Börse am Abend: Spätes Gemetzel in Frankfurt - DER SPIEGEL
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Börse am Abend Spätes Gemetzel in Frankfurt

Während sich die Verluste an der Wall Street in Grenzen halten, gibt es bei den deutschen Standardwerten kein Halten mehr. Der Dax verliert mehr als 150 Punkte.
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Frankfurt am Main/New York – Der Dow Jones notierte gegen 18.00 Uhr mit 0,8 Prozent auf 9487 Zählern im Minus. Der Nasdaq Composite verlor 1,2 Prozent auf 1479 Zähler und notierte damit unter der psychologisch wichtigen Marke von 1500 Punkten.

Der Dax stürzte um 3,5 Prozent auf 4204 Punkte - der bislang tiefsten Stand des Jahres. Der Nemax 50 notierte bei 633 Zählern, ein Minus von 2,6 Prozent.

Nach einer Flut an Konjunkturdaten hatten die US-Börsen am Donnerstag zunächst mit leichten Abschlägen eröffnet. Positiv bewerteten die Märkte die neuen Wochenzahlen zu den Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe, die niedriger ausgefallen sind als erwartet.

Um kurz nach 16 Uhr wurde der Index der US-Frühindikatoren für den Monat Mai bekannt. Der Index legte um 0,4 Prozent auf 112,2 zu und stieg damit stärker als erwartet. Volkswirte waren von einem Plus von 0,2 Prozent ausgegangen. Im April hatte der Index noch einen Rückgang von 0,4 Prozent verzeichnet.

Vor Handelsbeginn wurde bereits neben dem Handelsbilanzdefizit das Leistungsbilanzdefizit veröffentlicht. Das Leistungsbilanzdefizit in den USA ist im ersten Quartal erheblich stärker als erwartet gestiegen. Wie das US-Handelsministerium am Donnerstag in Washington mitteilte, erreichte der Fehlbetrag in den Monaten Januar bis März 2002 ein Rekordniveau von 112,5 Milliarden Dollar. Auch das Handelsbilanzdefizit ist im April überraschend stark angewachsen. Es stieg im Vergleich zum revidierten Vormonatswert saisonbereinigt um 10,7 Prozent auf 35,94 Milliarden Dollar. Auch dieser Anstieg war stärker als von Volkswirten erwartet.

"Anleger sind extrem nervös"

Anhaltende Kursverluste an den US-Leitbörsen sowie eine verringerte Umsatzprognose des weltgrößten Handy-Herstellers Nokia hatten die deutschen Aktienmärkte am Donnerstag stark belastet. Die Marktteilnehmer seien zudem vor dem großen Verfallstermin von Optionen und Futures am Freitag, dem so genannten Hexensabbat, extrem nervös und investierten nur sehr kurzfristig, sagte ein Frankfurter Händler. Längerfristig orientierte Positionen könne man vor dem Verfall nicht mehr aufbauen, dafür sei die Marktsituation zu unsicher.

Nokia   hatte am Donnerstagmorgen seine Umsatzprognose für das zweite Halbjahr 2002 auf ein Plus von maximal zehn Prozent gesenkt. Bislang waren die Finnen auf Jahresbasis von einem Umsatzwachstum von mindestens 15 Prozent ausgegangen. Damit senkte Nokia die Umsatzerwartung zum zweiten Mal innerhalb von zwei Monaten. Dagegen bekräftigte das Unternehmen seine frühere Gesamtjahresprognose. Nach frühen Verlusten präsentierte sich die Aktie zuletzt mit 0,83 Prozent auf 13,36 Euro im Plus.

Technologiewerte auf Talfahrt

Zu den größten Verlierern gehörte die Aktie von Infineon   , die rund fünf Prozent auf 15,20 Euro nachgab. Berichten von Händlern zufolge hat das US-Investmenthaus Lehman Brothers sein Kursziel für Infineon von 37 auf 20 Euro gesenkt, seine "Kaufen"-Empfehlung aber bestätigt. Zudem ist der Chiphersteller wegen des Verdachts von Preisabsprachen ins Visier der US-Justiz geraten.

Im Sog der Nokia-Umsatzwarnung fiel die Aktie des Mobilfunkzulieferers Epcos   zuletzt noch um 1,9 Prozent auf 33,92 Euro. SAP   reduzierten sich zuletzt um 5,7 Prozent auf 97,55 Euro. Zuvor hatten sich bei 97,32 Euro ein neues Jahrestief markiert.

