BMW-Personalpolitik: Arbeit für Alte - DER SPIEGEL
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BMW-Personalpolitik Arbeit für Alte

Im neuen BMW-Werk in Leipzig bekommen diejenigen eine Chance, die sonst keiner will: Arbeitslose, Alte und Frauen. Doch die Personalpolitik des Automobilherstellers ist kein Werk christlicher Nächstenliebe - BMW hat ganz nüchtern kalkuliert.
Von Sassan Niasseri
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Leipzig - Bis zu seiner Entlassung hatte Jürgen Rost seinen Traumjob: Ingenieur im Maschinenbau. Danach ging's bergab. Er arbeitete als Produktionsleiter bei einer Firma, die Backöfen für Tankstellen herstellte. "Da konnte man dann sehen, wie die Brötchen drinnen braun werden." Nichts für ewig. Das sah sein Arbeitgeber genauso. Eineinhalb Jahre war er dann arbeitslos.

Jetzt, mit fünfzig Jahren, hat Rost das, was er selbst als "Sechser im Lotto" bezeichnet: einen unbefristeten Arbeitsplatz. Er arbeitet als Planungsingenieur im neuen BMW-Werk in Leipzig, das am 13. Mai eröffnete. Dort ist er zuständig für die Lackierung der 3er-Limousinen.

Rost ist nicht einmal der Älteste unter den neuen Angestellten. Im Qualitätswesen wurde jüngst ein 59-Jähriger eingestellt. Viele andere Kollegen sind um die Sechzig. Die Chance, die BMW den Alten in seinem Leipziger Werk gibt, könnte sich als Anfang erweisen für die Neuordnung deutscher Personalpolitik.

Von den 2100 Mitarbeitern sind 30 Prozent über vierzig Jahre alt. Eine überdurchschnittlich hohe Zahl, blickt man auf die jüngste Untersuchung des Gelsenkirchener Instituts für Arbeit und Technik (GAT). Danach stellen schon 40 Prozent aller deutschen Unternehmen niemanden ein, der älter ist als 50 Jahre.

Auch in anderen Bereichen kann BMW eine außergewöhnliche Statistik vorweisen: Von den 2100 Beschäftigten in Leipzig waren 600 zum Zeitpunkt der Einstellung arbeitslos. Und die Frauenquote ist mit fast 15 Prozent überdurchschnittlich hoch für die Automobilbranche. Die Alten, die Arbeitslosen und die Frauen - das sind diejenigen Arbeitskräfte, die die Industrie normalerweise nicht will. Und das alles ausgerechnet im Osten, dort, wo kaum einer an einen wirtschaftlichen Aufschwung glaubt.

Jetzt sollen die Alten wieder mobil machen. Vor allem von älteren Arbeitnehmern verspricht sich BMW großen Nutzen. Das hat mehrere Gründe. Hauptsächlich will man sich ihre Erfahrungen zunutze machen. Außerdem gelten ältere im Vergleich zu jüngeren Angestellten als pflichtbewusster und zuverlässiger.

Die Alten machen mobil

Der zweite Grund für diese Personalpolitik liegt weniger in einer wohltätigen Gesinnung als in einer wirtschaftlichen Notwendigkeit, wie Personalchef Rudolf Reichenauer freimütig einräumt. Der Grundgedanke sei, wer als 50-Jähriger angestellt wird, bleibe schließlich keine zwanzig Jahre mehr im Betrieb. "Um wirtschaftlich flexibel zu sein ist es notwendig, dass die Belegschaft wechselt. Wir brauchen die altersbedingte Fluktuation."

Reichenauer rechnet vor: Vor dem rentenfähigen Alter sind es bei BMW lediglich zwischen 0,5 und 1 Prozent der Angestellten, die ausscheiden. "Würden wir keine Älteren beschäftigen, sondern nur die Jungen, dann blieben die. Wir könnten 25 Jahre lang keine Mitarbeiter mehr einstellen." Die Belegschaft würde gemeinsam altern - und immer unflexibler werden. Zwar könnten auch Ältere mit technischen Entwicklungen Schritt halten. Allerdings sei es auch wichtig, dass jeweils aktuelles Know-how von außen in das Unternehmen kommt.

Mentale Ressourcen und natürliche Altersfluktuationen - dies zu nutzen steht also im Vordergrund. Aber es geht BMW nicht nur darum. Es ist nicht zuletzt die Demografie, die den Konzern zu seiner Personalpolitik zwingt. Die Arbeitskräfte werden immer älter.

