Biedermann aus Bologna - DER SPIEGEL
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MODE Biedermann aus Bologna

Still und heimlich avancierte La Perla zum Marktführer für Luxusunterwäsche - angeführt von einem Ex-Chirurgen, der nicht ins Glamourbild der Branche passt.
• aus DER SPIEGEL 30/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im winzigen Fiat 500 holperte Alberto Masotti einst durch Italien, von Laden zu Laden, auf der Rückbank einen Musterkoffer mit acht Modellen jener delikaten Kleidungsstücke, die sich Frauen um den Busen spannen. Praktisch und fleischfarben, allenfalls weiß hatten diese Corsagen damals zu sein. Masottis Unterwäsche aber war anders.

Bunt und kariert waren BH und Höschen, ein Modell war sogar feuerrot. So kesse Miederwaren hatte der Fachhandel für intime Damenwäsche bis dahin noch nicht gesehen. Entsprechend zurückhaltend fielen die ersten Bestellungen aus. Als ein Händler einmal gleich zwölf Stück orderte, rannte Alberto vor Freude zur nächsten Telefonzelle und rief Mama an, die Produzentin der revolutionären Unterwäsche. »Abends feierten wir ein Fest.«

40 Jahre später ist Masottis Firma La Perla Weltmarktführer für jene edlen Textilien, die Frau drunter trägt. Und während das Gros der Branche über Wirtschaftsflaute und Umsatzeinbrüche klagt, hat sich Masotti in seiner delikaten Nische eingerichtet. Für das Unternehmen nähen, bügeln und verpacken am Stammsitz in Bologna knapp 1300 Angestellte. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei 236 Millionen Euro.

Je winziger die Zweiteiler im Lauf der Zeit ausfielen, umso teurer wurden sie auch - und umso erfolgreicher. »Manchmal«, erinnert sich Masotti, »konnten wir gar nicht genug liefern.«

Klein und untersetzt ist der 67-Jährige, grauhaarig, mit der Aura des Filialleiters einer Privatbank und mit freundlich-fröhlichen Augen - die Wunschbesetzung für die Rolle des lieben Großvaters im Familienfernsehen. Kein Vergleich zur Eleganz von Gucci-Chef Domenico De Sole oder zu der Selbstinszenierung eines Giorgio Armani. Masotti findet man auf Glamourpartys so wenig wie auf den VIP-Seiten der Yellow Press. Von den übrigen Protagonisten der Modewelt trennen ihn Welten, nicht nur äußerlich.

Wenn er über »Schönheit und Sexualität« redet, klingt es nicht nach Lust, sondern nach Lehrsaal, was nicht weiter verwundert, denn Masotti strebte ursprünglich eine Chirurgenkarriere an. Zwar sammelte er die ersten Erfahrungen mit weiblichen Formen schon als Kind: Mutter Ada schneiderte Corsagen für die feinen Damen aus Bologna, Klein Alberto bestaunte deren Silhouetten, wenn sie hinter nicht ganz dichten Vorhängen zur Anprobe schritten. Aber komplettiert wurden seine anatomischen Kurvenkenntnisse erst beim Medizinstudium.

Im Krankenhaus mochte der junge Chirurg danach nicht lange bleiben, auch weil jeglicher Aufstieg dort »Professorensöhnchen« vorbehalten war. Also ging er - mit einer talentierten Bademoden-Designerin als Ehefrau - zurück zu Mamas Unterwäscheproduktion und machte einen Weltkonzern daraus.

So einer schwärmt nicht, er doziert - über jene »weiblichen, verführerischen, geheimnisvollen Wesen«, die La-Perla-Slips und -BH, -Bodys oder -Hemdchen kaufen, um sich »wohl zu fühlen, sich selbst zu gefallen«, aber auch, »um schöner und reizvoller für den Partner« zu werden.

»Sexy, aber nicht vulgär«, definiert Masotti die schmale Gratwanderung. Oft werde um ein paar Millimeter mehr oder weniger stundenlang diskutiert. Wie bei einem Film, wo Nacktheit sich als Kunst oder als Pornografie präsentieren könne.

Die La-Perla-Sippe bot dem »unbekannten Planeten Frau« ganz neue Kombinationen aus superelastischen Hightech-Textilien mit altvertrauten Klöppelspitzen aus Großmutters Schnittmustern. BH, so bunt wie Blumenwiesen, eröffneten plötzlich die Möglichkeit, einen Blusenknopf mehr zu öffnen, ohne gleich abzuschrecken. La Perla ließ den Slip zum Dreieck schrumpfen und stilisierte das hauchdünne Stoff-Fleckchen zur Mode-Avantgarde. Irgendwann war es nicht mehr peinlich, etwas zu kaufen oder zu tragen, was zuvor meist nur in anrüchigen Reizwäscheläden erhältlich war. »Wohl fühlen und verführen« wurde das Credo des Biedermanns aus Bologna.

Dort entwerfen Masottis Designer pro Jahr 1500 bis 2000 Modellvarianten, die von flinken Näherinnen als Unikate gefertigt und privat Probe getragen werden. Erst dann wird entschieden, was tatsächlich in Serie gehen darf. Da ist viel Handarbeit im Spiel und teures Material. Zwischen 100 und 200 Euro kostet das Set im Schnitt. Es gibt aber auch Kostspieligeres, für arabische Scheichs etwa, die für ihre üppigen Damen sondergefertigte BH mit echten Perlen ordern.

Im Herbst will Masotti mit zwei neuen Überraschungskartons bei seiner Kundschaft landen: Unschuldig weiß ist der eine, als Brautgeschenk der besten Freundin etwa, mit federleichten Winzdessous drin und seidenen Blütenblättern zum Aufs-Bett-Streuen. Schwarz und betont verrucht ist die andere Schachtel mit Hemdchen zum Aufknöpfen. »Unter 1000 Euro« soll die Spielkiste kosten, also ein »ideales Weihnachtsgeschenk«, meint Masotti, bei dem es mittlerweile nicht mehr nur drunter, sondern auch drüber geht.

Seit vier Jahren versucht der Familienkonzern für Luxustrikotagen und Bademoden sich auch mit Abendkleidern. Aber in dem Markt, gibt Masotti zu, braucht der Erfolg wohl »noch etwas Zeit«. Die Konkurrenz ist groß, und »die Barrieren beim Handel und bei den Kunden sind hoch«.

HANS-JÜRGEN SCHLAMP

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