Blöde Situation - DER SPIEGEL
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UNTERNEHMEN Blöde Situation

Wie lange kann Krupp-Chef Scheider sich noch halten? Im Konzern werden schon Nachfolgekandidaten gehandelt. *
• aus DER SPIEGEL 25/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Name Mohamad-Mehdi Navab-Motlagh hat in der deutschen Industrie durchaus einen guten Klang. Ob bei Thyssen oder Babcock, der Iraner ist in den Vorstandsbüros ein geschätzter Gesprächspartner, geräuschlos hat er so manchen einträglichen Deal eingefädelt.

Besonders eng sind Navabs Beziehungen zu Krupp. Der ehemalige Botschafter Teherans in Bonn vertritt in dem Ruhr-Konzern die Interessen des Krupp-Aktionärs Iran. Das Öl-Land hatte Mitte der 70er Jahre, noch unter dem Schah, für 1,3 Milliarden Mark eine 25prozentige Beteiligung erworben.

Krupp brauchte damals das Geld des Schahs. Die Nachfolger des Resa Pahlewi aber trauern der Milliarde nach, die Rendite stimmt nicht. Vor Aufsichtsräten schimpfte Navab unlängst: »Krupp ist ein mieser Laden. Die werden sich jetzt wundern.«

Am Mittwoch dieser Woche soll es soweit sein. Der Perser will in einer vom Management seit Wochen mit Spannung erwarteten Aufsichtsratssitzung dem Vorstand die Entlastung für das Geschäftsjahr 1987 verweigern. Es wäre dies ein Vorgang, der in der deutschen Industrie höchst selten zu verzeichnen ist.

Das Mißtrauensvotum zielt gegen Wilhelm Scheider, 60. Den Vorstandsvorsitzenden macht Navab für den traurigen Zustand von Krupp verantwortlich. Bleibt der Mann aus dem Morgenland bei seiner angekündigten Oppositionsstrategie, wäre Scheider nicht mehr zu halten.

Der Essener Chefmanager weiß, daß für ihn in dieser Woche viel auf dem Spiel steht. Er könne, sagt der Krupp-Mann, »in eine blöde Situation« geraten.

Scheider und einige seiner Vertrauten mühen sich, das Unheil abzuwenden. Seit Wochen versuchen sie Navab, der heute stellvertretender Investitionsminister ist, umzustimmen. Der Perser werde mit seiner Mißtrauenserklärung, so ihr Argument, dem Ansehen des Konzerns schweren Schaden zufügen. Navab müsse bedenken, daß gerade erst der Fall Rheinhausen überstanden sei. Nun verschaffe er Krupp erneut schädliche Schlagzeilen.

Navab ließ sich bis Ende vergangener Woche nicht beirren. Er schickte erst vor wenigen Tagen einen Emissär nach Essen, der das Management hartnäckig ausfragte und genauen Einblick in Firmenunterlagen begehrte. Zugleich drückte er ein zweites Aufsichtsratsmandat für den Iran durch.

Navabs Klagen sind begründet. Seit Scheider 1980 sein Amt antrat, ist nur wenig geschehen, um den Essener Traditionskonzern für die Zukunft fit zu machen. Kaum ein anderer deutscher Konzern dieser Größe (14 Milliarden Mark Umsatz, 65 000 Beschäftigte) präsentiert sich in derart dürftiger Verfassung. Wichtige Sparten, wie beispielsweise der Anlagenbau, liegen darnieder; die Konzernstruktur ist überaltert.

Der Einstieg in moderne Zukunftsbereiche ist Scheider nicht gelungen; Kondkurrenten wie Thyssen oder Hoesch sind da viel fixer gewesen als Krupp. Die verheißungsvolle und gewinnträchtige Sparte Elektronik bringt es bei Krupp nur auf einen vergleichsweise bescheidenen Umsatz von rund einer Milliarde Mark.

Gern redet der Chef über die Krisensymptome hinweg. Der Konzern sei, so Scheider, »liquiditätsmäßig völlig gesund« und befinde sich »deutlich im Gewinn«. Tatsächlich aber erwirtschaftete der in der Liste der größten deutschen Industrie-Unternehmen auf Platz 16 rangierende Krupp-Konzern 1987 einen Überschuß von nur zehn Millionen Mark.

