Blöde Idee - DER SPIEGEL
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Telefon Blöde Idee

Jederzeit und überall erreichbar: Ein globales Satelliten-Netz soll die Welt zum Dorf machen.
• aus DER SPIEGEL 13/1994
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Vater war gestorben, und das Familienunternehmen stand kurz vor der Pleite. Kein leichtes Erbe für den Sohn, der mit 24 Jahren die Firma leiten mußte: Viel war von den hochtrabenden Plänen des Patriarchen nicht mehr übrig.

Ein globales Medienreich wollte John Elroy McCaw aufbauen. Doch er spielte zeit seines Lebens zu sehr auf Risiko, und so blieb seinem Sohn Craig, nachdem alle Gläubiger befriedigt waren, nur noch eine kleine Kabel-TV-Firma mit 4000 Kunden.

Das ist 25 Jahre her, und heute wäre der Alte auf seinen Sohn sicher stolz: Der hat die geerbte Firma so erfolgreich ausgebaut, daß er sie für viele Millionen Dollar verkaufen konnte. Mit dem Aufbau eines Mobilfunknetzes wurde er Milliardär - und er hat größere Pläne.

Zusammen mit einem anderen schwerreichen Aufsteiger will der schnauzbärtige McCaw jetzt eine Prophezeiung des kanadischen Philosophen Herbert Marshall McLuhan einlösen: Die Welt soll ein »globales Dorf« werden.

Bis zum Jahre 2001 möchte McCaw mit seiner neuen Firma Teledesic 840 kühlschrankgroße Satelliten in den Orbit schießen. Ein unglaubliches Vorhaben - schließlich umkreisen zur Zeit nicht einmal 500 aktive Satelliten den Planeten.

Aus 700 Kilometer Höhe sollen diese Kommunikationstruhen den Steppenbewohner in Kenia ebenso wie den Eskimo auf Grönland mit dem Broker in London oder New York verbinden. Die Welt-Gesellschaft wird über ein Kommunikationssystem ohne Draht und Leitungsmasten verbunden.

Sind die Satelliten erst einmal im All, scheint der Rest einfach. Die Menschen brauchen dann für ihre globalen Dorftrommeln, so verspricht McCaw, nur noch eine Antenne im Bierdeckelformat und einen Empfänger, der kaum größer als ein Telefonbuch ist.

Rund neun Milliarden Dollar soll Teledesic kosten. Das ist es nach Meinung McCaws, der seine Geschäftsidee als High-Tech-Entwicklungshilfe verkauft, auch wert. »Heutzutage können viele Menschen nicht an unserer globalen Gesellschaft teilnehmen«, so McCaw, »weil es zu teuer ist, die moderne Kommunikation in arme und entlegene Regionen zu bringen.«

Seinen Freund Bill Gates hat er von seiner Idee schon überzeugt und als Teilhaber (30 Prozent) gewinnen können. Gates, mit 38 Jahren einer der reichsten Männer Amerikas, war bislang der Goldjunge der Software-Branche. Sein Unternehmen Microsoft (Umsatz 1993: 3,8 Milliarden Dollar) ist der größte Hersteller von Programmen für Personalcomputer.

Der schmächtige Gates mit der Fistelstimme glaubt, genau wie Craig McCaw, an die Religion der »digitalen Kommunikation": Über eine elektronische Nabelschnur soll die Warenwelt bis in die Wohnzimmer der Menschen kommen.

Mit dem Fernseher und dem digitalen Netz sollen die Bewohner des globalen Dorfs von zu Hause die Salami-Pizza oder den neuesten Hollywood-Film ordern.

Sie sollen sich aus 500 TV-Kanälen ihr eigenes Programm zusammenstellen, per Teledemokratie die Geschicke des Landes mitbestimmen und auch die vielen offenbar lästigen menschlichen Kontakte keimfrei und gefühlsneutral via Videokonferenz erledigen können.

Am liebsten würden Medienkonzerne und Telefongesellschaften die Menschen mit dieser Welt am Draht schon morgen beglücken. Doch noch fehlt der Strang in jede Wohnung.

Etwa 16 Milliarden Dollar würde es kosten, so schätzt Michael Schulhoff, Sonys Topmanager in den USA, allein den Bundesstaat Kalifornien für die digitale Warenwelt zu verdrahten. Die neun Milliarden Dollar für Teledesic scheinen ihm dagegen vergleichsweise gering.

Nicht alle, die sich in der Telekommunikation auskennen, sind so begeistert. »Das ist die blödeste Idee, die ich je gehört habe«, sagt John Pike, Raumfahrtexperte des Verbandes der amerikanischen Wissenschaftler.

Konventionelle Telefondienste, so Pike, seien billiger zu verwirklichen. Howard Anderson, Marktforscher bei der Yankee Group glaubt, daß Gates und McCaw gerade »ihre Midlife-crisis durchleben«. Teledesic, so Anderson, »wird nicht funktionieren«.

In der Innovationsdiaspora Deutschland waren die Experten der Telekom von dem Projekt erst mal »ziemlich überrascht«, wie Klaus Hummel, Geschäftsführer bei der Mobilfunk-Tochter DeTeMobil bestätigt. Trotzdem gibt Hummel der Idee durchaus Chancen, er denkt dabei aber nicht nur ans Telefonieren. Ohne Angebote wie Filme auf Abruf oder Videokonferenzen würde sich der Aufwand nicht lohnen.

Ein globales Telefonangebot, allerdings mit nur 66 Satelliten, will in vier Jahren der Konkurrent Motorola verwirklichen. »Iridium«, so der Name des Projekts, soll etwa 3,4 Milliarden Dollar kosten. Die Kunden sollen dank Iridium unter einer einheitlichen Telefonnummer jederzeit und überall auf dem Globus erreichbar sein - für drei Dollar Gebühr pro Gesprächsminute.

Im Unterschied zu Teledesic beschränkt sich Motorola mit Iridium zunächst nur auf die Vermittlung von Sprache und Fax mit tragbaren Telefonen. »Mit Teledesic«, sagt Iridium-Vizepräsidentin Candace Johnson, »haben Gates und McCaw eine tolle Idee in die Welt gesetzt, egal ob der Plan auch tatsächlich realisiert wird.«

Ehe McCaw mit seinen 840 Satelliten Geld verdienen könnte, wären in der Tat noch ernste technische Probleme zu lösen. »Wenn Teledesic nur zehn Prozent seiner Satelliten im Jahr verliert, müssen sie 84 neue positionieren, um ihren Dienst am Laufen zu halten«, sagt Barry Goodstadt von der Firma EDS.

Weil die Teledesic-Satelliten auf einer niedrigen Umlaufbahn kreisen, sind sie zwar relativ günstig zu positionieren. Die Gefahr aber, daß sie ihren Orbit verlassen, ist größer.

Von Nörglern läßt sich McCaw nicht beeindrucken. »Das wichtigste an Träumen ist, daß sie wahr werden. Schweißgebadet aufwachen möchte ich nicht«, sagt er. Trotzdem riskieren weder er noch sein Partner Gates viel Geld: Jeder hat nur ein paar Millionen Dollar in das Projekt investiert.

Der Großteil des nötigen Kapitals soll, so ein Sprecher der Firma, schließlich von den »Herstellern und Regierungen kommen, die das System bauen und betreiben wollen.« Y

[Grafiktext]

_123_ Telefon: Globales Satelliten-Netz ''Teledesic''

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