Börse am Abend Endzeitstimmung am Neuen Markt
Frankfurt am Main Der Dax rutschte zum Abend wieder tiefer in die Verlustzone und verlor bis 18.30 Uhr 0,4 Prozent auf 5994 Zähler. Am Neuen Markt nahm die Kurserosion kein Ende: Mit minus 5,4 Prozent schlitterte der Nemax 50 auf 1278 Punkte. Der M-Dax notierte mit 0,4 Prozent im Minus bei 4777 Punkten.
Auch an der Wall Street gaben die Kurse im Handelsverlauf weiter nach. Der Dow Jones sackte um 0,8 Prozent auf 10.490 Punkte. Die Nasdaq verlor 1,9 Prozent auf 2100 Zähler.
Die Aktienmärkte in Frankfurt und New York wurden von einer Reihe von Gewinnwarnungen belastet. Vor allem die Hiobsbotschaften des britischen Telekomzulieferers Marconi und des niederländischen Chipausrüsters ASML lasteten schwer auf den Indizes. "Wenn Nachrichten kommen, sind sie negativ, und das drückt den Markt." Die Konjunkturdaten hätten angesichts der zahlreichen Unternehmensnachrichten kaum Einfluss auf das Geschäft gehabt, sagten Händler an der Wall Street. Der Markt warte auf die Arbeitsmarktdaten am Freitag, um weitere Details über die konjunkturelle Lage in den USA zu erhalten.
Gegen den Abwärtstrend bei den Technologiewerten legte in Frankfurt die Deutsche Telekom zu. Nach einem schwachen Handelsauftakt drehte die T-Aktie ins Plus und notierte am Abend 0,5 Prozent stärker bei 27,14 Euro. Die Titel des Tochterunternehmens T-Online waren zunächst im Plus gestartet, fielen zuletzt allerdings um 2,5 Prozent auf 9,05 Euro zurück. Der Internetprovider setzt auf dem Weg zur Profitabilität anscheinend bald auf "nackte Tatsachen". Nach einem Bericht der "Financial Times Deutschland" prüft der Chef des hoch defizitären Internetdienstleisters, Thomas Holtrop, die Aufnahme von erotischen Inhalten. "Mit Erotik kann man Geld verdienen. Das ist ein lukratives Angebot, welches wir für uns sehr genau analysieren", sagte Holtrop.
Unterdessen gräbt Telekom-Chef Ron Sommer, zugleich T-Online Aufsichtsratschef, dem Internetprovider Kunden ab. Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete, geht es dabei um eine Million Geschäftskunden. Während T-Online angekündigt habe, für seine Geschäftskunden neue Angebote zu entwickeln, biete die Telekom-Sparte T-Com seit dem 1. Juli einen schnellen Internetzugang an, der genau dieser Zielgruppe entspreche.
Wie schon am Vortag führten die Aktien von Henkel die Dax-Gewinnerliste an. Die Papiere kletterten um 3,2 Prozent auf 73,36 Euro. Am Mittwoch legte die Aktie bereits 3,4 Prozent zu. Umschichtungen von Degussa- in Henkel-Aktien hätten den Düsseldorfern Auftrieb gegeben, hieß es. Hierbei habe es sich um einen Großkunden gehandelt. Darüber hinaus verwiesen Händler auf die positiven Meldungen vom Vortag. Die geplante Expansion des Konsumgüter- und Chemiekonzerns in den USA und in Asien wirke sich nach wie vor beflügelnd auf den Kurs aus, sagte Klaus Tropschuh von der GZ Bank. Es könnte auch sein, dass der näher rückende Verkauf der Chemiesparte Cognis und die Nennung eines potenziellen Käufers weitere Kursgewinne bringen, sagte Delbrück-Analystin Junpu Li.
Ebenfalls gut im Rennen präsentierten sich die Versorgertitel: Die Aktien von RWE (plus 1,8 Prozent auf 47,74 Euro) und e.on (plus 1,9 Prozent auf 62,13 Euro) profitierten von Umschichtungen aus dem Technologiebereich in defensive Aktien, sagte ein Händler. RWE bekam zusätzlichen Auftrieb dank positiver Analysteneinschätzungen von der Credit Suisse First Boston und Morgan Stanley.
Die Technologiewerte waren nach den Gewinnwarnungen von Marconi und ASML stark unter Druck geraten und führten geschlossen die Verliererliste an. Besonders belastend für Infineon ist die Gewinnwarnung der niederländischen ASML, die in derselben Sparte tätig ist wie die Siemens-Tochter, sagte ein Händler der SEB Bank.
Die Aktien von Infineon (minus 3,3 Prozent auf 26,70 Euro), Epcos (minus 6,4 Prozent auf 58,29 Euro), Siemens (minus 4,8 Prozent auf 67,92 Euro) und SAP (minus 2,8 Prozent auf 150,70 Euro) lasteten schwer auf dem Dax.
