Luftfahrt Blutender Wal
Die 32 500 Angestellten der Pan American World Airways, Inc. (Pan Am) bekannten sich »schuldig«.
Strafbar hätten sie sich gemacht, so verkündeten die Pan-Am-Leute auf einer ganzseitigen Anzeige in der »New York Times«, weil »wir uns fast 50 Jahre abgearbeitet haben, um den Geist des amerikanischen freien Unternehmertums in den Rest der Welt zu tragen ... Wir sind schuldig, einst ein enorm erfolgreiches Privatunternehmen gewesen zu sein ... Jetzt sind wir in Not ...«
Mit der ironischen Selbstanklage protestierten Ende September letzten Jahres die Beschäftigten der größten internationalen US-Fluggesellschaft gegen die Weigerung der Washingtoner Regierung, dem finanziell ausgezehrten Luftgiganten mit Subventionen in Höhe von monatlich über zehn Millionen Dollar beizustehen.
Was US-Präsident Gerald Ford ihnen damals verweigerte, gewährte nun ein Ausländer.
Mit einer massiven Petrodollar-Infusion in Höhe von insgesamt 330 Millionen Dollar steigt der Schah von Persien bei Pan Am ein. Rund 33 Millionen Dollar zahlt der Iran für etwa 13 Prozent des Pan-Am-Kapitals; zum Preis von 55 Millionen Dollar übernimmt er die Mehrheit der gewinnbringenden Pan-Am-Tochter Inter-Continental Hotels Corp. (67 Hotels in 46 Ländern); 245 Millionen Dollar stellt er der angeschlagenen Fluggesellschaft als Kredit zur Verfügung.
Mit der Kapitalbeteiligung an Amerikas stolzester Jet-Firma (Werbeslogan: »Die erfahrenste Fluggesellschaft der Welt") ist es Mohammed Resa Pahlewi abermals gelungen, was bis vor Jahresfrist kaum denkbar erschien -der Einkauf in ein Unternehmen, das jahrzehntelang in aller Welt als nationales Symbol galt.
Dabei hatte es nach seinem Einstieg in Westdeutschlands traditionsreichen Stahlkonzern Krupp im Sommer letzten Jahres zunächst gar nicht gut für die Teheraner Aufkäufer ausgesehen. So holte sich der Schah etwa beim Weltraum- und Rüstungsunternehmen Grumman einen Korb, als er eine Aktienbeteiligung zu erwerben versuchte. Die US-Regierung blockierte den dollarschweren Handel.
Und auch der Einstieg bei Pan Am eröffnete sich erst, als der finanzielle Absturz der Airline unmittelbar bevorstand. Hatte das US-Verteidigungsministerium die Clipper aus strategischen Gründen in amerikanischem Alleinbesitz halten wollen, so mochte Präsident Ford die kaiserliche Hilfe für die angeschlagene Gesellschaft nicht länger verhindern.
Wie bei einem »verwundeten, ausblutenden Wal« (US-Zeitschrift »Fortune") sind die Kräfte der Fluggesellschaft nach sechs aufeinanderfolgenden Verlustjahren erschöpft. Seit 1969 flog Pan Am Verluste von insgesamt 256 Millionen Dollar ein. Bei Versicherungen und Banken pumpte sich die Fluglinie insgesamt 871 Millionen Dollar, davon werden über 125 Millionen Dollar im Herbst fällig. Pan-Am-Piloten nehmen zwar Gehaltskürzungen in Kauf -- aber das honorige Opfer bringt bestenfalls eine Ersparnis von zehn Millionen Dollar.
Angefangen hatte der Sturzflug in die roten Zahlen mit »der glücklichsten Stunde« des Pan-Am-Gründers und ehemaligen Chefs Juan T. Trippe am 13. April 1966. Damals orderte Trippe 25 Boeing-747-Jumbo-Jets zum Gesamtpreis von 525 Millionen Dollar.
Der Auftrag schien ungefährlich: Auf der rapide anschwellenden Luftverkehrswoge jener Zeit hatte die Gesellschaft den größten Gewinn ihrer Geschichte (über 71 Millionen Dollar) hereingeholt. In einem einzigen Jahr waren ihre Passagierzahlen um 24 Prozent hochgeschnellt, saftige Wachstumsraten galten auch für die kommenden Jahre als sicher.
Doch als 1969 der Jumbo zum ersten Flug startete, war die US-Konjunktur schwächlich geworden. Amerikas Bürger, wichtigste Kunden der Pan Am, reisten weniger, die Zuwachsraten im Passagierverkehr rutschtet auf magere drei Prozent. Im letzten Jahr verzeichneten die Luftreeder gar Nullwachstum.
Unter der Last gewaltiger Überkapazitäten -- verschärft durch ruinösen Preiskrieg der großen Fluggesellschaften untereinander -- und der seit der Ölkrise rasant nach oben geschossenen Treibstoffkosten brachen die Finanzen der Pan Am zusammen.
Die Manager versuchten durch Personaleinsparungen -- die Zahl der Beschäftigten wurde von 40 000 auf 32 500 vermindert -- und Zusammenlegung von Flugstrecken mit dem Rivalen Trans World Airlines (TWA) den finanziellen Tiefflug zu stoppen -- vergebens.
Mit Hilfe der bislang am finanziellen Abgrund dahinwirtschaftenden Fluggesellschaft will der Schah nun eigene Höhenflüge verwirklichen. Pan Am soll die eher kümmerliche Iran Air zu einem großen internationalen Luftfahrtunternehmen ausbauen. Persische Techniker und Piloten werden von den Amerikanern ausgebildet, die Pan Am stellt ihr gesamtes Computer-Reservierungssystem den Persern zur Verfügung. Verbunden mit dem Hotelkonzern Inter-Continental« soll Iran Air Millionen von Touristen in das Perserreich schaukeln.
Zu gänzlich unerwartetem Auftrieb wird der amerikanisch-iranische Luftfahrtverbund womöglich dem britischfranzösischen Überschall-Jet Concorde verhelfen. Der Technologie- und Concorde-besessene Perser ("Sie ist phantastisch") könnte, so meinten Luftfahrtexperten, Pan Am schon bald zum Kauf des teuren Supersonic-Jets verleiten.