Bewerberflut Pleitebank Lehman stellt wieder ein
Hamburg - Es sind hochkarätige, erfahrene Leute, die derzeit ihre Lebensläufe bei den Verwaltern von Lehman Brothers einreichen. Banker, die früher bei der Bank of America arbeiteten, bei Morgan Stanley oder bei der Citigroup, die Hunderttausende von Dollar jährlich verdienten, wenn nicht gar Millionen. Dann kam die Finanzkrise, sie verloren ihren Job, so wie insgesamt 20.000 Banker an der Wall Street. Jetzt suchen sie Arbeit, und da ist selbst Lehman, die mit ihrer Insolvenz am 15. September 2008 ein Beben in der Finanzwelt auslöste, gut genug.
Wall Street in New York: Lehman als sichere Bank
Foto: APDer einst klangvolle Name Lehman Brothers ist verbunden mit Pleite, mit Unfähigkeit und Dummheit, auch mit Gier und Dreistigkeit der ehemaligen Manager, die sich die Taschen vollstopften und nichts leisteten und auch jetzt noch, lange nach der Pleite, nicht einsehen, was sie angerichtet haben. Stattdessen bemühen sie sich, ihre Millionen zu retten. Der Name des Ex-Lehman-Chefs Richard Fuld wird in diesem Zusammenhang in der amerikanischen Presse besonders häufig genannt, er hat gerade seine 14-Millionen-Dollar-Villa in Florida für 100 Dollar an seine Frau übertragen, um sie rechtzeitig vor irgendwelchen Schadensersatzansprüchen in Sicherheit zu bringen.
Der Ruf von Lehman ist dahin, die Bank musste sich ein günstigeres Hauptquartier suchen - und trotzdem ist die Beliebtheit der Bank bei Bewerbern ungebrochen. "Wir werden mit Bewerbungen überschwemmt", sagt der Sanierungsexperte Bryan Marsal von der New Yorker Restrukturierungsfirma Alvarez & Marsal dem "Wall Street Journal". Der Chef persönlich kümmert sich um die Abwicklung von Lehman, er ist jetzt der CEO der Investmentbank. "Es ist eine harte, harte Zeit, und da draußen gibt es derzeit eine Menge guter Leute, die Arbeit suchen", zitiert ihn die Zeitung.
In 18 bis 24 Monaten will er seine Arbeit erledigt haben, es ist ein ambitionierter Plan. Marsal und seine Sanierungsexperten kassieren dafür der "WSJ" zufolge zwischen 550 und 850 Dollar pro Arbeitsstunde. Wer von den Bewerbern einen Job bei Lehman bekommt, dürfte weniger verdienen - weitaus weniger, auch gemessen an den Gehältern, die früher gezahlt wurden. Aber da die Abwicklung zwei oder mehr Jahre dauern könnte, sei der Job wenigstens sicher - das garantiere eine Jobsicherheit, die heutzutage selten sei an der Wall Street, berichtet das "WSJ".
Ex-Lehman-Chef Fuld steht zu Diensten
Tatsächlich gibt es bei Lehman selbst nach der Übernahme von Teilen durch Barclays und Nomura einiges zu tun. So verfügt das Institut dem Bericht zufolge immer noch über Barreserven in Höhe von sieben Milliarden Dollar - unter anderem durch den Verkauf des Zentralgebäudes in New York - und verwaltet rund 1400 private Investments über 12,3 Milliarden Dollar. Es gebe ein "Dickicht von rund 500.000 Derivaten mit 4000 Partnern im Wert von 24 Milliarden Dollar". Die Bank besitzt außerdem nach wie vor einige Flugzeuge, für die sie jetzt Käufer sucht.
So gesehen ist Lehman also noch eine sichere Bank - jedenfalls sicherer als jene Banken, die Tausende von Mitarbeitern entlassen haben. In seiner Kanzlei beschäftigt Marsal derzeit 150 Vollzeitkräfte, die sich ausschließlich mit der Abwicklung der Bank befassen. Ziel ist es, die restlichen Lehman-Teile gewinnbringend zu verkaufen und dabei so viel Geld zu erzielen wie möglich. Die Bank hat laut "WSJ" noch 150 Milliarden Dollar Schulden. In den vergangenen Monaten hat Marsal rund 200 entlassene Lehman-Mitarbeiter wieder eingestellt, um bei der gigantischen Aufgabe zu helfen. Weitere Mitarbeiter werden noch gesucht, heißt es.
Dem Bericht zufolge arbeitet auch der viel geschmähte Ex-Chef Fuld noch für das Unternehmen. Fuld war zwar zum 1. Januar 2009 entlassen worden und stand fortan nicht mehr auf der Lehman-Gehaltsliste, aber die neue Führung beließ ihm sein Büro, das nur ein paar Zimmer von dem des neuen CEO Bryan Marsal entfernt ist. "Wir haben ihm angeboten zu bleiben, wenn er nichts Besseres hat", zitiert das "WSJ" Marsal. Es sei gut, dass Fuld nun bei Fragen stets ansprechbar sei. Marsal sagte, er mache mehrmals in der Woche Gebrauch von dieser Möglichkeit.