Dem Arbeitsmarkt fehlen Nachwuchskräfte

Reichenauer bereitet also bereits vor, was in den kommenden Jahren sowieso "massiv und brutal auf die Gesellschaft einbricht". Denn spätestens 2008 fehlen dem Arbeitsmarkt Nachwuchskräfte. Es wird immer weniger Schul- und Studienabgänger geben - und die Jungen wandern seit der Wiedervereinigung unaufhaltsam in den Westen. Als Folge davon werden die Firmen bald um Bewerber kämpfen müssen. "Die älteren Arbeitnehmer sind schon jetzt unverzichtbar", sagt Reichenauer.

Auch der Betriebsratvorsitzende Jens Koehler, gelernter Kfz-Meister, ist von der neuen Personalpolitik überzeugt. Er verweist auf den Fall Regensburg. Als dort der Konzern 1986 ein Werk eröffnete wurden fast ausschließlich Jüngere eingestellt oder ausgebildet. "Und da alle gemeinsam älter wurden, konnte man keine Auszubildenden mehr übernehmen." In wirtschaftlich schwierigen Perioden wäre das ein Desaster. Den Fehler galt es für Leipzig unbedingt zu vermeiden. Deshalb hatte man die Älteren gezielt über Arbeitsämter angesprochen.

Zum Erstaunen der BMW-Personaler blieb das Echo auf das Arbeitsangebot für Alte zunächst gering. Zwar waren über 130.000 Bewerbungen für das Werk in Leipzig eingegangen. Doch waren nur wenige Über-40-Jährige unter den Bewerbern - trotz gezielter Marketingkampagnen und enger Kooperation mit den Arbeitsämtern. Entweder war die Angst vor Absagen zu groß, oder die Arbeitssuchenden hatten wenig Vertrauen in den Plan von BMW, vermutet Reichenauer: "Zuerst wurden wir nicht ernst genommen." Die Medien hielten den Modellversuch für einen Werbe-Gag: "Die Alten und Frauen, das klingt gut. Aber Ihr macht da doch eh nichts draus."

Ältere haben Minderwertigkeitsgefühle

Bei näherer Betrachtung ist die Zurückhaltung der älteren Bewerber wenig erstaunlich. Denn gerade sie bekommen die Geringschätzung der Gesellschaft oft zu spüren. Der allseits verbreitete Jugendlichkeitswahn macht sie quasi zu Unerwünschten. Befragungen von Personalverantwortlichen in deutschen Betrieben belegen dies. Dem Vorurteil nach gelten Ältere als weniger belastbar und leistungsfähig. Sie könnten sich an technische Entwicklungen nicht anpassen und zeigten einen geringeren Willen zur Weiterbildung.

Diesen Mechanismus durchschauten schließlich auch die BMW-Personaler und stellten sich darauf ein. Die Marketingmaßnahmen wurden verstärkt, gezielt Bewerber mit Berufserfahrung angesprochen. Eine in der Region ansässigen Personalvermittlung machte möglichen Kandidaten Mut, sich zu bewerben. Die Maßnahmen brachten schließlich den gewünschten Erfolg, die Liste der älteren Bewerber wurde länger.

Natürlich lief auch bei der Auswahl geeigneter Bewerber nicht alles nach Wunsch. Manche Bewerber taten sich sichtlich schwer, als es darum ging, Bereitschaft zur Mobilität zu zeigen, erinnert sich Betriebsrat Jens Koehler. Diejenigen, die die erste Bewerbungsrunde überstanden hatten, mussten zur Qualifikation nach München. Die Kurse dauerten teilweise bis zu zwei Jahre. Zwar half BMW, indem der Transport durch Busse geregelt und Unterkünfte zur Verfügung gestellt wurden. Zusätzlich gab es psychologische Betreuer vor Ort. Doch die Trennung von der Familie, der Umzug in eine neue Region, das fiel vielen schwer. Aber, so betont Koehler, die Unflexiblen seien eben nicht nur die Älteren gewesen.

"Der Jugendwahn ist Unsinn"

Wie gut die Entscheidung, auf die Älteren zurückzugreifen, tatsächlich gewesen ist, erwies sich in einem ausführlichen Test am Ende des Praktikums. Gemessen wurden vor allem die Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit und die Motivation. "Und ich kann ihnen sagen, die Älteren haben dabei nicht schlechter abgeschnitten", sagt Reichenauer. Salopp könnte man sagen, die Alten schmeißen jetzt den Laden in Leipzig.

"Der Jugendwahn ist Unsinn", sagt auch Rost inzwischen voller Selbstbewusstsein. "Ich weiß, dass ich jeden Tag etwas dazulernen kann. Ich bin körperlich und geistig fit." Rost sieht so aus, als passt er da, wo er jetzt ist, auch ganz gut hin. "Glück? Ich habe kein Glück gehabt. Ich weiß, was ich kann", sagt er und lacht. "Ich bin der Senior in meinem Team. Und da bin ich stolz drauf."

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