Berufliche Risiken - DER SPIEGEL
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Manager Berufliche Risiken

RWE-Manager Farnung besteht auf seinen Privilegien aus alten HEW-Zeiten - ein Beispiel für die Sitten in der Strombranche.
• aus DER SPIEGEL 45/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Verlust eines Vorsitzenden war den stadteigenen Hamburgischen Electricitätswerken (HEW) noch stets einen amtsangemessenen Empfang im Hotel Vier Jahreszeiten wert. So viel Zeit mußte sein.

Mit dem Abgang von Roland Farnung endete die noble Tradition. Nach neun Jahren gutbezahlter Fron endete das Arbeitsverhältnis des Managers am 9. Mai vorigen Jahres abrupt und ohne Abschiedschampagner.

Die »Voraussetzungen für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit beiderseits« seien nicht mehr gegeben, verkündete der Aufsichtsratsvorsitzende, Hamburgs Umweltsenator Fritz Vahrenholt. Andere Aufseher raunten dunkel von »atmosphärischen Eintrübungen«.

Die sorgen reichlich ein Jahr später immer noch für Auseinandersetzungen zwischen Aufsichtsrat und Ex-Vorstand. Unverhofft werden so die Sitten einer Branche sichtbar, in der sich Stromherren wie Patriarchen aus der Zeit der Stände aufführen, abgeschirmt gegen rauhe Winde des Wettbewerbs.

Dabei war für Farnung der schäbige Abschied von der Elbe der Beginn einer wunderbaren Erfolgsstory. Bereits im September kürte der Aufsichtsrat von RWE Energie in Essen den arbeitslosen Stromer zum Chef des Essener Energiekonzerns. Mußte er sich an der Alster noch mit einem Jahresgehalt von rund 500 000 Mark begnügen, kann er an der Ruhr nach Insider-Schätzungen mit einer Million rechnen.

Aber die Schmach über den unrühmlichen Abgang aus der Hansestadt sitzt tief, und aus Hamburg wird nachgetreten. Nach eigener Einschätzung zeichnet Farnung sich aus durch die »Bereitschaft, berufliche Risiken« zu übernehmen. Das hinderte ihn jedoch nicht, bei Übernahme eines Jobs auch gleich ans Alter zu denken.

Solcher Weitblick ist in Managerkreisen üblich. Die Leistungselite wird nicht müde, die gesetzlichen Renten von durchschnittlich 2500 Mark im Monat als Auswuchs einer verfetteten Anspruchskultur anzuprangern. Doch für die Chefs darf's schon ein bißchen mehr sein.

Gleich bei seinem HEW-Amtsantritt sicherte Farnung sich branchenüblich gegen Armut im Alter ab, im Vergleich zu den Sitten in anderen Energieversorgungsunternehmen sogar eher bescheiden. Rund 120 000 bis 150 000 Mark, so Branchenkenner, werden fällig, wenn Farnung 65 Jahre alt wird. Im neuen Abkommen mit RWE Energie dachte der Stromherr natürlich ebenfalls wieder ans Alter. Die zukünftige, diesmal von RWE zu erwirtschaftende Zweit-Pension wird deutlich höher als die der Hanseaten.

Solchen Überfluß mochten die früheren Arbeitgeber in Hamburg dem ungeliebten Farnung nicht kampflos gönnen. Sie studierten den Pensionsvertrag und kamen zu dem Schluß, die Hanseaten-Rente müsse mit der RWE-Pension verrechnet werden.

Tatsächlich steht in Farnungs HEW-Kontrakt, die Pension werde gestrichen oder verringert, wenn er im Alter andere Bezüge »aus öffentlichen Kassen« erhalte, etwa als pensionierter Beamter oder Angestellter des Öffentlichen Dienstes. Das gleiche gelte auch für Altersrenten von Unternehmen, an denen die öffentliche Hand beteiligt sei.

An der RWE Energie AG sind Länder und Gemeinden indirekt beteiligt. Also sah es nicht gut aus für den ungetrübten Genuß einer Doppelpension.

Das aber mochte Farnung nicht hinnehmen. Im Juni dieses Jahres erhielt der HEW-Aufsichtsratsvorsitzende Vahrenholt Post von seinem Ex-Manager. Darin erklärt der HEW-Rentner und aktive RWE Mann, Rechtsgutachten inklusive, warum es mit dem HEW-Sparplan nichts werden könne.

Im Vertragstext, so Farnung, sei 1985 durch ein »Büroversehen« ein Wort weggefallen. Korrekt dürfe die HEW-Rente nur gegen Bezüge von anderen Unternehmen verrechnet werden, die »überwiegend« im Eigentum der öffentlichen Hand wären. Bei RWE Energie aber hätten private Eigner die Mehrheit.

Die Version vom Schreibfehler ist, Pech für Vahrenholt, plausibel. Im Vertragstext der Pensionszusagen für die übrigen Vorständler findet sich regelmäßig das Wörtchen »überwiegend«. Der Einkommensmillionär Farnung kann sich mit privater Vorsorge deshalb getrost zurückhalten, die Stromkunden von HEW und RWE werden den angemessenen Lebensabend unabhängig von privaten Rücklagen finanzieren.

Einmal in Fahrt, erinnerte sich Farnung an eine vorausschauende Klausel seines Auflösevertrages. Darin heißt es, er müsse »gleichbehandelt« werden »wie die übrigen pensionierten Vorstandsmitglieder der HEW«.

Bis heute zahlen Hamburger Elektrizitätswerker für die Kilowattstunde Privatstrom 50 Prozent weniger als die verehrte Kundschaft. In einem großen Haushalt macht das einen Hunderter pro Monat. Dieses Privileg ließ den RWE-Manager nicht ruhen, das will er auch haben. Nicht wegen der paar Mark natürlich, sondern wegen der Gleichbehandlung, aus Prinzip also.

Daß sich die Hamburger Aufsichtsräte auch gegen dieses Ansinnen wehrten, reizte Farnung nur noch mehr. Er besteht darauf, wie alle anderen pensionierten HEW-Vorständler zur gediegenen Weihnachtsfeier von Vorstand, Aufsichtsrat und leitenden Mitarbeitern geladen zu werden. Y

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