Der Kanzler hat's versprochen. Bis zum Jahr 2005, schwor er, würden die selbstmörderischen Attacken auf die Atmosphäre des Erdballs beendet. Der Ausstoß des Treibhausgiftes Kohlendioxid soll in Deutschland um 25 Prozent sinken. Die Führer der anderen Industrienationen machten 1992 auf dem Umweltgipfel in Rio ebenfalls ehrgeizige Zusagen.
Erschöpft von dem heroischen Entschluß ließen die Oberhäupter der größten luftverschmutzenden Staaten einige Jahre untätig verstreichen. Doch endlich, in der vergangenen Woche, tat sich wenigstens in Bonn etwas. Die Parlamentskommission »Schutz der Erdatmosphäre« zerstritt sich - zwölf Wochen vor der Wahl fast unausweichlich. Deshalb legte sie gleich zwei Bündel von Handlungsempfehlungen vor, wie das Klimagift zumindest im Verkehr zu reduzieren sei.
Das war eine günstige Gelegenheit zum Auftritt für den Erdenretter Klaus Lippold, Anführer der Koalitionsmehrheit. Er legte »Bekenntnisse« ab zum »Auto«, zur »Mobilität«. Revolutionäre Vorschläge macht er auch: Fahrgemeinschaften fordert er, vollbesetzte Autos sollen Vorrang bekommen, ganz, ganz langsam müsse der Sprit teurer werden, und Toyota, Ford und VW möchten doch bitte, bitte bald weniger durstige Autos bauen.
Die Opposition reagierte wie erwartet: Alles nutzlos. Vorschriften müßten her, Tempo und Spritverbrauch gesetzlich begrenzt werden. Ohne dirigistische Eingriffe ist der CO2-Ausstoß nicht zu verringern, das ist richtig. Härtere Regeln (zum Beispiel ein Grenzwert für den Kohlendioxid-Ausstoß pro Kilometer) gehören genauso dazu wie eine Energiesteuer oder Geschwindigkeitsbegrenzungen für Laster und Flitzer.
Eine solche Politik würde nicht mehr versuchen, den dramatisch zunehmenden Transport von Personen und Sachen umweltverträglich zu machen, sie würde die Verkehrslawine bremsen. Ein Großteil der Fahrten unterbliebe, weil sie zu teuer wären. Zulieferteile würden wieder am Ort fabriziert, die Besuche bei entfernt wohnenden Freunden seltener. Den Preis für eine bessere Umwelt müßten alle zahlen, entweder als Verzicht auf liebgewonnene Gewohnheiten oder über teurere Produkte.
Doch das ist blanke Theorie. Die Akteure auf der Bonner Bühne tun so, als ob das Umweltziel noch zu erreichen wäre, sie nur noch über den richtigen Weg streiten müßten. Davon kann keine Rede sein. Selbst mit rigorosen Eingriffen ließen sich in den nächsten elf Jahren im Verkehr höchstens noch die programmierten Zuwächse kleiner halten. Ein Abbau der Kohlendioxid-Last ist in diesem Zeitraum unmöglich.
Regierung und Opposition haben die ehrgeizigen Klima-Pläne längst aufgegeben. Das zeigt auch ein anderes Beispiel: Kanzler Kohl und Kandidat Scharping versprachen den Bergleuten feierlich, bis weit ins nächste Jahrtausend hinein sollten jährlich 35 Millionen Tonnen Steinkohle verstromt werden. Auch bei der Braunkohle wollen sie keine Abstriche mehr machen. Damit ist in diesem Bereich der Kohlendioxid-Ausstoß ebenfalls für mindestens eine Dekade festgeschrieben.
Alles geht weiter wie gehabt, ob in Deutschland oder Amerika. Bill Clinton redet nicht mehr von der Energiesteuer, von härteren Sanktionen sowieso nicht. Alle haben ihren Schwur vergessen und drücken sich um klare politische Entscheidungen. Technische Verbesserungen beim Spritverbrauch oder in der Energieverwendung mildern den Leidensdruck nur vorübergehend.
Der Erdball wird wärmer, um ein bis eineinhalb Grad in den nächsten 40 bis 50 Jahren. Sofortiges Umsteuern könnte wenigstens weiteren Schaden begrenzen, denn Erderwärmung bedeutet Tod durch Hunger und andere Katastrophen. Die Industriestaaten, relativ günstig gelegen, glauben, noch glimpflicher davonzukommen als - beispielsweise - Bangladesch. Warum also umsteuern?
Den Preis für eine bessere Umwelt müßten alle zahlen