Bluff oder Geniestreich? - DER SPIEGEL
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ERFINDER Bluff oder Geniestreich?

Eine Minifirma will mit einem Wunderkunststoff große Geschäfte machen. Bisher erlebten die Geldgeber - darunter McDonald's und Popstar Phil Collins - nur Enttäuschungen.
Von Hermann Bott
• aus DER SPIEGEL 26/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit vielen Jahren haben Wirtschaftsprüfer an den Bilanzen der Gesellschaft aus dem schweizerischen Solothurn etwas auszusetzen. Beispielsweise mißfällt ihnen die »äußerst knappe Kassaliquidität«. Die Firma, rüffelten die Prüfer in ihrem jüngsten Testat, sei »bereits in den Vorjahren« ziemlich klamm gewesen.

Doch die Belland AG hat zwei Chefs mit beträchtlicher Überzeugungskraft: Roland Belz und Hubertus Bahlsen - ein Sproß aus der hannoverschen Keksdynastie - haben es immer wieder geschafft, frisches Geld zu besorgen, von wohlhabenden Anlegern wie Phil Collins oder Firmen wie McDonald's.

Seit 15 Jahren wirbt Belz für seine Idee, die einem ökologischen Traum gleicht: einen Kunststoff, der sich in Wasser und etwas Lauge auflöst und problemlos zu recyceln ist. Müllberge, oder zumindest deren problematischer Plastikteil, würden verschwinden, wertvolle Rohstoffe eingespart. Die bisherige Recycling-Technik stünde vor einer Revolution.

Ende vorvergangener Woche demonstrierte Belland einen Großversuch in Stuttgart: Die Besucher des Evangelischen Kirchentags warfen ihr Plastikgeschirr aus Belland-Material in Recycling-Tonnen. Das, so versprach Belz, werde sich in alkalischem Wasser auflösen; der Kunststoff würde dann herausgefiltert und später zu Plastikgabeln oder Joghurtbechern verarbeitet werden.

Beim Recycling großer Mengen gab es immer wieder Probleme. »An der technischen Machbarkeit«, sagt Belz, »haben wir sehr lange arbeiten müssen.« Doch bisher erging es den Tüftlern aus Solothurn wie dem Comic-Ingenieur Daniel Düsentrieb aus Entenhausen, dessen genialische Erfindungen sich im Alltag nicht so recht bewährten. Rund 180 Millionen Mark flossen in das Belland-Projekt - bisher ohne jede Aussicht auf gewinnbringende Geschäfte.

Die Idee aber klingt gut, vielleicht zu gut: Das Belland-Produkt verspricht enorme Gewinne in einem riesigen Markt. Darum beteiligte sich beispielsweise die Londoner Investmentgesellschaft Hit and run. Die Firma verwaltet das Vermögen des Rockstars Phil Collins, der nach Belz, Bahlsen und der Pharma-Familie Merck viertgrößter Belland-Aktionär ist.

Auch der Kölner Volkswirtschaftsprofessor Carl Christian von Weizsäcker, ein Neffe des ehemaligen Bundespräsidenten, schickte einen guten Teil seiner Ersparnisse nach Solothurn - wie viele andere Geldgeber, denen Belz und Bahlsen »die Zukunft der Firma in den rosigsten Farben geschildert« haben, so ein enttäuschter Kleinaktionär aus Stuttgart. Den Wert der Belland-Aktien kennt keiner, die Papiere werden nicht an der Börse gehandelt.

Großunternehmen wie BMW haben Millionenbeträge in das Belland-Produkt investiert, und Manager der Metro, Europas größtem Handelskonzern, fördern seit Jahren die Firma, die in Biberist bei Solothurn rund zwei Dutzend Mitarbeiter beschäftigt.

