Bertelsmann-Studie Die soziale Marktwirtschaft im Umfragetief
Hamburg - Fast drei Viertel der Bundesbürger, genauer 73 Prozent, empfinden die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland als ungerecht. Nur jeder Achte hält die Verteilung von Vermögen und Einkommen im Großen und Ganzen als gerecht. Das ergab eine Studie der Bertelsmannstiftung, die am Montag in Gütersloh vorgestellt wurde.
Im Vergleich zu den Vorjahren hat sich die Stimmung in der Gesellschaft damit deutlich verschlechtert - trotz des Konjunkturaufschwungs. Im Jahr 2005 waren es nur die Hälfte der Deutschen, die sich unzufrieden mit den wirtschaftlichen Verhältnissen erklärten, ein Viertel bewertete die Verhältnisse für gerecht. 1995 lagen die Befürworter und Kritiker der sozialen Marktwirtschaft sogar noch gleich auf.
In der aktuellen Umfrage waren es nicht nur traditionell die Anhänger von SPD, Linken und Grünen, die ihren Unmut bekundeten, sondern auch die Mehrheit der Anhänger von CDU/CSU und FDP. Besonders unzufrieden mit der sozialen Marktwirtschaft sind die Menschen in Ostdeutschland und in den unteren Einkommensklassen. Doch auch mehr als 60 Prozent der Besserverdienenden bewerten die aktuelle wirtschaftliche Situation als ungerecht.
Die Schwachstellen des wirtschaftlichen Systems sehen die Befragten vor allen Dingen in der zunehmenden Verbreitung von Niedriglöhnen. Rund 82 Prozent der Bevölkerung ist davon überzeugt, dass Menschen, die Vollzeit arbeiten, von ihrem Lohn auch leben können sollten.
Nachbesserungsbedarf sehen die Menschen auch bei Bildung und Gesundheit. Mehr als 90 Prozent stimmten der Forderung zu, der Staat solle mehr Geld für Bildung ausgeben, um vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien zu fördern. Rund 84 Prozent verlangen für alle bezahlbare Leistungen des Gesundheitssystems. Drei Viertel befürworten eine Vereinfachung des Steuersystems. Außerdem stimmten fast 70 Prozent einem Vorschlag zu, nachdem Unternehmen, die gegen geltenden Regeln im Arbeitrecht, Umweltschutz oder gegen Menschrechte verstoßen, keine öffentlichen Aufträge mehr erhalten sollten.
Die repräsentative Studie wurde vom Meinungsforschungsinstitut Allensbach im Auftrag der Bertelsmannstiftung unter 1800 Bundesbürgern im Mai durchgeführt. Anlass ist der 60. Jahrestag der Währungsreform am kommenden Freitag.
kjo/AP