Bernankes Kongresspremiere Klarer Kopf, klare Sprache
New York - US-Zentralbankchef Alan Greenspan war nicht gerade ein Mann der klaren Worte - selten konnte man seine Sätze wörtlich zitieren, ohne Nicht-Fachleute gänzlich zu verwirren. Trotzdem verstand man ihn an der Wall Street und in den amerikanischen Wirtschaftsredaktionen - man hatte nach fast 20 Jahren gelernt, seine Aussagen zu interpretieren.
Bernanke bei seiner Aussage: Entscheidungen sollen für Jedermann nachvollziehbar sein
Foto: REUTERSDeshalb war die Verunsicherung beträchtlich, als Greenspans Nachfolger Ben Bernanke am Mittwoch zum ersten Mal seinen Aussagetermin vor dem US-Kongress wahrnahm - dort sagt der Notenbankchef alle sechs Monate über die Lage der US-Wirtschaft aus. Die amerikanische Finanzwelt musste sich darauf einstellen, eine neue Sprache zu lernen: Welche Hinweise auf seine Zinspolitik würde Bernanke wohl in seinem Statement und in seinen Antworten auf die Fragen der Abgeordneten geben? Wie würde man seine Analysen und Ausblicke zu bewerten haben?
Die Antwort ist, dass man den Akademiker beim Wort nehmen kann. Schon vor seinem Amtsantritt hatte er sein Publikum mit Bonmots erfrischt, wie dem, dass er die Bekämpfung spekulativer Überbewertungen an der Börse oder auf dem Immobilienmarkt durch Zinserhöhungen für so sinnvoll halte wie Hirnchirurgie mit dem Vorschlaghammer. Der ehemalige Princeton-Professor ist ein klarer Kopf und er kommt zum Punkt.
Bernanke eröffnete seinen Bericht im trockenem, geschäftsmäßigen Ton und mit einer präzisen Prognose der kurz- und mittelfristigen Wirtschaftsentwicklung. Derartige Daten hatte Greenspan in seinen Auftritten vor den Gesetzgebern selten vorgelegt. Bernanke möchte sich als moderner Analyst positionieren, der sich alle Datenquellen und Prognosemethoden zu Nutze macht, die heutzutage zur Verfügung stehen. Außerdem möchte er Transparenz vermitteln - seine Entscheidungen sollen für Jedermann nachvollziehbar sein.
Rosige Prognosen, nüchterner Stil
Die Vorhersagen für die US-Wirtschaft, mit denen Bernanke seine Ausführungen einleitete, waren trotz seines nüchternen Vortragsstils beinahe euphorisch. Das Bruttoinlandsprodukt werde sowohl 2006 als auch 2007 weiter um dreieinhalb Prozent steigen, die Arbeitslosenrate werde sich im selben Zeitraum unter fünf Prozent stabilisieren Die Inflation werde 2006 bei zwei Prozent bleiben, 2007 gar auf 1,75 Prozent zurück gehen.
Das hörte die Wall Street gerne - während der ersten Stunde von Bernankes Auftritt stiegen die Aktienindizes. So auch die Preise der US-Staatsanleihen, die von der Zentralbankpolitik ganz unmittelbar betroffen sind. Am Rentenmarkt hatte die Rendite für kurzfristige Anleihen die vieler Langläufer zuletzt übertroffen - ein Trend, der bei vielen Beobachter Sorge hervorgerufen hatte, weil eine solchermaßen verdrehte Zinskurve in der Vergangenheit oft Rezessionen angekündigt hat.
Weitere Zinserhöhungen, glaubt man, könnten diese Tendenz noch verstärken. Bernankes optimistische Einschätzung der Inflationsentwicklung hatte jedoch Hoffnung aufkeimen lassen, dass die Leitzinsen bei der nächsten Sitzung des Zentralbankrates im März zum ersten Mal seit langer Zeit nicht erhöht werden.
Bernanke dämpfte diese Hoffnungen schnell wieder. Der Mann, der sich einen Namen gemacht hat, indem er als Forscher die Ursachen der Weltwirtschaftskrise und der Großen Depression in den USA untersuchte, sieht seine erste Pflicht in der Inflationsbekämpfung. Deshalb wollte er es bei seiner ersten Begegnung mit der amerikanischen Öffentlichkeit auf keinen Fall versäumen, eindringlich an die Gefahren der Geldentwertung zu erinnern.