Scheiders Vorgesetzter Berthold Beitz, 74, beklagt wie der Perser Navab die miese Ertragslage. Der Aufsichtsratschef und Vorsitzende der Krupp-Stiftung (Konzernanteil: 75 Prozent) verlangt mit wachsender Ungeduld, es müsse mehr Geld verdient werden.

Die Verantwortung für den gegenwärtigen Zustand schieben sich Scheider und Beitz wechselseitig zu. Scheider zeiht Beitz der Unberechenbarkeit, Beitz hält Scheider für entscheidungsschwach.

Längst ist Beitz zu der Überzeugung gelangt, der von ihm berufene Scheider sei eine Fehlbesetzung. Er führe den Konzern lasch und ideenlos. Überdies fühlt sich der Konzern-Monarch von dem Chef-Manager stets unzulänglich informiert. Von der geplanten Stillegung des Stahlwerks Rheinhausen habe er viel zu spät erfahren.

Keiner der beiden Krupp-Oberen traut mehr dem anderen. Vorsichtig erkundigte

sich Scheider unlängst bei dem Alten auf Villa Hügel,ob er auf seine Hilfe rechnen könne, wenn Navab seine Attacke starte. Beitz blieb die Antwort schuldig. Er wäre seinen obersten Angestellten gern los, doch bislang traut er sich nicht, den zweiten Mann des Konzerns in den Vorruhestand zuschicken.

Der Krupp-Verweser hat ein Trauma. Er leidet unter dem Ruf, mit kaum einem seiner Spitzenmanager ausgekommen zu sein. In den 70er Jahren verschliß Beitz immerhin drei Vorstandsvorsitzende. Seither hat der Senior Angst davor, noch einmal durch einen Manager-Rauswurf auffällig zu werden.

Die Aufsichtsratsaktion des Persers Navab kommt Beitz daher niche ganz ungelegen. Er könnte Scheider nun loswerden, ohne selbst den Abzugshebel zu betätigen.

Bei Krupp werden unterdes schon die Namen möglicher Nachfolger gehandelt.

Beitz hat Gefallen an dem hartgesottenen Gerhard Cromme, 45, gefunden. Der Krupp-Stahl-Chef hat in Rheinhausen bewiesen, baß ihn so schnell nichts umhauen kann. Wegen seines Rheinhausen-Auftritts bekäme Cromme allerdings nicht die Stimmen der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat; er ist daher nicht durchzusetzen.

Karl Friedrich Triebold, 50, Chef der florierenden Elektronik-Tochtergesellschaft Krupp Atlas, galt lange Zeit als einer der Kronprinzen. Doch schon Ende letzten Jahres wollte er ein Angebot aus Bayern annehmen und zu MBB wechseln. Auchwenn Triebold schließlich doch bei Krupp blieb-die zeitweilige Untreue kostete ihn in dem Unternehmen, in dem man normalerweise sein ganzes Berufsleben lang bleibt, viele Sympathien.

Favorit ist der hochgeschätzte Cheftechniker Gerhard Neipp, 48. Ihn hatte Beitz 1983 auf Empfehlung des allgegenwärtigen Deutsche-Bank-Vorstands Alfred Herrhausen vom Maschinenbau-Konzern MAN abgeworben. An Neipp bemängeln manche Kritiker im Hause, baß er bislang bei den Machtkämüfen im Krupp-Konzern zu wenig Ellbogen einsetzte.

An der Personalspekulation mag sich Navab noch nicht beteiligen. Er hat vorerst nur Scheider und die schlechten Zahlen im Blick. »Was muß eigentlich noch passieren«, fragte der Mann aus Teheran ärgerlich, »dis Krupp mal wieder Geld verdient?«

Für 1987, schimpfte Navab, habe sein Land lächerliche zwei Millionen Mark an Dividende zu erwarten. Dem Vorstand dei Krupp gehe es dageden gut:Der kassiere Gehälter von insgesamt fünf Millionen Mark, Abfindungen nicht mitgerechnet.

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