Börse Absturz ohne Ende
Frankfurt am Main/New York - "Die Erholung am Vormittag war eben nur ein Strohfeuer", sagte ein Händler angesichts der tiefroten Indexstände am Nachmittag. Der Dax fiel bis 17 Uhr um 3,5 Prozent auf 3563 Punkte. Im frühen Handel hatte sich der deutsche Leitindex auf über 3800 Punkten noch deutlich im Plus gehalten.
Die Nebenwerte verloren ebenfalls: Der MDax notierte auf 3399 Punkten, ein Minus von 2,4 Prozent. Am Neuen Markt gab der Nemax 50 um 1,1 Prozent auf 527 Zähler nach. Die Stimmung am Markt sei weiterhin von Ängsten vor weiteren Bilanzierungsskandalen, Pleiten und Gewinnwarnungen geprägt, sagten Händler. Auch seien die Kursverluste in den USA am Vortag fundamental nicht begründbar. "Wenn man sich die in den USA vorgelegten Daten ansieht, lagen die meisten Unternehmen mit ihren Quartalsergebnissen im Rahmen der Erwartungen oder besser", sagte Stephan Thomas, Vermögensverwalter bei Frankfurt Trust. "Das waren mehr psychologisch bedingte Panikverkäufe."
Uneinheitliche Eröffnung in New York
In den USA profitierten die Börsen von einem festeren Dollarkurs. Zum ersten Mal seit dem vergangen Montag war der Euro in der Nacht zum Dienstag unter die Parität gefallen.
Der Dow Jones kletterte innerhalb der ersten 45 Handelsminuten um 0,2 Prozent auf 7799 Punkte. Der Nasdaq notierte auf 1279 Zählern, ein Minus von 0,2 Prozent.
Gerüchte lasten auf der HypoVereinsbank Nach der Gewinnwarnung des niederländisch-belgischen Finanzkonzerns Fortis standen vor allem die Banken- und Versicherertitel unter Druck. Schlusslicht im Dax bildete das Papier der HypoVereinsbank mit einem Verlust von neun Prozent auf 22,39 Euro. Die Bank dürfte nach Einschätzung von Händlern wegen der Konjunkturflaute am Donnerstag schlechte Zahlen ausweisen.
"Das Gerücht über einen operativen Verlust von 200 Millionen Euro hat sich verbreitet wie ein Feuer", sagte ein Frankfurter Händler. "Derzeit sind alle Bankenwerte wegen Sorgen über Unternehmenspleiten unter Druck. Da schlägt auch ein unbestätigtes Gerücht hart ein", sagte er. "Die Panik ist noch nicht vorüber", sagte ein anderer Händler. "Solange die Unternehmen von Verlusten, hohen Abschreibungen und Buchhaltungsskandalen belastet sind, kommen auch die Banken nicht zur Ruhe. Sie hängen immer mit drin", sagte er.
Massive Verluste bei den Bankenwerten
Auch die Commerzbank-Aktie lag mit minus sechs Prozent bei 11,60 Euro in der Verlierergruppe der Dax-Werte. Die Deutsche Bank war weniger stark getroffen mit minus 2,9 Prozent auf 57,22 Euro. Grund ist Händlern zufolge, dass die Frankfurter Bank weniger Geld an Worldcom geliehen hat als bisher erwartet.
Die Papiere des Finanzdienstleisters MLP sackten um 5,3 Prozent auf 24,48 Euro ab. Aktien des Index-Schwergewichts Allianz fielen um 4,1 Prozent auf 145 Euro. Papiere der Münchener Rück gaben vier Prozent auf 178 Euro nach. Am Montag hatte die gesenkte Ertragsprognose der niederländischen Aegon die Werte bereits tief ins Minus gedrückt.
'Aktie Gelb' fällt auf Rekordtief
Die Aktie der Deutschen Post ist um über drei Prozent auf ein Rekordtief von 9,90 Euro gefallen. Hinter den starken Verlusten sehen Händler die Auswirkung einer Gewinnwarnung des US-Konkurrenten UPS . Charttechnisch bedenklich sei der Fall unter die Unterstützung bei zehn Euro bei der 'Aktie Gelb'.
Die Papiere der Lufthansa bauten ihre Vortagesverlust mit einem Abschlag von annähernd drei Prozent auf 11,10 Euro aus. Händler verwiesen auf die schwache Konjunktur, die viele Leute zum Sparen gerade bei Fernreisen veranlasse. Die Aktien der größten deutschen Fluglinie haben seit den Jahreshöchstständen im März mehr als 40 Prozent an Wert verloren.
Schering-Aktie gewinnt kräftig
Eine technische Reaktion hat die Aktie des Pharmaunternehmens Schering kräftig ins Plus geschoben. Die Aktie gewann rund drei Prozent auf 47,50 Euro und führte damit die Gewinnerliste an.
"Die Schering-Aktie reagiert heute auf die Verluste der vergangenen Tage", kommentierte Analyst Holger Blum von der Deutschen Bank. Noch Anfang Juli hatte der Titel über 62 Euro notiert. Händlern zufolge wird die Aktie auch von der Hoffnung auf "ermutigende und sehr gute Quartalszahlen" beflügelt. Schering wird am Freitag seine Zahlen für das zweite Quartal präsentieren.
Merck KGaA überrascht mit guten Zahlen, wenig Bewegung am Neuen Markt, Euro deutlich schwächer
Merck KGaA überrascht mit guten Zahlen
Nach besser als erwartet ausgefallenen Zahlen stiegen Aktien des Pharmaunternehmens Merck KGaA im MDax um fünf Prozent auf 21,00 Euro. Zudem reagierte der Markt nach Einschätzung von Experten positiv auf die Bestätigung der bisherigen Umsatz- und Ergebnisprognose für 2002.
