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INVESTOREN Big Apple

Seit einem mysteriösen Großauftrag fürs künftige iPhone gilt die kleine deutsche Firma Balda als Börsenliebling. Doch was steckt wirklich hinter dem Unternehmen - außer vielen Glücksrittern?
Von Beat Balzli und Christoph Pauly
• aus DER SPIEGEL 9/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Michael Treichl das Wesen seines Berufsstands erklärt, wird seine Stimme noch freundlicher und anschmiegsamer, als sie eh schon ist: »Wir helfen dabei, Unternehmenswerte zu heben.« Das klingt weitaus charmanter als die Tatsache, dass Treichl ein Vertreter der Heuschrecken-Branche ist, ein Spezialist für feindliche Übernahmen, ein Firmenjäger, ein Trüffelschwein.

Seine Hedgefondsgesellschaft heißt Au-dley Capital und warf im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben eine Rendite von 32 Prozent ab. So einer hat den Ruf, unentdeckte Perlen zu finden und am Ende richtig Kasse zu machen. Das jüngste Objekt der Treichlschen Begierde schimmerte bis vor kurzem allerdings noch ziemlich matt: der kleine deutsche Mittelständler Balda.

Der Handy-Zulieferer aus dem schläfrigen Bad Oeynhausen konnte sich lange Zeit allenfalls rühmen, irgendwie das New-Economy-Fieber überlebt zu haben, und kämpfte noch im vergangenen Jahr mit riesigen Verlusten. Das Management machte immer wieder mit krassen Fehlprognosen von sich reden. Der Aktienkurs krebste im Keller herum, die Pleite des Großkunden BenQ Mobile im vergangenen Herbst sorgte für besonderen Tief-Gang.

Doch dann kam im Januar die ebenso plötzliche wie wundersame Wandlung zum Liebling der internationalen Hochfinanz. Vage Agenturmeldungen genügten. Inhalt: Der US-Computerkonzern Apple soll für sein neues Mobiltelefon iPhone bei Balda die berührungsempfindlichen Handy-Bildschirme bestellt haben, sogenannte Touchscreens.

Prompt entwickelte sich die Provinzaktie zur Kursrakete. Denn Apple - das bedeutet schließlich iPod-Erfolg, globalen Kult, riesige Absatzchancen.

Balda lässt diese Touchscreens in Asien herstellen. Die Firma ist allerdings lediglich mit 50 Prozent an einem chinesischen Unternehmen

namens TPK beteiligt, das solche fürs iPhone benötigten Bildschirmchen produzieren kann.

Wohl dem, der das Potential frühzeitig erkannte: Im Balda-Fall sind das eine ganze Reihe zum Teil eher zwielichtiger Akteure. Eigentlich ist das schillerndste an Balda weiterhin der Kreis seiner Investoren.

Bereits im Sommer 2005 war Deutschlands berüchtigtster Fondsmanager eingestiegen, Florian Homm. Der Wahl-Mallorquiner kaufte sich ein 15-Prozent-Paket. Und wo Homm ist, sind auch seine Bekannten meist nicht weit - zum Beispiel Lars Windhorst. Das entzauberte Wirtschaftswunderkind der Kohl-Ära gehört ebenfalls zum illustren Kreis der Balda-Investoren. Windhorst fungiert als Statthalter des Londoner Fonds Sapinda International, der sich ebenfalls über zehn Prozent an der Firma sicherte.

Einst im Schlepptau des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl zum genialen Jungunternehmer hochstilisiert, kämpft Windhorst inzwischen allerdings vor allem mit den Folgen der Millionenpleite seines Mini-Imperiums. Der Insolvenzverwalter hat die Hand auf seinen Einnahmen. Windhorst selbst gibt sich schweigsam: »Ich rede nicht mehr mit Journalisten«, kommentiert er freundlich, aber bestimmt Anfragen zu seinem neuen Leben, das wieder mal von einem älteren Herrn gefördert wird.

Robert Hersov heißt der in London residierende Sapinda-Chef. Der Ex-Medienmanager setzt in Deutschland auch auf andere Hoffnungswerte. Bei Windhorst-Spezi und Musikproduzent Jack White stieg Hersov im Frühling 2005 ebenfalls ein. Die große Wette aber läuft auf Balda.

»Man gewinnt den Eindruck, als ob zwischen Windhorst und Balda-Chef Joachim Gut ein enges Verhältnis besteht«, sagt Hedgefonds-Mann Treichl, der im Juni vergangenen Jahres mit gut fünf Prozent eingestiegen war. Weitere rund zehn Prozent hält der befreundete Hedgefonds Cycladic der griechischen Reederfamilie Goulandris. Treichl argwöhnt, dass der junge Windhorst dank seiner guten Kontakte gegenüber anderen Anlegern einen Informationsvorsprung besitzt. Das Windhorst-Lager behielt jedenfalls im vergangenen Jahr die Nerven, als der Handy-Zulieferer gleich mit drei Gewinnwarnungen viele unbedarfte Anleger verprellte.

