Boeing-Krise: "Ruhmeshalle der Schande" - DER SPIEGEL
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Boeing-Krise "Ruhmeshalle der Schande"

Der Abgang von Boeing-Chef Phil Condit lenkt die Aufmerksamkeit auf eine lange Liste von Bilanzproblemen und Skandalen bei dem US-Luftfahrtkonzern. Ausgerechnet jetzt, da Boeing vor einigen der wichtigsten Entscheidungen seines Bestehens steht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Ken Boehm hatte wieder mal Recht. Der Jurist, Ex-Staatsanwalt und konservative Radio-Talkmaster aus dem US-Bundesstaat Virginia, hat es sich zum Lebenswerk gemacht, Korruption und Kungelei im öffentlichen Leben anzuprangern. Charakterstärke und Moralbewusstsein, sagt er, seien heutzutage nämlich Mangelware.

Mit Anzeigen, Aussagen vor Kongress-Ausschüssen und TV-Auftritten hat Boehm, der inzwischen Chef des Ethikinstituts National Legal and Policy Center (NLPC) ist, dafür gesorgt, dass US-Firmenskandale wie Enron, Global Crossing und WorldCom weltweit im Gespräch blieben. Die Liste seiner Erfolge ist lang: Alle Verantwortlichen besagter Firmen sind heute weg vom Fenster.

Und nun also auch Phil Condit. Den CEO von Boeing, der gestern "überraschend" abtrat (intern lag sein Rücktrittsangebot der Unternehmensführung schon seit zehn Tagen vor), hatte Boehm zuletzt im Frühjahr zum Freiwild ausgerufen. Anlass war ein Preis, den der Private Sector Council (PSC), eine Gruppe zur Förderung der Kontakte zwischen Politik und Wirtschaft, im Mai an Condit, 62, verlieh: den "Leadership Award" für seine "Dienste an der Nation".

Alles nur "Ablenkungen"?

Diese Auszeichnung sei "absurd", protestierte Boehm damals in einem Brief an das Preiskomitee. Angesichts endloser Ethikverstöße, Spionagevorwürfe und Mauscheleien gehöre Condits Boeing vielmehr in die "Ruhmeshalle der Schande" - "gleich neben Enron, Arthur Anderson und WorldCom".

Zur Preisverleihung in Washington machten trotzdem mehr als 250 Gäste ihre Aufwartung, darunter US-Finanzminister John Snow. Sieben Monate sollte es dann noch dauern, bis Condit von der Last der Ungereimtheiten unter seiner siebenjährigen Chef-Ägide erdrückt wurde.

Diese Ungereimtheiten tauchten in seiner Rücktrittserklärung nur kurz und indirekt auf, als lästige "Ablenkungen und Kontroversen", die, so beteuerte Condit gestern in einer Konferenzschaltung mit Wall-Street-Analysten, mit seinem Abgang nichts zu tun hätten.

Auf den ersten Blick war es die Affäre um Boeing-Finanzvorstand Mike Sears, die Condit am Ende das Genick brach. Sears hatte dem Pentagon im Januar die Raketenexpertin Darleen Druyun als neue Chefin jener wichtigen Boeing-Abteilung abgeworben, die unter anderem die Milliarden schweren Regierungsverträge zum im Aufbau befindlichen US-Abwehrschirm im All betreut.

Neue Zweifel an einem umstrittenen Deal

Neue Zweifel an einem umstrittenen Deal

Mrs. Druyun war jedoch ein personifizierter Interessenkonflikt. Denn bei der Air Force war sie zur selben Zeit noch für den umstrittenen Plan verantwortlich, 100 Boeing-Auftankjets zu akquirieren, von denen Kritiker glaubten, sie seien viel zu teuer und nicht notwendig.

Während Druyun das Boeing-Deal zu Ungunsten des europäischen Rivalen Airbus festzurrte, stellte der Konzern die Tochter Druyuns als College-Recruiterin in St. Louis an - obwohl Boeing anderswo zu Tausenden die Stellen strich. Auch verkaufte Druyun ihr Haus in Virginia an einen mit dem Jet-Deal befassten Boeing-Notar.

Als das alles herauskam, versuchten Sears und Druyun ihre Kontakte vor den Boeing-Hausanwälten zu vertuschen. Beide wurden letzte Woche fristlos gefeuert.

Die Enttarnung der Druyun-Sears-Connection kam allerdings zu spät: Der windige Air-Force-Deal war, nach zwei Jahren Lobbyarbeit, vorige Woche gerade noch durch den Kongress gesegelt - als einzelner Punkt im Paket zusammen mit dem Rüstungshaushalt. Statt alle 100 Jets zu leasen, wie eigentlich geplant, soll die Air Force allerdings jetzt nur 20 leasen und die restlichen günstiger kaufen.

Oder vielleicht doch gar nicht. Denn nun hat sich nachträglich der oberste Buchprüfer des Pentagons eingeschaltet. Und prominente Republikaner schlagen auf einmal vor, den Tankerjet-Deal wieder zu überdenken.

