Börse am Abend: Kollektiver Käuferstreik - DER SPIEGEL
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Börse am Abend Kollektiver Käuferstreik

Vor der Zinsentscheidung in den USA nehmen Anleger ihre Kursgewinne mit und drücken die Indizes weiter ins Minus. Im Dax treibt die Antibabypille Yasmin die Schering-Aktie an die Spitze.
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Frankfurt am Main - Die deutschen Börsen verharrten bis 18.40 Uhr weiter deutlich im Minus. Der Dax notierte 1,2 Prozent leichter bei 6068 Punkten. Die Wachstumswerte testeten neue Tagestiefstände und drückten den Nemax 50 auf 1714 Zähler, ein Minus von 4,8 Prozent. Zeitweilig betrug das Minus mehr als fünf Prozent.

In New York bewegte sich der Dow Jones nur wenig von der Stelle und stand zuletzt noch bei 10.825 Punkten in etwa bei seinem Vortagesschluss. Die Nasdaq hingegen baute ihre Verluste auf 1,4 Prozent bei 2078 Zählern aus. Sowohl in New York als auch in Frankfurt hielten sich viele Händler mit ihren Engagements zurück und warteten stattdessen die Zinsentscheidung der US-Notenbank ab, die für Dienstag erwartet wird.

An die Spitze der Dax-Gewinner setzten sich die Papiere von Schering, die um rund 4,8 Prozent auf 59,76 Euro zulegten und sich damit deutlich absetzen konnten. Die Aktie des Pharmakonzerns profitierte davon, dass in den USA die Antibabypille Yasmin zugelassen wurde. Wie Schering mitteilte, erfolgte die Genehmigung bereits per 11. Mai 2001. Das Präparat wird über Berlex Laboratories Inc, die US-Tochter von Schering, ab Juni dieses Jahres in den USA eingeführt. Es ist bereits in allen EU-Mitgliedstaaten sowie in weiteren Ländern am Markt. Mit Yasmin will der Pharmakonzern weltweit einen Umsatz von bis zu 200 Millionen Euro erzielen.

Die Aktie von Preussag gehörte weiterhin zu den Gewinnern. Die Anteilsscheine des Touristikkonzerns stiegen um 1,6 Prozent auf 37,95 Euro. Das Unternehmen wurde von Lehman Brothers in das europäische Musterportfolio aufgenommen. Die Investmentbank hatte dazu erklärt, dass zyklische Werte künftig eine bessere Kursentwicklung haben sollten. Im Gegenzug wurde ein Finanztitel aus der Empfehlungsliste genommen.

Die Deutsche Post hatte einen Millionenauftrag vermeldet. Das Unternehmen wird nach eigenen Angaben für die Gesellschaft für Zahlungssysteme (GZS) künftig jährlich über 40 Millionen Briefe drucken und diese dann zu den Empfängern befördern. Die Anteilsscheine zählten mit plus 0,16 Prozent bei 18,40 Euro noch zu den wenigen Gewinnern im Dax.

Spekulationen über eine baldige Einigung der Lufthansa mit der Pilotenvereinigung Cockpit haben den Aktienkurs die anfänglichen Verluste ausgleichen lassen. 0,09 Prozent leichter notierte der Kurs wieder bei 21,80 Euro. Wenn ein eintägiger Streik der Fluggesellschaft Ausfälle von über 20 Millionen Euro beschere, sei ein schneller Tarifabschluss im Sinne der Piloten für das Unternehmen weniger kostenträchtig als weitere Arbeitsniederlegungen, sagte ein Münchner Händler.

Bankentitel standen fortgesetzt auf der Verkaufsliste der Investoren. Die Aussagen von Deutsche-Bank-Chef Rolf E. Breuer, dass die Bank auf "aggressiver Partnersuche" sei, konnte die Aktien nicht stützen. Die Titel fielen um 0,6 Prozent auf 91,45 Euro.

Auch die übrigen Finanzwerte notierten mit Abschlägen. So fielen HypoVereinsbank-Aktien um 2,1 Prozent auf 61,25 Euro, nachdem Zeitungen über Personalveränderungen im Vorstand berichtet hatten. Das Papier der Dresdner Bank büßte 2,7 Prozent auf 49,81 Euro ein. "Die schlechten Quartalszahlen und andauernd negativen Schlagzeilen drücken den Kurs der Aktie", begründete ein Händler die Abschläge. Am besten standen hier noch die Papiere der Commerzbank mit Abschlägen von 0,5 Prozent auf 32,17 Euro.