Die Investitionen haben sich bislang nicht ausgezahlt. Belland liefere nur »große Projekte nach dem Prinzip Hoffnung«, beklagte sich der Verpackungshersteller Schmalbach-Lubeca, der einst als Geldgeber ein-, mittlerweile aber wieder ausgestiegen ist. Das Unternehmen, Weltmarktführer bei den wiederverwertbaren Pet-Verpackungen, hatte geglaubt, der neue Kunststoff sei das Verpackungsmaterial der Zukunft.

Schon lange beobachten Staatsanwälte die Firma mit Argwohn. Die Solothurner Justiz ermittelt gegen Belz, 50, und Bahlsen, 41, wegen des Verdachts der Urkundenfälschung sowie des Erschleichens einer Falschbeurkundung und ungetreuer Geschäftsführung. In Deutschland blieben Belz und Bahlsen 1996 nur dank hoher Kautionen vom Gefängnisaufenthalt in Stuttgart verschont: Belz zahlte 500 000 Mark, Kekserbe Bahlsen 3,5 Millionen.

Voraussichtlich im Herbst wird das Landgericht Stuttgart entscheiden, ob die beiden Kapitalanlagebetrug begangen haben: Obwohl nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft die Firma Anfang der neunziger Jahre überschuldet war, hatte Belland damals frische Aktien ausgegeben.

Weil Geld chronisch knapp war, wurde es für Belz und Bahlsen zuweilen sehr eng, beispielsweise als Belland einen Fünf-Millionen-Franken-Kredit von Schmalbach-Lubeca nicht zurückzahlen konnte und der Verpackungshersteller einen Konkursantrag androhte.

Belland überstand das Fiasko, weil Konsul Hermann Bahlsen, der Vater von Hubertus, persönlich den Schmalbach-Lubeca-Chef zu einer Stundung der Schulden überredete - »händeringend«, wie der Geldgeber in einer Aktennotiz festhielt. Der Konsul selbst linderte mit einem 170 000-Franken-Kredit die Finanznöte in Solothurn.

Roland Belz ist, wie Kenner meinen, vom Erfolg seiner Erfindung fest überzeugt. Sein Partner ist es offenbar auch: Hubertus Bahlsen hat bislang rund 23 Millionen Mark eigenes Geld in das Projekt gesteckt.

Der erste Großkunde, der das 1983 von Belz gegründete Unternehmen finanzierte, war der Autokonzern BMW. Die Münchner haben ein lästiges Problem: Wenn ein Auto das Werk verläßt, wird es mit einer speziellen Wachsschicht vor Witterungseinflüssen und Kratzern geschützt; beim Händler muß das Wachs dann mühsam von Hand entfernt werden. Eine Schutzschicht aus dem Belland-Kunststoff ließe sich einfach mit dem Wasserschlauch abspritzen.

Im Labor hat der Versuch geklappt, BMW beteiligte sich an Belland. 1990 stieg der Autokonzern aus, nachdem er rund 50 Millionen Mark für die Entwicklung der Wunderchemikalie ausgegeben hatte.

Gleich darauf fand Belland einen neuen Finanzier in München: die Deutschland-Zentrale von McDonald's. Die Fast-food-Kette stand damals unter heftigem Druck von Umweltschützern, weil sie mit ihrem Einweg-Geschirr Berge von Plastikmüll hinterließ. Die Lösung, so die Hoffnung der Manager, könnte aus Solothurn kommen: Teller und Becher aus dem neuen Kunststoff, Wasser drauf, und das Problem ist ökologisch korrekt vom Tisch.

Verhältnismäßig schnell merkten die McDonald's-Manager, daß das Recycling nicht so recht klappte. Um über zwei Millionen Mark ärmer, brachen sie die Kontakte zu Belland ab.

