Betriebsrenten-Streichung "Zerrbild des hässlichen Kapitalisten"
Passau/Hamburg - "Ich habe kein Verständnis dafür, wenn die Arbeitnehmer für eine falsche Unternehmenspolitik bezahlen sollen", sagte VdK-Präsident Walter Hirrlinger der "Passauer Neuen Presse". "Der Gesetzgeber ist gefordert, Vorschriften zu erlassen, damit die Betroffenen nicht benachteiligt werden." So gebe es etwa bereits Regelungen, die sicherstellten, dass die Mitarbeiter eines Unternehmens im Falle einer Insolvenz nicht auf ihre Betriebsrenten verzichten müssten.
Kritik kam auch von Seiten der Politik. Der Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse, Hermann-Josef Arentz, warf Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller eine zynische Unternehmenspolitik vor. "Müller verhöhnt seine Mitarbeiter, wenn er für 2004 ein Spitzen-Ergebnis für seine Bank vorhersagt und gleichzeitig über Nacht die Betriebsrenten streicht", sagte Arentz der "Bild"-Zeitung.
Es sei besonders frech, dass die Manager dabei ihre eigene Luxusversorgung ungeschoren ließen. "Kein Klassenkämpfer könnte ein schlimmeres Zerrbild des hässlichen Kapitalisten zeichnen, als es dieser Bankvorstand selbst tut", sagte der CDU-Politiker. Wenn der Commerzbank-Vorstand seinen Beschluss nicht schnellstens rückgängig mache, müsse er zurücktreten. SPD-Generalsekretär Olaf Scholz kritisiert die Kündigung von Betriebsrenten durch die Commerzbank und die Gerling-Versicherung als ein falsches Signal.
Müller indes hat die Streichung der Betriebsrente als zumutbar verteidigt. "Die Entscheidung ist uns schwer gefallen, aber wir können nicht nur unseren Aktionären Verzicht zumuten", sagte er dem Blatt. Bisher habe das Geldhaus seinen Tarif-Mitarbeitern zwischen fünf und 15 Prozent der gesamten Rentenansprüche finanziert. Inzwischen habe sich die Lage der Branche grundlegend gewandelt. "Alle wissen, dass wir uns im Bankgeschäft auf dramatische Veränderungen einzustellen haben, die unter anderem durch eine weltweite Wirtschafts- und Börsenflaute ausgelöst wurden."
Zur Kritik an der nicht gleichzeitig erfolgten Kürzung der Vorstandspensionen sagte Müller: "Unsere Pensionen sind im Verhältnis zu vergleichbaren Banken sehr niedrig. Wir haben hier schon 2001 deutliche Einschnitte vorgenommen."
Die Commerzbank will die Betriebsrenten ihrer rund 26.000 Beschäftigten aus Kostengründen zum Jahresende kündigen. Der angeschlagene Versicherungskonzern Gerling bestätigte, dass die Betriebsrenten vieler Mitarbeiter zum 1. Januar um 30 bis 50 Prozent verringert worden seien.