Infineon-Titel standen fortgesetzt am Dax-Ende mit Verlusten von 4,53 Prozent auf 44,25 Euro. Medienberichten zufolge will der Chiphersteller die Bindung an das Mutterunternehmen Siemens herunterfahren. Siemens solle seine Beteiligung an Infineon auf 10 bis 15 Prozent statt der bisherigen 56 Prozent reduzieren, verlangte der Infineon-Vorstandsvorsitzende Ulrich Schumacher. Die Aktie des Mutterkonzerns gab knapp 1,7 Prozent auf 83,10 Euro nach, Epcos-Papiere notierten 1,1 Prozent schwächer, die von SAP gaben um rund zwei Prozent nach.

Die Aktien des größten deutschen Handelskonzerns Metro setzten ihre Talfahrt fort und verbilligten sich um 3,2 Prozent auf rund 45 Euro. "Mehrere Investmenthäuser haben die Aktie herabgestuft", erklärte Aktienhändler René Gorodsinsky von der Baden-Württembergischen Bank. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hat zudem die Metro-Aktien auf "Underperformer" heruntergestuft, weil der Konzern nur einen verhaltenen Ausblick auf das laufende Jahr gegeben habe.

Neuer Markt: Anleger nehmen Gewinne mit

"Alles wartet auf die Zinsentscheidung der US-Notenbank am Dienstag", begründete ein Frankfurter Händler die Kaufzurückhaltung am Neuen Markt. Da keiner wisse, ob die Zinsen wie erwartet gesenkt würden, gebe es derzeit Gewinnmitnahmen, sagte er.

Auf der Gewinnerseite stand Comroad, nachdem eine Kooperation mit dem Software-Riesen Microsoft bekannt gegeben wurde. Die Papiere kletterten zuletzt noch um 5,9 Prozent auf knapp 16 Euro.

Zu den Nemax-50-Gewinnern gehörten weiter United Internet. Das Unternehmen verringerte im ersten Quartal 2001 den Verlust vor Steuern im Vergleich zum Vorjahr von 10,1 Millionen Euro auf 7,4 Millionen Euro. Der Verlust pro Aktie sei damit von 0,18 Euro auf 0,13 Euro gesunken. Die Aktie hatte mit Kursaufschlägen von mehr als acht Prozent zeitweilig die Spitze des Indizes inne, fiel dann aber wieder auf plus 4,67 Prozent bei 3,81 Euro ab.

CE Consumer Electronic mussten weiter Federn lassen. Die Papiere verloren zuletzt 15,5 Prozent auf 8,85 Euro. Das Unternehmen hatte vergangene Woche den Markt mit einer versteckten Gewinnwarnung verwirrt und daraufhin einen Kurssturz verbuchen müssen. Bereits am Freitag sackten die Anteilsscheine von CE Consumer Electronic um 17,48 Prozent.

Consors notierte ebenfalls im Minus. "Das erste Quartal war nicht gut", und der schlechte Trend des Jahresendes 2000 habe sich fortgesetzt, hatte Consors-Vorstandssprecher Karl Matthäus Schmidt gesagt. Als Konsequenz würden etwa 100 befristete Arbeitsverträge nicht verlängert. Die Aktien von Consors konnten ein wenig an Boden gut machen, standen aber am Abend weiter mit 5,9 Prozent bei 27,44 Euro im Minus. Die Konkurrenten Direkt Anlage Bank (minus 6,86 Prozent auf 21 Euro) und Comdirect (minus 7,5 Prozent auf 12,95 Euro) mussten ebenfalls nachgeben.

Die im Nemax All Share notierten Anteilsscheine von Lycos Europe zogen zuletzt noch um knapp 9,5 Prozent auf 1,85 Euro an. Zuvor war der Kurs jedoch schon auf 2,13 Euro gestiegen - ein Plus von 26 Prozent. Das Unternehmen hatte am Morgen die aktuellen Geschäftszahlen vorgelegt und diese anschließend korrigiert. Danach erwirtschaftete das Unternehmen in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2000/2001 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Verlust von 250,5 Millionen Euro nach 47,7 Millionen Euro. Damit legte der Verlust je Aktie von 0,24 Euro auf 0,88 Euro zu.

Größter Verlierern am gesamten Neuen Markt waren die Papiere von Advanced Photonics, die sage und schreibe rund 69 Prozent auf 8,20 Euro fielen. Der Anbieter von thermischer Prozesstechnologie hatte nach einem unerwartet schwachen ersten Quartal seine Prognosen für das Jahr 2001 drastisch gesenkt. Statt acht lukrativer Lizenzverträge erwartet Adphos nur noch zwei oder drei.