Umwelt Billige Brühe
Je spärlicher Arabiens Ölquellen sprudeln, desto kräftiger qualmen rheinab, ruhrauf die Schlote: Zu stetig steigendem Preis wird immer mehr Öl einer Güteklasse geliefert, die zum Himmel duftet.
An schwerem Heizöl, so hatten die Mineralölkonzerne ihre Industriekunden im November beruhigt, sei kein Mangel. Eine Frohbotschaft aber war das nicht. »Ab sofort« nämlich, teilte zum Beispiel die Esso AG, Marktführerin vor Shell und BP, barschen Tones mit, enthalte ihr »Esso Heizöl S« satte 35 Prozent mehr Schwefel. Andere Schweröllieferer erhöhten die Schwefeldosis gar um über 100 Prozent.
Die Schwefelzugabe betraf Konzerne wie BASF und Siemens, die Hoechst-Tochter Kalle AG und andere Großverbraucher. Denn Schwefel setzt sich, verfeuert, zu giftigem Schwefeldioxid (SO2) und dann mit Wasserdampf der Luft in aggressive Schwefelsäure um. Jedem »Kesselbetreiber« (Amtsjargon) schreibt deshalb die Staatliche Gewerbeaufsicht die für seine Anlage zulässige Heizölqualität genau vor.
Diese Norm aber wollte etwa die Esso AG, die bis zum November Schwefelmaxima von 1,7 Prozent garantierte, nicht mehr einhalten. Durch die Nahostkrise, so die Begründung, »haben sich in den Versorgungsströmen zwangsläufig gewisse Änderungen ergehen«.
Ausgerechnet nämlich das libysche Rohöl, mit nur ein Prozent Schwefelballast das feinste, war rar geworden. weil die Konzerne es teils an Deutschland vorbei dirigierten. Gleich im November kamen statt 2,7 Millionen Tonnen, der normalen Monatsration, 975 000 Tonnen weniger. Nun hat etwa die Erdöl-Raffinerie Mannheim, die ihre Konzernmutter BASF mit einprozentiger Ware libyscher Provenienz bedienen muß, konstant eine Fehlmenge von rund 35 Prozent zu beklagen. Zwar macht Öl aus Saudi-Arabien, Persien und Kuweit den Ausfall wett. Doch dieses Rohöl, mit Schwefelgehalten bis zu sechs Prozent belastet, muß vor Gebrauch wenigstens auf die Din-Mindestnorm von 1,8 Prozent reduziert werden, sei es durch Beimischung von teuerem, schwefelarmem Öl oder durch kostspielige Entschwefelungsanlagen.
Vergebens empfahl Professor Karl Aurand vom Bundesgesundheitsamt: »Heizöl müßte nach Schwefelgehalt besteuert werden. Wer entschwefeltes öl kauft, wird steuerbegünstigt, wer die billige Brühe verheizt und die Luft verpestet, zahlt mehr Steuern.« Allein die Reinigung einer Tonne Schweröl, die bis vor Jahresfrist noch zu 70 Mark gehandelt wurde, hätte 35 Mark gekostet, die Investition von 30 bis 150 Millionen Mark für die Reduktionsanlage ungerechnet.
Direkt- und Rauchgasentschwefelung der fossilen Brennstoffe Öl und Kohle etwa auf die Hälfte hätten die Kilowattstunde Elektrizität um einen halben Pfennig verteuert. »Wenn der Schornstein rauchen soll, muß er rauchen«, meinte hingegen Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder.
So pustet allein die Energiewirtschaft (Werbespruch: »Strom ist sauber") tagtäglich rund 6000 Tonnen SO2 in die Atemluft. Das ist fast dreimal soviel wie der Auswurf aller Privathaushalte. Diese brennen schwefelarmes Leichtöl -- das jetzt jährlich kostenpflichtig überprüft werden muß, denn, so Hessens Umweltminister: »Die berechtigte Forderung nach einer sauberen Umwelt erfordert finanzielle Aufwendungen aller, die zur Umweltbelastung beitragen.«
Auch bei den Großverschmutzern, die nun das schwefelgesättigte Schweröl unter die Heizkessel blasen, sei »ein strenger Maßstab anzulegen«, wiesen die progressiven Hessen am vorletzten Dienstag ihre Staatliche Gewerbeaufsicht an.
Doch so ernst meinten sie es nun auch wieder nicht: »Der Einsatz von schwefelreicherem Heizöl (ist) nur für einen engbegrenzten vorübergehenden Zeitraum zulässig« -- zunächst bis zum April.
Bei Zulassung von Neuanlagen, heißt es weiter, sei »von Heizöl auszugehen, wie es auch voraussichtlich in Zukunft auf dem Markt angeboten wird«. Deutlicher formulierte der Sprecher einer Karlsruher Großraffinerie den Zukunftsaspekt: »Wer einen blauen Himmel haben will, darf den kalten Arsch nicht fürchten.«