Die Aktie des Modekonzerns Hugo Boss setzte ihre Talfahrt des Vortages mit einem Minus von 9,1 Prozent auf 12,75 Euro fort. Am Montag hatte das Papier bereits zeitweise ein Fünftel seines Werts eingebüßt, nachdem das Unternehmen die Gewinnprognose gesenkt hatte.
Gehe profitiert von positiven Analystenkommentaren
Die Aktie des Pharmagroßhändlers Gehe stieg um 1,6 Prozent auf 42,20 Euro, nachdem die UBS Warburg die Papiere in einer Studie von "Halten" auf "Strong Buy" heraufgestuft hatten. Analystin Nancy Davies bestätigte zudem ihr Kursziel von 51 Euro. Die niedrigen Kursstände bei Gehe und dem britischen Mitbewerber Alliance Unichem böten günstige Einstiegsgelegenheiten. Der Ausverkauf bei den Aktien von Pharmahändlern habe bereits begonnen, bevor defensive Werte bei den Anleger unmodern wurden.
Wenig Bewegung am Neuen Markt
Am Neuen Markt profitierten die Indizes im frühen Handel von einer technischen Reaktion auf die vorangegangenen Verluste, im weiteren Handelsverlauf bröckelten die Gewinne jedoch wieder ab. Die Kursausschläge hielten sich jedoch in Grenzen.
Deutlich im Plus hielt sich die Aktie von Süss Microtec . Das Papier legte um 2,8 Prozent auf 12,33 Euro zu. Das Unternehmen treibt nach eigenen Angaben mit dem internationalen Konsortium Secap (Semiconductor Equipment Consortium for Advanced Packaging) die Einführung des Wafer Level Packagings im Bereich 300mm-Technologie in der Chipbranche voran.
Ebenfalls freundlich präsentierten sich CE Consumer und Elmos Semiconductor . Die Verliererliste wurde angeführt von Dialog Semiconductor und AT&S . Die Aktien gaben um über zehn Prozent ab.
Schwacher Yen stützt den Nikkei
Die asiatische Leitbörse in Tokio hat am Dienstag ungeachtet schwacher Vorgaben aus den USA leicht zugelegt. Investoren deckten sich mit Aktien ein, nachdem sich der Yen gegenüber dem Dollar etwas abgeschwächt hätte, sagten Händler. Der Nikkei-Index für die 225 führenden Werte stieg um 0,3 Prozent auf 10.215 Zähler. Der breiter angelegte Topix schloss um 0,1 Prozent höher mit 992 Punkten.
Die Aktienkäufe hätten sich in der zweiten Sitzungshälfte verstärkt, nachdem der Dollar auf 117 Yen gestiegen sei, sagte der Leiter der Investment Informationsabteilung der Tokai Tokyo Securities, Masayoshi Yano. "Eine solche positive Entwicklung entzündete weitere Kauforders, vor allem bei exportorientierten Titeln." Diese hätten in der jüngsten Vergangenheit besonders unter der Angst einer nachteiligen Auswirkung wegen der Aufwertung des Yens gelitten", sagte Yano.
Zum einen habe die gute Entwicklung bei Nitto Denko und Hoya , die am Vortag Quartalsergebnisse ausgewiesen haben, die Stimmung unter den Anlegern verbessert. Investoren seien bereit, in Firmen mit soliden Geschäftszahlen einzusteigen, sagte er.
Autoaktien geben Gas
Autoaktien präsentierten sich überwiegend fester. Honda zogen um 180 auf 5270 Yen an. Nissan stiegen um 22 auf 816 Yen. Auch Banken legten zu. Mizuho verteuerten sich um 15.000 auf 292.000 Yen, MTFG um 33.000 auf 893.000 Yen. Das Papier von UFJ Holding gewann 12.000 auf 311.000 Yen.
Auch High-Tech-Werte zeigten sich ohne einheitliche Tendenz. Rohm fielen um 60 auf 16.290 Yen und Advantest um 20 auf 6870 Yen. TDK stiegen hingegen um 230 auf 5740 Yen. Sony kletterten um 30 auf 5420 Yen.
Kurs des Euro unter einem Dollar
Der Kurs des Euro ist am Dienstag gefallen. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs bei 0,9910 (Montag: 1,0086) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 1,0091 (0,9915) Euro. Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,6329 (0,6411) Pfund, 116,37 (117,33) Yen und 1,4549 (1,4559) Schweizer Franken fest.
Die beschleunigte Talfahrt des Euro nach dem Fall unter die Dollar-Parität ist nach Ansicht von Devisenhändler Thomas Lotterer von der Baden-Württembergischen Bank (BW-Bank) keine Trendwende. "Das ist ein Luftholen nach den kräftigen Gewinnen in den Vorwochen", sagte Lotterer. Einige Marktteilnehmer hätten schlicht Gewinne realisiert.
Um die psychologisch wichtige Paritäts-Marke seien von Händlern vermehrt Verkaufs-Aufträge gesetzt worden. Dies habe den Kursrutsch angetrieben. Die Bewegung liege aber in einem "normalen Rahmen". Eine Abschwächung des Euro bis auf 0,975 Dollar sei in dieser Konsolidierungsphase denkbar. Lotterer rechnet mit einer Einengung der Handelsspanne. Eine ruckartige Erholung sei "eher unwahrscheinlich". "Der Markt wird sich erst noch etwas beruhigen", sagte Lotterer.