"Wir sind nicht weiter als zuvor"
Bernanke sieht diese Gefahren überall. Das Wachstum, befürchtet er, könne einen Punkt erreichen, an dem Wirtschaft überhitzt. Auch die hohe Beschäftigungsrate sieht er als potentielles Inflationsrisiko. Als Risiken kommen außerdem das enorme US-Außenhandelsdefizit hinzu - und das, was Bernanke als "global savings glut" bezeichnet - einen Anstau von Ersparnissen in den meisten Industrieländern bis auf die USA. All das, so Bernanke, führe ihn zu der Ansicht, dass "eine weitere Festigung der Geldpolitik nötig sein könnte."
Der Satz wurde wohl zum am meisten zitierten des Tages und er hatte unmittelbare Auswirkungen. Schon um Mittag, zwei Stunden nach Beginn von Bernankes Anhörungen, gingen die Kurse an der Wall Street wieder zurück. Die anfängliche Euphorie war einem Kater gewichen - allein der Dollar-Kurs profitierte von Bernankes Stabiliätsgelübden "Es gibt einen positiven Ausblick, die Wirtschaft expandiert; gleichzeitig droht Inflation und es sind weitere Anpassungen nötig" - fasste der frustrierte Reporter des TV-Senders CNBC zusammen. "Wir sind nicht weiter als zuvor."
Immerhin - man weiß woran man mit Bernanke ist. Er will in Sachen Zinspolitik die Linie seines Vorgängers weiterführen: Brian Bethune, Ökonom der Finanzwebsite Global Insight, nannte Bernanke gar einen "Greenspan-Klon". Der Stil, so Bethune, sei zwar anders, die Substanz hingegen bleibe.
Indirekte Kritik am Bushs Defizitkurs
Das will Bernanke auch nicht leugnen. Die Sicherheit, dass die Inflation in Schach gehalten wird, erklärte er unumwunden im Frage- und Antwortspiel mit den Abgeordneten, sei als Stabilitätsfaktor für die Wirtschaft gar nicht zu überschätzen. In den siebziger Jahren habe sich etwa die Ölkrise vor allem aus Angst vor Inflation zum Flächenbrand ausgeweitet. Die steigenden Energiekosten heute hätten nicht derartige Auswirkungen, und das sei vor allem Alan Greenspan zu verdanken: "Die Öffentlichkeit hat großes Vertrauen in die Zentralbank. Deshalb sind die Reaktionen der Finanzmärkte auf Energieverknappung bei weitem nicht so aggressiv wie vor 30 Jahren." Dieses Vertrauen möchte Bernanke auf keinen Fall verlieren.
Es ist ihm sogar wichtig genug, dass er nicht vor Kritik an der Regierung zurückschreckt. In Steuerfragen mochte er sich zwar nicht einmischen: "Die Größe der Regierung zu bestimmen ist Sache des Kongresses." Für die Haushaltspolitik der Regierung fand er jedoch klare Worte: "Die Entwicklung des Defizits macht mir große Sorgen. Es wird auf Dauer unsere Konsumfähigkeit massiv einschränken." Über die Folgen für die Sozial- und gesetzliche Krankenversicherung, so der neue Zentralbankchef, dürfe man die Bevölkerung nicht länger im Unklaren lassen: "Es wird drakonische Einschnitte geben. Man muss den Leuten Zeit geben, sich darauf einzustellen."
Präsident George Bush hat sich zweifellos einen unabhängigen Geist in das Federal-Reserve-Büro an der Constitution Avenue in Washington geholt. Das hat er in Kauf genommen: Um eine Blamage wie bei der gescheiterten Berufung von Harriet Miers zur Bundesrichterin zu vermeiden, wählte er einen Kandidaten, der, obgleich Republikaner, nicht allzu eindeutig auf Parteilinie ist.
"Der einzige Maßstab für Greenspans Politik war doch Alan Greenspan", sagt Alan Blinder, Ökonomie-Professor in Princeton. Wenn der erste Bericht Bernankes Aufschluss über seine Amtsführung zulässt, stehen hinter seinen Entscheidungen nachvollziehbare Denkvorgänge, die er auch zu kommunizieren vermag. Ob die Ergebnisse der Entscheidungen so erfolgreich sind wie bei Greenspan, steht indes auf einem anderen Blatt.