Beruf: Spritzer - DER SPIEGEL
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Beruf: Spritzer

• aus DER SPIEGEL 4/1947
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Razziawelle ging wieder einmal durch Frankfurt am Main. Die Schieber im Hauptbahnhof und die Schwarzhändler der in der Nähe liegenden Kneipen hatten es wirklich nicht leicht: zweimal am Tage wurden sie auf Lastkraftwagen verladen und in das Polizeipräsidium gebracht. Dort wartete eine ausgezeichnete Kartei auf sie und mancher der Verladenen entpuppte sich als ein alter Bekannter. Auf Grund der Kartei konnte man feststellen, daß die Schwarzhändlerei sich schon stark differenziert hat und ganz bestimmte »Berufe« entstanden sind.

Unzählig ist das Heer der »kleinen Schieber«. Sie kaufen bei den Zentralen in kleinen Mengen etwa 100 englische oder amerikanische Zigaretten, das Stück zu 5 Mark. Auf Bahnhöfen und in Bunkern werden die Zigaretten dann für 6 oder 7 Mark abgesetzt. Aber das Handwerk blüht nur kurze Zeit. Ihre Freunde von der Kripo haben sie bald am Kragen, getreu nach der Devise: die Kleinen hängt man und die Großen.

Da sind die »Schlepper« schon geriebener. Sie haben grundsätzlich keine heiße Ware bei sich und lächeln nur verschmitzt, wenn ihnen - zum wievielten Male? - bei einer Razzia die Blechmarke unter die Nase gehalten wird und ihre Taschen durchsucht werden. Die Schlepper sind die Agenten und Adressenvermittler des Schwarzen Marktes. Sie lotsen die »Kunden« in die Privatwohnungen der Schieber en gros. Für abgeschlossene Geschäfte gibt es dann Prozente.

Die Schieber en gros Neben Ihrem Namensschild an der Wohnungstür steht Versicherungsagent oder ähnliches. Natürlich haben sie Telephon und erstklassige Verbindungen. »Einen halben Zentner Zucker? Moment bitte«. Ein kurzes Telephongespräch in dem von allem möglichen die Rede ist, nur nicht von Zucker. »Heute abend nach Beginn der Dunkelheit, Kostenpunkt fünfzehn Scheine«. (Falls es tatsächlich einige Leser nicht wissen: ein Schein gleich 100 Reichsmark.)

Aber wehe, wenn der Schieber en gros den »Spritzern« in die Hände fällt. Dann wird er, ausgezogen, er muß »Haare lassen«. Spritzen, das ist die neueste und einträglichste Erwerbsmethode auf dem Schwarzen Markt. Und das geht so: Zwei oder drei gutgekleidete Männer geben sich als Großeinkäufer aus. Sie kaufen alles und zu jedem Preis. Etwa: »Wir brauchen dringend einige Mille englische Zigaretten, wir gehen morgen in die russische Zone.«

Der Schwarzhändler wittert ein großes Geschäft und beißt an. Während einer der Spitzbuben großartig einen Haufen Scheine vorzählt, prüft ein anderer die Ware und packt sie in seinen Koffer. Und jetzt kommt der Clou: ganze zwanzig Mark und die Faust werden dem Schieber unter die Nase gehalten. »Stimmt's?« Was, es stimmt nicht? Du weißt doch, daß du jetzt hochgehen kannst, du alter Gauner! Da drüben steht die Polente Stimmt's jetzt?

Die Rechnung geht todsicher auf. Auch der hartgesottenste Schieber verliert die Nerven, bei der Aussicht, ein Jahr »Urlaub« antreten zu müssen. So haben im Handumdrehen diese Piraten des Schwarzen Marktes Tausende verdient

Ein Schwarzmarktaristokrat. Er arbeitete nach dem »Spritzer-System«

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