Die Aktie der Commerzbank rutschte im späten Handel deutlich nach unten und gab 2,4 Prozent auf 28,20 Euro nach. Am Nachmittag hatte Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller eingeräumt, dass das Wertpapiergeschäft wie in der gesamten Branche im zweiten Quartal "schlechter gelaufen" sei. Eine Kompensation sei nur bedingt möglich. Für die zweite Jahreshälfte erwarte er aber ein lebhafteres Geschäft mit Unternehmensanleihen. Das Firmenkundengeschäft sei zudem großartig gelaufen, betonte Müller.
Resignation am Neuen Markt
Am Neuen Markt wurde der Rekordtiefstand des Nemax All Share nur noch mit einem Achselzucken hingenommen. "Das geht weiter bis unter 1000 Punkte", befürchtete ein Händler. "Eigentlich weiß keiner so recht, wie es weitergehen soll", sagte hingegen ein anderer. "Solange laufend böse Überraschungen passieren, sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels."
Zum größten Kursgewinner am Neuen Markt entwickelte sich Curasan. Ein von dem Biomedizin-Unternehmen entwickeltes Knochenaufbaumaterial wurde uneingeschränkt für die Behandlung des gesamten Skelettsystems zugelassen. Bisher kam das Produkt vorwiegend in der chirurgischen Zahnheilkunde zum Einsatz. Die Aktie legte 32,7 Prozent auf 6,50 Euro zu. "Das Papier war zwar unterbewertet, aber das ist mir doch ein bisschen zu viel des Guten", sagte ein Händler.
Nicht verwunderlich, dass auch die Aktien der ehemals als "Qualitätstitel" eingestuften Unternehmen unter die Räder kamen. So verloren die Aixtron-Aktien 11,3 Prozent auf ein Jahrestief von 23,50 Euro und schlossen damit an die Talfahrt der vergangenen Handelstage an. "Für den Kursverfall ist immer noch die Studie des Bankhauses Julius Bär verantwortlich", sagte ein Händler. In dieser sei Aixtron in der letzten Woche auf "Verkaufen" herabgestuft worden, nachdem einige Aixtron-Kunden Gewinnwarnungen herausgegeben hatten. "Seit Tagen sehen wir hier größere Verkäufe."
Die Titel von Lambda Physik notierten ganz unten im Nemax 50. Die Anteilsscheine des Unternehmens gaben 18,8 Prozent auf 41 Euro ab. "Da will jemand unbedingt aus der Aktie raus", begründete ein Händler den Kurssturz. Fundamental seien keine Gründe für einen Verkauf sichtbar. Der Umsatz sei gegenüber den Vortagen in dem schwachen Marktumfeld sehr hoch.
Pixelnet gab am Morgen eine Zusammenarbeit mit dem Internetriesen Amazon bekannt. Wie das Unternehmen mitteilte, wurde dies in einer Absichtserklärung formuliert. Künftig sollen die Internet-basierten fotografischen Dienstleistungen von Pixelnet in die Portale von Amazon.de eingebunden werden. Die Börse honorierte die Ankündigung mit einem Kursaufschlag für die Pixelnet-Aktie in Höhe von sechs Prozent auf 4,61 Euro.
Zocker trieben die Papiere von Kabel New Media um 4,5 Prozent auf 0,70 Euro. Das Unternehmen hatte in dieser Woche einen Insolvenzantrag gestellt. Das Zockerpapier von Letsbuyit.com brach dagegen um weitere 14,3 Prozent auf kaum noch messbare 0,18 Euro ein. Nach Angaben von Händlern wird das Unternehmen voraussichtlich in ein bis zwei Tagen Konkurs .
Euro fällt auf Acht-Monats-Tief
Der Euro hat am Donnerstag im Anschluss an die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), die Leitzinsen in der Euro-Zone mit 4,50 Prozent unverändert zu lassen, seine Verluste zum Dollar ausgeweitet. Die Gemeinschaftswährung fiel zeitweise auf ein Acht-Monatstief bei Kursen um 0,8362 Dollar. Zu der Schwäche des Euro trug Händlern zufolge jedoch auch ein überraschend kräftiger Anstieg des Indizes der US-Einkaufsmanager (NAPM) für das Nicht-Verarbeitende Gewerbe im Juni bei.
Einige Händler schlossen nicht aus, dass der Euro nun auf neue Tiefstände unterhalb seines im vergangenen Oktober erreichten Rekordtiefs von 0,8225 Dollar fallen könnte. Bereits am Vormittag hatte der Anstieg der deutschen Arbeitslosenzahl den Euro belastet.