Die T-Aktie   konnte sich von ihrem neuerlichen Rekordtief bei 9,48 Euro nicht entfernen und notierte bei 9,51 Euro: ein Abschlag von 3,55 Prozent. Die Telekom steht erneut im Visier der Börsianer. Der Bundesrechungshof hat offenbar Zweifel an der Bilanz geäußert. Die Kritik der Finanzkontrolleure entzünde sich erneut an der Bewertung der Immobilien, schreibt die "Financial Times Deutschland" (FTD) unter Berufung auf Kreise des Haushaltsausschusses. Dem Gremium sei ein geheimer Bericht des Bundesrechnungshofes zugegangen, demzufolge die Telekom den Wert ihrer Immobilien immer noch nicht korrekt bilanziert.

Verkauft die Deutsche Bank ihre Allianz-Anteile?

Die Aktien der Allianz   verloren fünf Prozent auf 195 Euro. Händler machten dafür unter anderem Gerüchte verantwortlich, die Deutsche Bank   habe Aktien des Münchener Versicherers platziert.

Volkswagen   -Aktien sanken um 4,7 Prozent auf 49,92 Euro und zählten damit zu den schwächsten Werten im Dax. Die EU-Kommission wird möglicherweise schon in diesem Jahr rechtlich gegen Deutschland wegen des VW-Gesetzes vorgehen. Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zu den "Goldenen Aktien" prüft die Behörde derzeit Gesetze in zehn EU-Staaten, die Übernahmebarrieren vorsehen. Dazu gehöre auch das VW-Gesetz. Zudem lasten Händlern zufolge auch Gewinnmitnahmen und der starke Euro auf den Autowerten. BMW   und DaimlerChrysler   verloren jeweils rund 2,5 Prozent.

Belastend wirkte sich nach Angaben von Händlern aus, dass die Investmentbanker von Morgan Stanley die gesamte Autobranche in den USA heruntergestuft haben. Mit Blick auf Ford und General Motors gehen die Morgan-Experten davon aus, dass sich das Verhältnis von Verkaufszahlen und Produktion verschlechtern werde und damit ansteigende Lagerbestände auf die Preise drücken werde. Schwächster Wert im Dax waren die Aktien von MLP   , die fast sieben Prozent auf 31,63 Euro nachgaben. Bereits am Vortag hatte die Aktie mehr als fünf Prozent verloren.

Trotz positiver Analystenstimmen notierten die Versorgerwerte uneinheitlich E.On   und RWE   unverändert auf ihrem Vortagesniveau. Das US-Investmenthaus Lehman Brothers hat die Aktien beider Unternehmen auf "Strong Buy" heraufgestuft.

Mobilcom und Cargolifter legen deutlich zu

Cagolifter auf Höhenflug

Im MDax legten Cargolifter-Anteile   um über 30 Prozent auf 1,56 Euro zu. Das Land Brandenburg hat eine Soforthilfe für die insolvente Cargolifter AG an Bedingungen geknüpft, die nach Einschätzung von Beobachtern den Vorstand des Luftschiffbauers weitgehend entmachten dürften.

Weiter auf Erholungskurs lag sich auch die Aktie der Beteiligungsgesellschaft WCM   , die um über drei Prozent auf 11,46 Euro stieg.

Übernahmegerüchte stützen MobilCom

Die MobilCom-Aktie  Aktie setzte sich mit einem Plus von 6,5 Prozent auf rund neun Euro an die Spitze des Nemax 50. Zeitungen hatten zuvor von einem bevorstehenden Angebot des Großaktionärs France Télécom   an MobilCom-Chef Gerhard Schmid und die freien Aktionäre berichtet. Die France Télécom will trotz Aufkündigung ihrer Kooperation mit MobilCom das deutsche Unternehmen übernehmen.

Mit zu den größten Verlierern zählten die Aktien des Medienunternehmens EM.TV   . Die Anteilsscheine verbilligten sich um 5,65 Prozent auf 1,17 Euro. Deutlich schwächer präsentierten sich auf Thiel Logistik   und die Aktien der Direktbanken DAB Bank   sowie comdirect   die jeweils rund sechs Prozent verloren.

Euro klettert auf Zweijahreshoch

Euro klettert auf Zweijahreshoch

Nach der Veröffentlichung der jüngsten US-Konjunkturzahlen hat der Euro-Kurs am Donnerstag die 96-US-Cent-Marke überwunden und notierte in der Spitze bei 0,9630 US-Dollar. Damit erreichte der Kurs der Gemeinschaftswährung ein Zweijahreshoch. Zuvor hatte die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzkurs bei 0,9592 (Mittwoch: 0,9561) US-Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 1,0425 (1,0459) Euro. Zuletzt kostete die Gemeinschaftswährung 0,9619 Dollar.

Die erneute Zuspitzung des Konflikts im Nahen Osten habe den Dollar belastet, sagten Händler. Auch die deutliche Schwäche der US-Aktienmärkte laste auf dem Dollar. Andere Marktbeobachter machten das stark angestiegene US-Leistungsbilanzdefizit für die Dollarschwäche mit verantwortlich.