KORRUPTION »Blanke Angst«
Jedes Jahr im März fällt das internationale Kapital über die französische Riviera her. »Invasion der Pinguine« nennen die Bewohner von Cannes die meist schwarz gekleideten Besucher der weltweit größten Immobilienshow namens Mipim.
Manager milliardenschwerer Fonds, Stararchitekten, Städteplaner und Bauunternehmer lassen es unter den südfranzösischen Palmen krachen. Zu Spezialpräsentationen im renommierten Hotel Carlton an der Uferstraße La Croisette fährt man schon mal im 350 000 Euro teuren Maybach vor. Auf Yachten zu Tagesmieten von über 10 000 Euro sprudelt der Champagner bis zum Morgengrauen.
Auch die Frankfurter Immobilienszene fädelt Käufe und Verkäufe ihrer Büropaläste seit Jahren mit Vorliebe an der Côte d'Azur ein - und steckt sich dabei des Öfteren was in die eigene Tasche.
»Schmiermesse« nennen Insider hier zu Lande die Mipim, zu deren Stammgästen unter anderem die Chefs der Fondsgesellschaft Deka Immobilien Investment und des Architektenbüros Köhler gehören. Vergangenen Frühling betrieben sie gemeinsam mit anderen Firmen im Palais de Festival gar einen Stand. »Meet Frankfurt in Cannes«, hieß es.
Die Croisette-Connection dürfte den Frankfurter Oberstaatsanwalt und Korruptionsexperten Wolfgang Schaupensteiner durchaus interessieren. Seit Monaten ermittelt er gegen ein Netzwerk aus offenbar korrupten Bankern, Projektentwicklern und Maklern.
Von einer Liste mit rund 40 Namen ist inzwischen die Rede - darunter der Architekt Dieter Köhler, der Ex-Manager von DB Real Estate, Hans-Günter Seckerdieck und Gernot Gaulke, ein millionenschwerer Makler und Projektentwickler, der in der Frankfurter Immobilienszene omnipräsent ist.
Zwischen 1999 und 2003 sollen die Strippenzieher des Korruptionsgeflechts bei Geschäften in der gesamten Republik in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Profiteure waren in erster Linie die Herren über die Anlegergelder in den milliardenschweren offenen Immobilienfonds der Banken.
Für die Vergabe von lukrativen Planungs- und Bauaufträgen für neue Bürotürme ließen sich Fondsmanager und Berater offenbar gern mit Bestechungsgeldern belohnen. Gezahlt haben Architekten, Projektentwickler und ganz normale Lieferanten von Bauzubehör wie etwa Beleuchtungsanlagen. Aber das sind nur die ersten groben Umrisse eines Schmierentheaters, das die Ermittler noch lange beschäftigen wird.
So mancher Fondsmanager langte auch zu, wenn seine Gesellschaft ein millionenschweres Objekt ankaufte, so der Verdacht der Frankfurter Ermittler. Die Masche dabei ist banal: Obwohl man sich mit dem Verkäufer eines Gebäudekomplexes bereits einig ist, wird ein eingeweihter Makler eingeschaltet. So kann dem Fondsvermögen eine hohe Vermittlungscourtage berechnet werden, die sich dann Fondsmann und Makler teilen. Vieles deutet neuerdings darauf hin, dass hier oft Manager am Werk sind, die einst in den achtziger Jahren bei der Unternehmung Jones Lang Wootton (JLW) zusammengearbeitet haben.
Die staatsanwaltschaftliche Durchleuchtung der Mauschelgeschäfte elektrisiert jedenfalls
die gesamte Branche. Die Immobilienfonds fürchten nach den ersten Skandalschlagzeilen um die Geldzuflüsse der Anleger. Etliche Projektentwickler haben Angst, dass sie ins Fadenkreuz der Fahnder geraten könnten.
Seit Wochen melden sich deshalb bei Oberstaatsanwalt Schaupensteiner immer neue Geschäftsleute, die sich selbst bezichtigen und damit hoffen, glimpflich davonzukommen. »Es herrscht die blanke Angst«, sagt ein Branchen-Insider.
Dabei erschien die Affäre anfangs relativ unspektakulär. Als vergangenen November zwei Projektmanager des weltweit tätigen Vermietungsgiganten Jones Lang LaSalle (JLL) aufflogen, glaubten viele noch an Ausrutscher kleiner Einzeltäter. Doch dann musste Douglas Holoch, der Deutschland-Chef des Maklers, zurücktreten. Die Affäre war bei den Spitzenmanagern angekommen.
Mittlerweile ist durch Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und interne Untersuchungen des Maklers klar, dass beim Bau eines Bürohauses in Neu-Isenburg Schmiergelder in beträchtlicher Höhe flossen. »Die beteiligten Manager haben einige Millionen kassiert«, sagt JLL-Geschäftsführer Erik Huigen.
Lieferanten - wie ein Unternehmen für Beleuchtungsmaterial, ein Architekt und Bauunternehmer - schmierten die JLL-Mitarbeiter, so die internen Untersuchungen des Maklers. Denn die waren als Projektmanager auch für die Auswahl der Lieferanten zuständig.
Auch Mitarbeiter des geschädigten Investors, einer Tochter der Gothaer Lebensversicherung, waren in das Provisionskartell eingebunden: Mitte November wurde ein Vermögensverwalter der Gothaer Asset Management festgenommen. Zudem wurden Büroräume und Wohnung des Chefs einer Sparkasse durchsucht. Ihm wird vorgeworfen, bei einem fingierten Provisionsvertrag für das Objekt in Neu-Isenburg mitkassiert zu haben.