Ganz schnell endete auch eine geplante Kooperation mit dem Ludwigshafener Chemiekonzern BASF. »Die waren hier und haben ihren Wunderkunststoff präsentiert«, erinnert sich ein BASF-Mann; die Ludwigshafener Chemiker rieten ab. In den USA gab der Kleenex-Hersteller Kimberley-Clark den Versuch auf, Windeln zu entwickeln, die mit dem wasserlöslichen Belland-Kunststoff beschichtet werden sollten. General Electric Plastic zog sich zurück, der japanische Mischkonzern Mitsubishi ebenfalls.

Weil kein Chemieunternehmen den Kunststoff herstellen mochte, kündigten Belz und Bahlsen schließlich die Eigenproduktion an. In Sachsen-Anhalt sollte eine Fabrik mit einem Ausstoß von 200 000 Tonnen jährlich gebaut werden.

Aus dem Projekt ist nichts geworden. Mit kräftiger Unterstützung der Belland-Chefs entstand die Innocycling, die als Lizenznehmer Kunststoffartikel im thüringischen Rudolstadt-Schwarza produzieren soll. »Das Werk steht«, sagt Belz und hofft, daß in diesem Jahr dort 20 Beschäftigte 500 bis 800 Tonnen jährlich herstellen.

Die schweizerische Minifirma ließ in ihrem Umfeld viele Firmen entstehen: Catland, BellandVision, Beltec, RMH-Folien und die Landbell AG für Rückhohlsysteme, die »eine exklusive Lizenz für die Nutzung der Patente von Belland« erwarb. Prominentester Mitgründer der Recycling-Firma ist Ludwig Erbprinz zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg; als wichtigster Förderer der Landbell wirkt ganz im stillen der schweizerische Multimillionär Hans-Dieter Cleven, Finanzvorstand der Metro-Holding.

Landbell will bundesweit »den Aufbau, die Entsorgung und die Verwertung von Abfällen in geschlossenen, abfallwirtschaftlichen Kreisläufen« übernehmen. Das ist bislang Aufgabe des Dualen Systems ("Der grüne Punkt"), das überall in Deutschland den Abfall sortiert und - sofern möglich - zur Wiederverwendung transportieren läßt.

Für die Entsorgung zahlen Industrie und Handel rund 4,2 Milliarden Mark jährlich an das Duale System. Da die Kosten für den grünen Punkt auf den Verbraucher abgewälzt werden, ist jeder Deutsche im Schnitt mit 50 Mark jährlich dabei.

Als Konkurrenz zu dem bisherigen Dualen System verspricht das kleine Unternehmen, den Müll billiger und umweltfreundlicher zu entsorgen. Das ist vermutlich möglich - wenn die Firmen nur endlich ihre Joghurt-Becher, Milchtüten und andere Verpackungen aus dem wundersamen Belland-Material herstellen könnten.

Im Dualen System setzte sich die Metro, der mächtigste Beitragszahler, für das Landbell-Verfahren ein. Als eifrigster Befürworter fiel Metro-Vorstand Hans-Dieter Cleven auf, für den nötigen Druck auf den Vorstand des Dualen Systems sorgte der Aufsichtsratsvorsitzende Karl-Josef Baum, im Hauptberuf Generalbevollmächtigter der Metro AG.

Baum, so ein Aufsichtsratsmitglied, habe sogar damit gedroht, die Metro würde aus dem Dualen System ausscheren und mit Landbell ein eigenes Entsorgungssystem aufbauen. In einer turbulenten Sitzung - laut Protokoll eine »engagiert geführte Diskussion« - räumte Baum schließlich ein, das ausgeprägte Interesse des Handelskonzerns an dem innovativen Müllsystem sei auf die »privaten Interessen von Herrn Cleven« und einem weiteren Metro-Manager zurückzuführen.

Ob der seit vielen Jahren angekündigte Durchbruch gelingt oder das Ganze als große Geldvernichtung endet, ist ungewiß. Mit Recht kann Firmengründer Belz zumindest behaupten: »Unsere Technologie hat weltweit Beachtung gefunden.« HERMANN BOTT

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