Dann kam die wundersame Rettung. Kurz nachdem Apple-Chef Steve Jobs Anfang Januar in Kalifornien sein neues Mobiltelefon iPhone präsentiert hatte, lief in Deutschland eine Reuters-Meldung über die Ticker: »Balda wird die Touchscreens für das multifunktionale Handy liefern«, schrieb die Agentur. Die Displays würden nach Aussagen eines Firmensprechers den Löwenanteil des Umsatzes ausmachen.

Weitgehend ahnungslose Kleinanleger witterten Morgenluft. Am Ende des Tages waren vier Millionen Aktien gehandelt. Der Kurs schnellte um 20 Prozent auf über neun Euro hoch. Einen Tag später wurde bekannt, dass auch noch einer der weltweit berüchtigtsten Großinvestoren eingestiegen war: Guy Wyser-Pratte.

In Börsenforen herrscht seither Goldgräberstimmung wie zu Zeiten des Neuen Marktes. Und alle heizen sich mit den erhofften Apple-Geschäften ein. Doch was davon ist fiebrige Anlegerphantasie? Und was ist Realität?

Die Skeptiker sitzen unter anderem im verglasten Dachgeschoss eines Bürohauses am Yachthafen von Palma de Mallorca. Dort residiert Homms Zockertruppe, die den Prognosen nicht mehr so richtig traut und sich von einem Teil der Balda-Aktien verabschiedet hat.

»Die iPhone-Phantasie sollte man nicht überschätzen«, sagt Homm. Zum einen sei der Apple-Auftrag offiziell nie bestätigt worden, zum andern diktiere der US-Kultkonzern seinen Zulieferern gern harte Bedingungen. Hat Homm recht? Oder ist er nur frustriert, weil er zu früh verkauft hat?

Fakt ist: Weder von Apple noch von Balda gibt es derzeit eine offizielle Mitteilung zu einem konkreten gemeinsamen Deal. Einzig von einer »Kooperation« war auf Anfrage die Rede, ohne Hinweise auf ein Produkt.

Stuart Robinson, ein auf Apple-Zulieferer spezialisierter US-Analyst, erwähnt den Namen der Bad Oeynhausener in seinem jüngsten Branchenreport nicht einmal. Die Deutschen kennt er nur vom Hörensagen: »Wenn ich eine Wette eingehen würde, würde ich mein Geld auf zwei andere Lieferanten setzen«, sagt er.

Eine Balda-Sprecherin gibt sich wortkarg: »Das Thema bleibt weiterhin unkommentiert.« Herr Gut werde zu diesem Thema in nächster Zeit auch keine Interviews geben.

Produktbeschreibung? Liefertermin? Stückzahlen? Fehlanzeige.

Selbst der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) kam das ganze Balda-Theater mittlerweile merkwürdig vor. Hätte die Firma nicht in einer Ad-hoc-Meldung den ganzen Sachverhalt in allen Einzelheiten darlegen müssen?

Weil das chinesische Tochterunternehmen TPK nur zu 50 Prozent im Balda-Besitz ist, gibt es derzeit keine Berichtspflicht, urteilten die BaFin-Experten nach einer ersten Prüfung. Das kurstreibende Rätseln aber geht munter weiter.

Bei Investoren wie dem Hedgefonds-Manager Treichl stößt solches Gebaren auf wenig Begeisterung. Er kann durchaus ungemütlich werden, wenn er nicht genügend Informationen bekommt.

Immerhin bekamen Audley Capital und ein paar weitere Investoren im November auf einer Asienrundfahrt einen detaillierten Einblick in die Zukunft. Nur Windhorst war nicht mit von der Partie. »Der wusste schon alles«, mutmaßt Treichl.

Die Großinvestoren trafen unter anderen mit Guts taiwanesischem Geschäftspartner zusammen, der die ominöse TPK gegründet hatte. »Ein substantieller Unternehmer«, urteilt Treichl nun. Seit einer seiner Vertrauten mehrere Tage mit den Managern zusammengesessen und die Produktionsanlagen in der chinesischen Provinz besucht hat, können den gebürtigen Österreicher Gewinnwarnungen nicht mehr schrecken. Er geht davon aus, dass auch Apple beliefert wird. Denn er weiß, dass der Computerhersteller seine Zulieferer mit empfindlichen Vertragsstrafen dazu zwingt, über ihre Aufträge zu schweigen.

Treichl träumt neuerdings viel - allerdings eher von TPK als von Balda. Die beiden Firmen könne man ja auch auseinanderreißen, um das chinesische Unternehmen dann an eine asiatische Börse zu bringen. Balda? Die könnten ja weiter Kunststoffteile bauen. BEAT BALZLI, CHRISTOPH PAULY

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