Volkswagen soll eine halbe Milliarde Mark veruntreut haben; Helmut Lohr, Vorstandsvorsitzender der Elektrofirma SEL, wird vorübergehend wegen Betrugverdachts verhaftet; Alfons Gödde, Ex-Chef der Krupp Stahl AG, sitzt wegen des gleichen Vorwurfs in U-Haft: Skandale haben Konjunktur in der bundesdeutschen Wirtschaft.
Eine Sonderkonjunktur ist das nicht. Der Moralverfall, der in der Managerkaste zu verzeichnen ist, findet seine Entsprechung in den Niederungen der Gesellschaft. Die Soziologen-Erkenntnis, daß die Korruption mit wachsendem Wohlstand abnimmt, wird in diesen Zeiten durch die entwickelten Industriestaaten widerlegt. Mit anschwellendem Reichtum, so müssen wir lernen, nimmt die Begehrlichkeit zu. Die Hemmschwelle, die zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem liegt, sinkt immer tiefer.
Die Regierenden gehen mit schlechtem Beispiel voran. Sie mißbrauchen den Staat als Selbstbedienungsladen und zeigen, wenn sie erwischt werden, keine Bedenken, sich eine Amnestie auszufertigen. Das Volk eifert ihnen nach: Ladendiebstahl, Schwarzarbeit, Versicherungsbetrug und Steuerhinterziehung nehmen ständig zu.
»Enrichissez-vous!« hatte im vorigen Jahrhundert Guillaume Guizot, erster Mann im Kabinett des französischen Bürgerkönigs Louis-Philippe (des ersten Landesvaters, der »Birne« genannt wurde), als Signal für den Aufbruch in den ungehemmten Kapitalismus dem Großbürgertum zugerufen. Das »Bereichert euch!« ist heute, mehr denn je, das Motto der Zeit.
Es ist das Motto einer Gesellschaft, in der es allgemeinverbindliche moralische Standards nicht mehr zu geben scheint; es ist die Parole einer Gesellschaft, der im Zuge des raschen technischen Fortschritts und der stetig anschwellenden Informationsflut die Orientierung längst abhanden gekommen ist.
Die Kirchen, zu Minderheiten-Veranstaltungen geschrumpft, können Wegweisung nicht mehr geben. Eltern und Schule sind nicht mehr die Autoritäten, die sie einmal waren. Die Ökonomie, einst Teil der Moralphilosophie, ist zu einer technischen Wissenschaft gediehen, die sich vornehmlich die Köpfe darüber zerbricht, wie noch mehr wirtschaftliches Wachstum zu erreichen ist.
In seiner Not hält der allein gelassene Mensch der Industrie-Ära sich an Handgreifliches. Die neuen Werte sind materielle. Über den gesellschaftlichen Status entscheidet der Konsum, Geld ist zum alles beherrschenden Wertmaßstab geworden. Egal, wie man drangekommen ist.
Da können natürlich die Manager keine Ausnahme machen. Die Verlockungen zum Kohlemachen, denen sie sich tagtäglich ausgesetzt sehen, erscheinen fast übermächtig.
Legale und illegale Arten der Gewinnerzielung sind oft nur schwer auseinanderzuhalten. Die Trennungslinie zwischen Geschäftstüchtigkeit und kriminellem Handeln verliert sich irgendwo in einer Grauzone. Prämiert wird schließlich nur der Erfolgreiche.
1920 bereits hatte der Soziologe Goetz Briefs die Theorie der »Grenzmoral« aufgestellt: Sie besagt, daß derjenige mit dem schäbigsten, aber gerade noch legalen Verhalten im Geschäftsleben den größten Reibach macht.
Der Wettbewerb zwingt die Konkurrenten dazu, sich diesem Moralniveau anzupassen. Denn nur die Besten überleben in dieser Wolfsgesellschaft, das heißt in diesem Falle die mit den wenigsten Skrupeln.
Wo die Gefahr, ertappt zu werden, so angenehm gering ist; wo die Chance des Wirtschaftskriminellen, einen Orden zu bekommen, größer ist als das Risiko einer Gefängnisstrafe; wo die Täter weiße Kragen tragen und der Oberwelt angehören; wo die Opfer meist abstrakt und anonym bleiben - da sterben Skrupel fast von alleine ab, da läßt sich ungeniert zulangen. Enrichissez-vous!
»Übermächtige Verlockungen zum Kohlemachen«