380 Millionen Dollar Strafzahlungen

Die Wellen der Druyun-Affäre schwappen selbst bis nach Europa. Da bewirbt sich Boeing gerade als Teil eines Konsortiums gegen die Airbus-Mutter EADS um eine ähnliche Tankerjet-Ausschreibung des britischen Verteidigungsministeriums. Die Verhandlungen, so berichtet das "Wall Street Journal", nähmen derzeit wegen der Druyun-Affäre einen ungünstigen Verlauf für Boeing.

Dabei hatten die Tankerjet-Deals das in Washington ohnehin angekratzte Image des größten US-Exporteurs aufpolieren sollen. Seit 1990, so errechnete die Watchdog-Gruppe Project on Government Oversight (POGO), hat Boeing für diverses "Missverhalten" Strafen und außergerichtliche Vergleiche in Höhe von rund 380 Millionen Dollar zahlen müssen. Wobei Boeing damit nicht mal der schlimmste Übeltäter der Rüstungsbranche war: General Electric (990 Millionen Dollar) und Lockheed Martin (426 Millionen Dollar) führen die Sünderliste an.

Unter den vorgebrachten Vergehen Boeings: Lieferung defekter Hubschrauberteile an die Army, Fälschung von Exportlizenzanträgen und 440 Verstöße gegen das Waffenausfuhrgesetz.

Anfang des Jahres dann wurde bekannt, dass Boeing im Besitz von 25.000 Seiten geheimer Akten des Konkurrenten Lockheed Martin war und diese genutzt hatte, um den Gegner im Wettbewerb um militärische Satellitenraketen auszustechen. Inzwischen ermittelt hier das Justizministerium; neun Boeing-Mitarbeiter wurden entlassen oder einem Disziplinarverfahren unterworfen, zwei angeklagt. Das Pentagon strich der Boeing-Raketenabteilung alle weiteren Geschäfte - ein Auftragsverlust von fast einer Milliarde Dollar.

Wachwechsel zu Unzeit

Wachwechsel zur Unzeit

Condit, als Visionär beliebt, tat sein Bestes, all das als "isolierte Vorfälle" darzustellen. Immer wieder verwies er auf den Boeing-Ehrenkodex, der "höchste ethische Standards" vorschreibt. In der Tat gibt es eine Ethik-Hotline, Ethik-Berater und Ethik-Pflichtkurse. Die Boeing-Website hat sogar ein "Ethik-Quiz". Das bietet auch das Kapitel "Interessenkonflikt" an - darin sind aber keine Fragen enthalten.

Manche Unregelmäßigkeiten hat Boeing durch Firmenübernahmen geerbt, andere waren das Resultat vertrackter Vertragsklauseln. Irgendwann jedoch, schrieb das Wochenblatt "Seattle Weekly", verliere die Geschichte vom "Hund, der meine Hausarbeiten auffraß", ihre Glaubwürdigkeit.

Vor allem, wenn die Bilanz nicht mehr stimmt. Nach Verlusten in fast allen Geschäftsbereichen und nach unten korrigierten Prognosen für 2003 landete Condit nicht mehr nur auf der "Forbes"-Liste der schlechtesten Firmenbosse der USA, weil er 3,9 Millionen Dollar im Jahr verdiene, seine Aktionäre jedoch regelmäßige Verluste hinnehmen müssten, sondern nun auch auf der Abschussliste des Direktoriums.

Der Wachwechsel hätte zu keiner kritischeren Zeit kommen können. Boeing, so Condit in seiner Abschiedserklärung durchaus zutreffend, steht vor "einigen der wichtigsten" Geschäftsentscheidungen "seiner Geschichte".

Hoffnung auf den "Dreamliner"

So soll das Board in zwei Wochen seinen neuen Zukunftsjet 7E7 ("Dreamliner") absegnen, der ab 2008 rund 2500 alternde 757- und 767-Maschinen ersetzen soll. Kürzlich enthüllte Boeing ein Zehn-Meter-Modell der Kabine, die "die Romantik des Fliegens" neu beleben soll. Allein der Testbau war 18 lange Monate in Arbeit; beim Design halfen auch Psychologen.

Das Sieben-Milliarden-Dollar-Projekt ist das lange erwartete, mit vielen Hoffnungen befrachtete Konkurrenzprogramm zum Airbus A300 und A330. Schließlich werden die Europäer Boeing bis zum Jahresende im Passagierflugzeug-Markt wahrscheinlich abhängen. Kurz vor Condits Rücktritt hatte die australische Fluggesellschaft Qantas bekannt gegeben, 23 A-320-Maschinen für ihre neue Billigflug-Tochter Jetstar zu bestellen.

Condits Nachfolger Harry Stonecipher, 67, für seinen harten Geschäftssinn an der Wall Street ebenso beliebt wie bei den Gewerkschaften unbeliebt, hat also alle Hände voll zu tun. Seine wichtigste Aufgabe jedoch, das macht er heute in einem Antrittsinterview mit dem "Wall Street Journal" deutlich, liege dort, wo in der Zukunft die größten Gewinne winkten: "Priorität Nummer eins ist es, unsere Reputation mit dem riesigen Kunden namens US-Regierung wieder herzustellen."

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