Boeing Die Zeichen stehen auf Streik
Seattle - Sie hätten lange genug verzichtet, sagen die Mechaniker. Nein, noch lange nicht genug, sagen die Manager. Zwei Wahrheiten, zwei Fronten: Beim Airbus-Konkurrenten Boeing stehen die Zeichen auf Streik - bereits am zweiten September könnten die Mitglieder der Mechaniker-Gewerkschaft International Association of Machinists (IAM) die Arbeit niederlegen. Nachdem die IAM und die Konzernleitung in den letzten Tagen die Verhandlungen bereits mehrfach für gescheitert erklärt haben, will die Boeing-Führung nun am Dienstag ihr letztes Angebot abgeben. Am Donnerstag werden die Gewerkschaftsmitglieder darüber abstimmen, ob sie die Vorlage der Konzernleitung von Boeing akzeptieren wollen oder nicht. Lautet die Antwort Nein, dann würden die laut Angabe des "Handelsblatts" 24.000 gewerkschaftlich organisierten Mechaniker über den Streik entscheiden.
Am ersten September läuft der bestehende Vertrag aus, den die Gewerkschaft mit der Boeing-Leitung vor drei Jahren beschlossen hatte - wo es erst in letzter Minute zur Einigung kam. In diesen Tagen seien die Fronten noch weitaus mehr verhärtet, berichtet das "Wall Street Journal" von der Front. Dem größten Exporteur der USA geht es im Zuge der Luftfahrtkrise nach den Terroranschlägen vom elften September so schlecht wie nie zuvor. Die Aufträge für Passagierflugzeuge, die immer noch 60 Prozent des Umsatzvolumens von Boeing ausmachen, bleiben zunehmend aus. Zudem setzt der europäische Konkurrent Airbus dem Flugzeugbauer aus Seattle mit niedrigeren Preisen extrem unter Druck. Fast 30.000 Mitarbeiter hat der Konzern seit dem elften September letzten Jahres entlassen - die meisten davon waren Mechaniker. Bald könnten es noch mehr werden, und das wollen die Arbeiter verhindern. Der Streik gilt bereits als sicher - auch wenn niemand dafür verantwortlich sein will.
"Ich sehe einen Streik kommen, doch ich will keinen Streik", sagte Dick Schneider, der Chefunterhändler der Maschinistengewerkschaft International Association of Machinists (IAM) dem "Seattle Post-Intelligencer". Boeing fordere mit unzumutbaren Angeboten das Scheitern der Verhandlungen heraus. Die Gewerkschaft fordert in erster Linie höhere Pensionszahlungen, bessere Gesundheitsfürsorgeleistungen und vor allem eines: die Sicherheit der Jobs ihrer Mitglieder. Die Gewerkschaft befürchtet, dass durch eine neue Strategie des Konzerns weitere Stellen wegfallen könnten. Denn das gebeutelte Unternehmen will künftig mehr Arbeit an Zulieferer in Übersee auslagern, um produktiver zu werden. Die Befürchtung scheint berechtigt. Im neuen Vertrag mit der IAM will sich der Konzern nun mehr Freiheiten festschreiben lassen, wieviel Arbeit er auslagern darf.
Die IAM verlangt genau das Gegenteil davon. Sie will erreichen, dass der Konzern künftig eine Mindestanzahl von Mechanikern in Abhängigkeit von Umsatz oder von der Zahl der bestellten Flugzeuge beschäftigt. "Unterm Strich geht es hier um Jobs", sagte der IAM-Gewerkschaftsfunktionär Mark Blondin. Seit 1995 haben die Boeing-Mechaniker nicht mehr gestreikt. Damals legten sie für insgesamt 69 Tage die Arbeit nieder, woraufhin die Produktion zum Erliegen kam und bestellte Flugzeuge nur verspätet ausgeliefert werden konnten. Angesichts der schlechten Auftragslage könnte ein ähnlich langer Streik dem Konzern großen Schaden zufügen, so das "Wall Street Journal". Die Fluggesellschaften United Airlines und US Airways haben lange vor der Luftfahrtkrise in wirtschaftlich guten Zeiten Kaufverträge über Passagierflugzeuge mit Boeing abgeschlossen - und wollen nun nicht zahlen. Würde sich die Auslieferung der Flugzeuge verspäten, könnten die Unternehmen zumindest schon mal den Preis drücken. Das "Wall Street Journal" sieht darin einen Vorteil für die Boeing-Mechaniker - denn gerade jetzt kann es sich Boeing nicht leisten, Millionen von Dollar zu verlieren.