Blinde Euro-Studien mit Fingerspitzen
Köln - Tumucin El wird die neuen Euro-Münzen und Euro-Scheine, die ab Januar in Umlauf kommen, niemals sehen. Der 26-Jährige hat eine fortschreitende Netzhauterkrankung und nur noch eine Sehkraft von weniger als fünf Prozent. Wie er müssen sich allein in Nordrhein-Westfalen fast 40.000 Sehbehinderte und Blinde an das neue Geld gewöhnen. Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) bietet daher seinen sehbehinderten Mitarbeitern Seminare an, in denen sie die neuen Scheine und Münzen ertasten konnten.
Gerd Kozyk, selbst stark sehbehindert, leitet das Seminar. "Es gibt 500 Euro-Multiplikatoren in Deutschland", berichtet er. Euro-Multiplikatoren sind Personen, die Blinden das neue Geld näher bringen sollen. "Wir Sehbehinderte müssen nicht nur Kopfarbeit leisten, um Mark in Euro umrechnen zu können. Wir müssen auch Tastvermögen mitbringen."
Um die Blinden so realistisch wie möglich auf die neue Währung vorzubereiten, hat Kozyk Mustergeld mitgebracht. Die Münzen sind auf der Vorderseite wie die Originale geprägt. Die Rückseiten sind blank. "Weil die Länder unterschiedliche Motive auf die Rückseiten prägen, gibt es 47 verschiedene Kehrseiten der Euro-Münzen", erläutert Kozyk. Für das Erkennen des Hartgeldes spielen jedoch andere Faktoren eine größere Rolle: Größe, Gewicht, Randstruktur.
Die Euro-Scheine entsprechen ebenfalls nur auf einer Seite den Originalen. Alle tastbaren Strukturen sind enthalten. Das Wasserzeichen fehlt jedoch. Sie sind alle unterschiedlich lang. Die drei wertvollsten Scheine - 100, 200 und 500 Euro - sind allerdings gleich breit. Dafür haben die beiden größten Scheine ertastbare Streifen. "Die Scheine sind immer schwieriger zu unterscheiden als die Münzen", sagt Tumucin El. "Besonders dann, wenn sie schon abgegriffen sind." Zum Beweis nimmt er einen der druckfrischen 500-Euro-Scheine und zerknüllt ihn in seiner Hand. "Jetzt wird es schon schwieriger, ihn zu erkennen."
Als Hilfsmittel gibt die Europäische Zentralbank für Sehbehinderte und Blinde kostenlos den so genannten Cash-Test heraus. Die Plastikschablone erleichtert die Identifizierung der Scheine, aber sie kostet auch mehr Zeit. "An der Kasse im Supermarkt würde ich den Tester nicht benutzen", sagt Kozyk. Auch Tumucin El möchte an der Kasse nicht den Unmut der Wartenden auf sich ziehen. "Am besten sortiert man das Geld schon zu Hause", erläutert er seine Strategie.
Insgesamt fällt das Urteil der Blinden zu den neuen Münzen und Noten positiv aus. "Die Euro- und Cent-Münzen sind leichter zu erkennen als die Mark- und Pfennig-Stücke", sagt Tumucin El. Vor einigen Jahren hat er noch genug Sehkraft besessen, um die D-Mark-Scheine zu sehen. "Ich weiß, wie die Mark-Scheine und -Münzen aussehen. Aber das Euro-Geld werde ich nicht mehr sehen können."