Bills World: Verdursten in der Hotline - DER SPIEGEL
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Bills World Verdursten in der Hotline

Was ist schlimmer als ein Behördengang? Ein Anruf bei Dell oder Microsoft. Es ist halt nicht damit getan, Höflichkeit auswendig zu lernen.
Von Bernd Niquet
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr, lautet ein Sprichwort. Beim Computer ist es nicht viel anders, man muss nur das Sein durch das Haben ersetzen. Wer einen Computer nebst Software kaufen will, wird von allen Seiten umschwärmt. Wer hingegen ein Problem hat, verhungert, verdurstet und verarmt in den Hotlines.

"Guten Tag, willkommen bei Dell Computer. Mein Name ist Annika Schneider (Name geändert, d. Red.). Was kann ich für Sie tun?" Als ich diese nette Stimme zum fünften Male höre, frage ich mich noch immer, ob es sich tatsächlich um eine lebendige Person oder eher um einen Sprachcomputer handelt. Aber nein, ich vergaß: Höflichkeit kann heutzutage auswendig gelernt werden. Und muss sogar auswendig gelernt werden, sonst folgt für den Arbeitnehmer die Strafe auf dem Fuß.

Doch bedeutet der schöne Schein gleich auch eine neue Dienstleistungskultur? Bei der gelben Post waren sie früher alle immer muffelig, aber irgendwie kam man doch stets zum Ziel. Und hier? Die eine Warteschleife löst die andere ab. Der Service-Mitarbeiter will zurückrufen. Doch wer darauf wartet, wird niemals im Internet surfen können.

Willkommen in Bills World! Über Nacht hat Microsoft Windows seinen Charakter geändert, den Treiber für die Netzwerkkarte eingebüßt, ja überhaupt die Fähigkeit zum Erkennen eines Treibers verloren. Na ja, kann ja mal passieren. Wer vergisst schließlich niemals etwas?

Doch gibt es Hilfe? Ich bin bereit, jedem, der auch nur einen einzigen Satz aus einem Microsoft-Handbuch verstanden hat, einen Preis zu stiften. Und die Hotline von Microsoft? Da fällt der Kenner zu Boden und kugelt sich vor Lachen.

Irgendwann reicht es: Jetzt wird zur Tat geschritten. Mit dem Telefon in der Hand unter den Tisch gerobbt, die Stecker gezogen, die Seitenplatte abmontiert, ein paar Platinen umgesteckt. Über 4000 Mark hat das Ding gekostet - jetzt wird sein Besitzer zum Spürhund. Auf allen Vieren in die Zukunft unserer neuen Super-Technologien.

Nein, nein, schade. Aber Dell Computer ist hierfür nicht zuständig. Das ist ein Software-Problem. Kollege kommt gleich, glaubt man aus dem Hörer zu hören. Doch niemand kommt. Alles auf Rücksetzen. Die Daten? Na, die gehen dann natürlich alle verloren. Wie man diese sichern soll? Na, da müssen Sie sich schon selbst behelfen.

Kein Behördengang war jemals demütigender. Und überdies ist das Fazit erschreckend: Wir haben anscheinend einen Grad der Komplexität erreicht, der es uns nicht mehr erlaubt, mit dieser auch nur annähernd vernünftig fertig zu werden. Doch plötzlich spüre ich eine deutliche Erleichterung. Es sind ja nur die Aktienkurse von Dell und Microsoft, die gefallen sind. Und es ist ja auch nur mein Computer, der diesem Tandem rettungslos ausgeliefert ist. Die amerikanischen Raketenbasen hingegen scheinen über eine bessere Technologie zu verfügen.

Die Lage ist also hoffnungslos, aber nicht ernst. Jetzt gehe ich erst einmal die Aktie Gelb zeichnen.

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