Biederes Design - DER SPIEGEL
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PORZELLAN Biederes Design

Gefahr für Deutschlands größten Geschirrhersteller: Bei Hutschenreuther stehen Entlassungen und ein Kapitalschnitt an.
• aus DER SPIEGEL 9/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Montag dieser Woche hat Franz Josef Dazert, 72, ein anstrengendes Programm. Vormittags leitet der ehemalige Salamander-Chef in der Frankfurter Deutsche-Bank-Zentrale eine Aufsichtsratssitzung des württembergischen Besteckherstellers WMF. Danach muß der rüstige Rentner gleich noch mal ran.

Am Nachmittag tagt am selben Ort das Kontrollgremium des nordbayerischen Porzellanherstellers Hutschenreuther. Dazert sitzt auch dort im Aufsichtsrat, weil WMF knapp ein Viertel der Anteile an der Geschirrfirma hält.

Das Treffen dürfte turbulent werden. Auf der überraschend einberufenen Sitzung wollen die Kontrolleure beschließen, das Hutschenreuther-Kapital zu halbieren - die Börsianer nennen das einen Kapitalschnitt. Alle Aktien sind danach nur noch die Hälfte wert.

Gleichzeitig sollen die Großaktionäre, neben WMF die Deutsche Bank und die Münchner Rückversicherung, neues Geld in das angeschlagene Unternehmen einschießen. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung am 15. April müßten dann auch die übrigen Aktionäre dem Plan zustimmen. Scheitert die Rettungsaktion, droht dem fast 200 Jahre alten Unternehmen (knapp 350 Millionen Mark Umsatz, 3100 Mitarbeiter) das Aus.

Der größte deutsche Geschirrhersteller gehört zu den Verlierern der Einheit. Seit dem Fall der Mauer überschwemmen Anbieter aus Polen, Tschechien oder Rumänien den Markt zu Dumpingpreisen mit ihren Tellern, Tassen und Schüsseln.

Zunächst sah es so aus, als könnte Branchenführer Hutschenreuther dem Trend trotzen. Die Porzellanspezialisten aus Selb beliefern unter den Markennamen Bauscher oder Schönwald seit Jahrzehnten Luxushotels und Restaurants in aller Welt, zum Beispiel das New Yorker Waldorf Astoria. Auch große Fluggesellschaften wie Lufthansa und Air France zählen zu den Kunden.

Doch die Hoffnung erwies sich als trügerisch - bei vielen Kunden gelten Muster und Design des Hutschenreuther-Sortiments als zu bieder. Schon für 1994 mußten die Hutschenreuther-Manager erstmals in der Nachkriegsgeschichte die Dividende streichen. Ein Jahr später summierten sich die Verluste bei der Traditionsfirma bereits auf knapp 20 Millionen Mark. Im vergangenen Jahr stieg der Fehlbetrag sogar auf fast 30 Millionen Mark. Kommt kein neues Geld herein, wird das Eigenkapital fast zur Hälfte aufgezehrt, der Gang zum Konkursrichter würde unvermeidlich.

Von den ehemals fast 6000 Hutschenreuther-Beschäftigten mußte in den vergangenen fünf Jahren fast die Hälfte gehen. Auch in diesem Jahr, bestätigt Hutschenreuther-Chef Hans G. Beckmann, dürften weitere Jobs wegfallen.

Von früher neun Hutschenreuther-Werken sind bereits fünf geschlossen oder verkauft. Heute produziert die Firma nur noch in vier Fabriken. In Arzberg und Selb wird Haushaltsgeschirr gefertigt. Die Werke in Schönwald und Weiden stellen ausschließlich Hotelporzellan her.

Doch die harten Sparprogramme des Vorstands konnten nicht verhindern, daß der Umsatz von fast einer halben Milliarde Mark um rund ein Drittel abstürzte. Ein Teil der Großaktionäre will nun auch noch die Haushaltssparte komplett abstoßen - nach Ansicht von Branchenkennern ein gewagter Plan: »Ist erst einmal das Konsumgeschäft verkauft«, warnt ein ehemaliger Manager der Porzellanfirma, »brechen bald auch die Hotelumsätze weg.«

Verhindern könnte den drohenden Ausverkauf nur Aufsichtsratschef Rolf Allmendinger, im Hauptberuf Vorstandschef von WMF. Der bullige Manager gilt seit Anfang der neunziger Jahre als heimlicher Herrscher bei Hutschenreuther.

Damals kaufte der Wiesbadener Finanztycoon und WMF-Eigner Wolfgang Schuppli für rund 40 Millionen Mark knapp ein Viertel der Anteile an dem Porzellanunternehmen. Über den Aufsichtsrat überließ er seinem Vertrauten Allmendinger quasi die unternehmerische Führung bei Hutschenreuther.

Weil Allmendinger sich allzusehr ins Tagesgeschäft bei Hutschenreuther einmischte, vergraulte er in den vergangenen fünf Jahren ein halbes Dutzend Vorstände. Allein für Abfindungen mußte das angeschlagene Unternehmen weit über fünf Millionen Mark zahlen.

Das Vakuum an der Führungsspitze sollten externe Fachleute ausfüllen wie der Münchner Unternehmensberater Roland Berger oder der McKinsey-Chef Herbert Henzler. Sie kosteten die Firma nochmals gut 20 Millionen Mark an Honoraren. Den Niedergang der Vorzeigefirma konnten allerdings auch sie nicht stoppen.

Zusätzliche Probleme bereitete den Bayern ein neues EDV-System, das Anfang 1995 unter Federführung der Siemens-Tochter SNI installiert wurde und die Arbeit im neuerrichteten Lager- und Dekorationswerk in Selb erleichtern sollte. Die SNI-Manager bekamen das hochkomplizierte Steuerungs- und Abrechnungssystem monatelang nicht in den Griff. Die Folge: 20 Millionen Mark Umsatzausfall.

»Unsere Kunden erhielten Mahnungen für Ware, die sie überhaupt noch nicht bekommen hatten«, empört sich ein Hutschenreuther- Arbeitnehmervertreter. Dem Siemens-Konzern war der Flop so peinlich, daß SNI-Chef Gerhard Schulmeyer eigens in Selb einflog, um sich zu entschuldigen.

Ob Hutschenreuther als eigenständige Firma erhalten bleibt, hängt nun allein von der Entscheidung des Aufsichtsrats am Montag dieser Woche ab. Die Deutsche Bank und die Münchner Rück haben der dringend notwendigen Kapitalerhöhung bereits zugestimmt. Nur einer zögert noch: WMF-Großaktionär und Finanzspekulant Schuppli.

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