Doch diese Schmiergeldpraktiken entpuppten sich bald als kleine Episode in einem weit größeren Bestechungsdrama. Bei ihren Recherchen stießen die Ermittler auf ein weit verzweigtes Pipeline-System, über das Millionen aus Immobilienfonds in private Taschen gepumpt wurden - mitunter über Briefkastenfirmen im Ausland und über Vermittler in Steueroasen wie Monaco.
Noch stehen die Fahnder erst am Anfang ihrer Recherchen. Noch sind nicht alle Verästelungen sichtbar. Aber die Umrisse des Systems zeichnen sich allmählich ab.
Als besonders aussagefreudig erwies sich der Frankfurter Architekt Dieter Köhler, der bei vielen Frankfurter Renommierprojekten zum Zug kam. Kaum war er im Sommer verhaftet worden, half er Oberstaatsanwalt Schaupensteiner mit Namen, Projekten und Zahlen.
Seine Auskunftsfreude belohnten die Strafverfolger mit Haftverschonung. Gegenüber der Presse will der Architekt aber »keine Stellungnahme« abgeben.
Köhlers Aussagen führten die Ermittler unter anderem zu Hans-Günter Seckerdieck. Bis kurz nach seiner Verhaftung am 23. Juni war er Geschäftsführer der genossenschaftlichen Fondsgesellschaft DG Anlage sowie Difa-Aufsichtsrat. Der Spitzenmanager, den die Deutsche Bank einst zur Abwicklung der Pleiteprojekte des Immobilienentwicklers Jürgen Schneider holte, sitzt in der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt ein. Einen Antrag auf Haftverschonung lehnte das Landgericht Frankfurt vergangene Woche wegen Verdunkelungsgefahr ab. Auch Seckerdieck will sich öffentlich nicht zu den Vorwürfen äußern.
Wie die Geschäfte en détail liefen, wird jedoch am Beispiel des Investment Banking Centers deutlich, das die Deutsche Bank für 450 Millionen Euro gegenüber der Frankfurter Messe bauen ließ. Seckerdieck war bis Juli 2002 Geschäftsführer der Deutsche-Bank-Tochter Deutsche Grundbesitz Management GmbH. Als solcher war er bestens informiert über den Stand des Architektenwettbewerbs, den die Deutsche Bank für ihr 110 Meter hohes Renommierprojekt initiiert hatte.
Seine Insider-Informationen hatten ihren Preis: Köhler zahlte an Seckerdieck rund 200 000 Euro, um mit dessen Hilfe immer auf dem Laufenden zu sein. Die Schmiergeldzahlung wurde mit Scheinrechnungen verschleiert. Architekt Köhler bekam am Ende den Auftrag, das Hochhaus zu bauen.
Der berufliche Werdegang und die Hobbys von Seckerdieck liefern laut Insidern einen Schlüssel zum Kartell der Kassierer. Der Banker arbeitete in den achtziger Jahren als Geschäftsführer bei dem Maklerunternehmen Jones Lang Wootton. Jahre vor der Fusion mit LaSalle beherrschte im Frankfurt der achtziger Jahren eine verschworene Truppe die Chefetage.
Die meisten von ihnen sitzen heute als Sachverständige oder Fondsmanager an den Schaltstellen der deutschen Immobilienbranche - und pflegen noch immer gute Kontakte. Auch die Hobbys verbinden. Man wartet gemeinsam auf dem Hochsitz, bis das Rotwild vor die Flinte kommt, oder arbeitet auf dem Grün am Golf-Handicap.
Die Freuden der Jagd teilte Seckerdieck mit Werner P., einem Baubetreuer, gegen den die Frankfurter Staatsanwaltschaft ebenfalls wegen Bestechung ermittelt. Er soll sich einen Millionenauftrag für die Sanierung eines Mainzer Bürogebäudes mit der Zahlung von Schmiergeldern verschafft haben. P. beteuerte gegenüber den Staatsanwälten, die rund 120 000 Euro seien von ihm verlangt worden.
Das Projekt fiel in Seckerdiecks Zuständigkeit. Die Scheinrechnungen, über die die Transaktion lief, soll laut P. ein Frankfurter Kunstmäzen und Immobilienhändler gestellt haben. Der wiederum arbeitet mit einer anderen Größe der Frankfurter Szene zusammen, für die sich gleichfalls die Staatsanwaltschaft interessiert.
Der Projektentwickler Gernot Gaulke soll nach Erkenntnissen der Frankfurter Korruptionsexperten über eine Londoner Fondsgesellschaft ins Schmiergeldkartell verstrickt sein und fragwürdige Zahlungen geleistet haben. Der Immobilienprofi, von dem es bisher in der Szene hieß, er habe eine weiße Weste, zeigte sich gegenüber der Staatsanwaltschaft aussagebereit.
Gaulke räumt ein, dass er im Beisein eines Wirtschaftsanwalts von der Staatsanwaltschaft befragt wurde. Mit den fragwürdigen Geschäften von Seckerdieck habe er aber »rein gar nichts zu tun. Da habe ich mir nichts vorzuwerfen«. Gaulkes Anwalt lehnt jede Stellungnahme ab.
Unsinnig wäre es jedoch zu bestreiten, dass Gaulke Seckerdieck seit über 20 Jahren kennt. Er holte ihn zu dem Frankfurter Maklerbüro JLW. Die beiden Immobilienspezialisten machten sich dann Ende der achtziger Jahre selbständig - mit einer Projektgesellschaft. BEAT BALZLI,
CHRISTOPH PAULY, ANDREAS WASSERMANN