Bitte kündigen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 43 / 125

RUMÄNIEN Bitte kündigen

Aufruhr in den Kohlerevieren: Großzügige Abfindungen führten zur Massenflucht aus den Betrieben. Wer bleiben soll, streikt für seine Entlassung.
• aus DER SPIEGEL 41/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit Dienstag vergangener Woche steht der Bergwerksbetrieb Câmpulung Moldovenesc im Nordosten Rumäniens still. Kumpel demonstrieren vor den Toren, acht von ihnen haben den Stollen besetzt. Tief unter der Erde hocken sie im Hungerstreik und wollen erst wieder ans Tageslicht zurückkehren, wenn ihre Forderung erfüllt wird: Entlassung für alle Kumpel, und zwar sofort.

In der Zeche Aghires im Kreis Cluj (Klausenburg) traten die Bergarbeiter in wilden Streik und nahmen den Generaldirektor für mehrere Stunden unter Tage gefangen. Der Grund auch hier: Die Kumpel wollten unverzüglich entlassen werden.

Im Braunkohlerevier Oltenia blockierten Dutzende von Bergarbeitern die Zeche Dragotesti. Mehr als 14 000 von ihnen sind schon freigestellt, und die restlichen 2300 sehen gar nicht ein, warum ausgerechnet sie bleiben müssen.

Den skurrilen Drang zum Jobverlust hat die Regierung ausgelöst. Premierminister Victor Ciorbea will - nach sieben Jahren wirtschaftlichen Stillstands - endlich die maroden Staatsbetriebe rentabel machen, um sie dann zu verkaufen. Allein 30 der 105

* Am vergangenen Donnerstag.

Kohlegruben sollen in den nächsten zwei Jahren geschlossen werden.

Großzügig bot die Regierung in Bukarest im August allen Arbeitern Geld an, wenn sie freiwillig gehen: zwölf durchschnittliche Monatsgehälter für jeden Fabrikarbeiter, der einen Staatsbetrieb verläßt. Von da an waren alle nur noch mit ihrer Abfindung beschäftigt.

Nur den mächtigen Bergarbeitern erschien die Summe zu gering. Zwar ist ihr Anführer Miron Cozma seit Januar wegen »Untergrabung der Staatsmacht« in Haft. Dennoch setzten die traditionell privilegierten Kumpel auch diesmal eine Sonderregelung durch: Sie bekommen bis zu 20 Monatslöhnen (à 200 Mark) als Abfindung.

Scharenweise trugen sich die Kumpel in die Listen ein und warfen die Grubenlampen hin. Von den 190 000 rumänischen Bergleuten sind bereits 75 000 gegangen.

»Die erliegen der Verlockung des Geldes«, jammert Stefan Stoica, Chefingenieur der Zeche Petrila, dem traditionsreichsten Bergwerk im Schiltal. »Ich hatte nicht gedacht, daß überhaupt jemand geht, ich dachte, deren Herz hängt am Bergwerk.«

Nun steht er vor dem Produktionschaos, 1358 seiner 3720 Arbeiter sind verschwunden, 80 stehen noch auf den Entlassungslisten. Sogar die betriebseigene Erstliga-Fußballmannschaft Jiul Petrosani hat komplett ihre Abfindung beantragt.

Natürlich kann Stoica das Werk mit viel weniger Leuten fahren. Aber die Umstellung kommt zu plötzlich. Selbst die Gewerkschaft ist vom Exodus ihrer Arbeitshelden vollkommen überrascht. Sie hatte im Vorfeld im Schiltal eine Umfrage unter den 42 000 Kumpel gemacht. Danach wollten nur 7000 gehen.

Nun sind es bereits 17 000, und die Gewerkschaft sieht ihre Macht schwinden. Ihr war es seit der Inhaftierung des Chefs nicht gelungen, etwa die Lohnangleichung an die galoppierende Inflationsrate - in diesem Jahr schätzungsweise 130 Prozent - durchzusetzen. Die Reallöhne der Kumpel sanken.

»Das ging nicht mehr so weiter«, sagt Florin Sîrbu. Der 34jährige Bergarbeiter und vierfache Vater war hoch verschuldet und wußte nicht mehr, wo er noch sparen sollte. So griff er nach der Abfindung wie nach einem Rettungsring, 3500 Mark für seinen Job.

Wie viele andere will Sîrbu lieber jetzt das Geld, als später den Job doch zu verlieren und dann nichts zu bekommen. Denn die Zukunftsaussichten sind trübe. Seit der Strom mehr kostet, wird überall gespart. Der Jahresverbrauch von 42 Millionen Tonnen Kohle ist erstmals um 20 Prozent zurückgegangen.

Von der Abfindung hat Sîrbu seine Schulden bezahlt, eine Zweizimmerwohnung in einem schäbigen Plattenbau mit fließend Wasser gekauft und eine Schrankwand. Wie ein König fühlt sich die Familie nach sieben Jahren in einer windigen Holzbaracke ohne Wasser. Neun Monate lang bekommt Sîrbu jetzt 125 Mark Arbeitslosengeld. Danach, so hofft er, findet er schon irgendeinen Job.

Doch Jubelstimmung will in den Kohle-Städten nicht aufkommen. Die Abfindungspolitik der Regierung hat die Kumpel gespalten. Ein Arbeiter berichtet: »Diejenigen, die geblieben sind, neiden den anderen die Abfindungen. Und die Abgefundenen sind sauer, daß die Dagebliebenen nun doppelten Lohn bekommen und eine Treueprämie.«

* Am vergangenen Donnerstag.

Zur Ausgabe
Artikel 43 / 125