Bilanzkosmetik Freibrief für Versicherungen?
Berlin - Die Versicherungswirtschaft und die Bundesregierung haben sich nach einem Bericht der "Financial Times Deutschland" (FTD) auf eine Neuregelung der Bilanzierung von Wertpapieren geeinigt. Unter Berufung auf Verhandlungskreise berichtet die "FTD", das für die Versicherer bislang geltende so genannte strenge Niederstwertprinzip für die Bewertung von Aktien in der Bilanz werde zu Gunsten eines anderen Bewertungsmaßstabes abgeschafft.
Das Niederstwertprinzip besagt, dass ein Versicherungsunternehmen Aktien, die es hält, in der Bilanz zum niedrigsten möglichen Wert buchen muss. Wenn ein Versicherer beispielsweise eine Aktie für 1000 Euro kaufte und deren Kurs später auf 500 Euro fiele, müsste der Wertverlust von 500 Euro zum Jahresende abgeschrieben werden. Dadurch würde das Unternehmensergebnis um 500 Euro geschmälert.
Das Justizministerium bestätigte die Einigung zunächst nicht. Allerdings hatte das Ministerium bereits vor wenigen Tagen nach einem Gespräch von Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) und der Spitze des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft in Aussicht gestellt, einer entsprechenden Änderung des Handelsgesetzbuches zuzustimmen. Sofern die Experten des Ministeriums dagegen keine Einwände hätten, solle die Änderung unverzüglich vorgenommen werden, so dass sie für die laufende Bilanzsaison noch Geltung habe.
Versicherer fürchten das Börsenrisiko
Hintergrund für die von der Versicherungswirtschaft angestrebte Rechtsänderung sind die massiven Kursrückgänge am Aktienmarkt in den vergangenen Monaten. Das marktwirtschaftliche Risiko, die Verluste im eigenen Aktienportfolio in der Unternehmensbilanz verbuchen zu müssen, ist den Versicherern nun nicht mehr geheuer. Der Branchenverband der Versicherer hatte erklärt, die meisten seiner Mitglieder müssten mit drastischen Auswirkungen auf die Gewinne rechnen, wenn die Regierung darauf bestehen sollte, dass weiter nach geltendem Recht bilanziert wird.
Nach Schätzungen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) haben die deutschen Assekuranzen direkt oder indirekt etwa 437 Milliarden Mark in Aktien angelegt. Würden die Versicherer auch nur zehn Prozent ihrer Bestände auf den Markt werfen, dürften Dax und Neuer Markt einbrechen.