Billigmilch Bauern protestieren mit Kühen vor Supermärkten
Hamburg - Der Milchkrieg in Deutschland spitzt sich zu: Mehr als tausend Bauern haben in Bayern vor Supermärkten gegen Preissenkungen bei Milch und Milchprodukten demonstriert. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner attackierte in der ARD vor allem den Discounter Aldi. Er habe zum Schaden der Bauern seine Marktmacht missbraucht. "Das ist Raubtierkapitalismus."
Die führenden Discounter Aldi und Lidl sowie die Supermarktkette Rewe hatten den Milchpreis von 73 auf 61 Cent gesenkt. Der führende deutsche Lebensmittelhändler Edeka kündigte Milchpreissenkungen für die kommenden Tage an. Sonnleitner zufolge entsteht der deutschen Landwirtschaft dadurch ein Schaden von rund 650 Millionen Euro.
Angesichts der Preissenkung riefen einige Bauern-Vereinigungen sogar zu einem Boykott auf: In Münster forderte der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) die Verbraucher - vor allem aber Bauernfamilien - auf, bis auf weiteres nicht in Aldi-Läden einzukaufen. Die neuen Preise seien Resultat eines Preisdiktats, mit dem vor allem Marktführer Aldi die Molkereien massiv unter Druck gesetzt habe, teilte der WLV mit.
Grund für die Senkungen sind nach Angaben des Milchindustrieverbandes, dass das Angebot derzeit größer ist als die Nachfrage. Zudem gebe es Exportschwierigkeiten durch eine geringere Preisstützung und den starken Euro.
Für Mittwoch kündigte Baden-Württembergs Bauernverband Proteste gegen die Tiefpreise bei Discountern an. Mehr als tausend Teilnehmer würden auf dem Stuttgarter Schlossplatz erwartet. In den kommenden Tagen soll es auch in Mecklenburg-Vorpommern Demonstrationen geben. Der dortige Bauernverband kündigte an, mit einem Traktoren-Korso die Stadt Teterow eine Stunde lang zu sperren.
Im vergangenen Jahr hatten die Milchbauern erreicht, dass der Literpreis über 40 Cent stieg - jetzt droht nach Angaben der Bauernverbände ein Preisrückgang auf rund 35 Cent.
Lebensmittel werden immer teurer
Im Gegensatz dazu ziehen die Nahrungsmittelpreise weltweit seit Monaten um zweistellige, teils sogar dreistellige Raten an. Dies führte in einigen Entwickungsländern bereits zu sozialen Unruhen . Die Ursachen sind vielfältig: Von einer steigenden Nachfrage über veränderte Ernährungsgewohnheiten bis hin zum verstärkten Einsatz von Agrarrohstoffen zur Biospritproduktion.
Der "Passauer Neuen Presse" sagte Sonnleitner, auch Börsenspekulationen trieben die Lebensmittelpreise hoch. "Wir müssen eine Lösung finden, dass in der virtuellen Welt der Spekulanten nicht weiter Schaden für die reale Welt angerichtet wird." Der Verbandspräsident sagte voraus, in Deutschland würden die Lebensmittelpreise künftig zwischen zwei und drei Prozent pro Jahr steigen.
sil/Reuters/dpa