Börse am Mittag: Auf Erholung eingeschworen - DER SPIEGEL
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Börse am Mittag Auf Erholung eingeschworen

Die Rallye in den USA hat Käufer hervorgelockt, der Dax notiert weiter deutlich im Plus. Münchener Rück und Telekom setzen sich an die Spitze. Die Allianz erhält dagegen einen Dämpfer aus den USA.
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Frankfurt am Main - Nach einem Kickstart und 3,1 Prozent Gewinn im frühen Handel hat der Dax bis zum Mittag ein wenig nachgegeben, er notierte um 11.30 Uhr aber immer noch 2,3 Prozent fester bei 3672 Punkten. Der Nemax 50 legte um 2,4 Prozent auf 486 Punkte zu.

Mit ihren Gewinnen reagieren die deutschen Börsen auf die Vorlage aus den USA: Nach Ablauf der Frist für den Bilanzeid haben gestern Abend zahlreiche US-Unternehmen die Richtigkeit ihrer Zahlen beeidet, und damit kehrte Vertrauen in den Markt zurück. Eindeckungen von Leerverkäufern und Umschichtungen von Anleihen zu Aktien gaben der Kurserholung zusätzliche Dynamik, sagten Händler. Der Dow Jones kletterte im späten Handel um 3,1 Prozent, der Nasdaq Composite um 5,1 Prozent.

Mangels Eigenleben der deutschen Märkte beginnt wie üblich bereits am Mittag das Zittern vor Eröffnung der Wall Street. In den USA stehen heute neue Arbeitsmarktdaten an. Da die US-Futures minimal im Minus notieren, nehmen nervöse Anleger Gewinne gleich wieder mit. Die Gewinnwarnung von MLP und die Kommentare von Merrill Lynch zur Allianz belasten.

Hightechwerte ziehen an - Spekulationen bei Telekom gehen weiter

Vor allem die Technologiewerte Siemens  , Epcos  , Infineon  , SAP und Deutsche Telekom   gehörten mit Gewinnen zwischen zwei und vier Prozent zu den größten Gewinnern im Index. Epcos (plus 3,2 Prozent) profitierte zusätzlich davon, dass der Wert zunächst im Dax verbleibt. Bei der Telekom (plus 3,5 Prozent) gehen außerdem die Spekulationen um den Vorsitz weiter: Der frühere Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG, Thomas Middelhoff, ist nach Informationen der "Berliner Zeitung" weiterhin als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG im Gespräch.

Autotitel fest - BMW fährt voraus

Deutlich erholt zeigten sich auch die Autowerte. BMW   legte um mehr als drei Prozent zu und kletterte wieder über die Marke von 40 Euro, nachdem Anleger in der vergangenen Woche zunächst mit Gewinnmitnahmen auf die Bilanz reagiert hatten. Doch der Autohersteller hält an seinen Zielen fest. Auch DaimlerChrysler   spürte den Rückenwind der Branche.

Zunächst unbeeindruckt von der drohenden Insolvenz der United Airlines zeigte sich die Aktie der Deutschen Lufthansa  . Das Papier legte um knapp zwei Prozent zu, obwohl UAL zu den wichtigsten Partnern der Lufthansa im Star-Allianzce-Netzwerk zählt.

MLP trotz Gewinnwarnung fest

Der Heidelberger Finanzdienstleisters MLP   hat am Donnerstag erwartungsgemäß einen Ergebnisrückgang verzeichnet und seine Jahresprognose für das Vorsteuerergebnis gesenkt. Der Gewinn vor Steuern werde im Gesamtjahr mit etwa 100 Millionen Euro deutlich unter dem Vorjahreswert von 150,7 Millionen Euro liegen, teilte MLP am Donnerstag mit. Der Vorsteuergewinn sank im ersten Halbjahr auf 53,1 Millionen Euro nach 53,8 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Analysten hatten jedoch mit einem noch stärkeren Gewinneinbruch gerechnet - die Aktie verteidigte bis zum Mittag Gewinne von rund zwei Prozent auf 14,52 Euro.

Erholung in allen Branchen -Merrill Lynch prügelt auf Allianz ein

Bis auf den Dax-Absteiger Degussa   und MAN   notierten alle Dax-Werte im Plus. Auch die gebeutelten Finanzwerte, allen voran Münchener Rück   und HypoVereinsbank  , zeigten sich erholt.

Die Allianz   blieb einen Tag nach Vorlage der Bilanz mit Kursgewinnen von lediglich 1,8 Prozent hinter dem Markt zurück. Die Investmentbank Merrill Lynch hat die Gewinnprognose für den Finanzkonzern nach der Halbjahresbilanz gesenkt. Statt 8,20 Euro Gewinn je Aktie in 2002 prognostizieren sie nur noch 4,30 Euro. Das Kursziel wurde von 155 auf 120 Euro zurückgenommen.

Neuer Markt: Es bleibt kritisch

Am Neuen Markt halten sich Händler dagegen mit Prognosen zurück. Der Nemax 50 notierte am Donnerstag trotz der kräftigen Erholung an der Nasdaq weiterhin deutlich unter 500 Punkten. "Der Markt ist praktisch tot, große Investoren haben sich längst verabschiedet", sagte ein Händler.

Zocker bestimmen den Markt. Kennzeichnend, dass der Top-Verlierer Thiel Logistik   am Donnerstag Morgen mit einem Kursplus von sechs wieder zu den Gewinnern zählte. Thiel hatte sich gestern um knapp zwanzig Prozent verbilligt. Der Logistikspezialist wird - entgegen allen Beteuerungen - nun doch die Aktienmehrheit an die Beteiligungsgesellschaft Delton AG abgeben. Zudem will Thiel den Konkurrenten Microlog   schlucken. Auch die Aktien von Dialog Semiconductor   und Medigene   zeigten sich nach ihren Vortagesverlusten zur Abwechslung mal wieder auf der Gewinnerseite.

Wall Street: Hält die Rallye?

Wall Street gibt den Takt vor

Der Ablauf der Frist für den Bilanzeid war gestern gleichzeitig der Startschuss für eine deutliche Kurserholung an den Märkten. Der Dow Jones hat gestern binnen der letzten beiden Handelsstunden mehr als 250 Punkte zugelegt und ging mit einem Plus von 3,1 Prozent fester auf 8743 Zähler aus dem Handel. Der Nasdaq Composite kletterte sogar um 5,1 Prozent auf 1334 Punkte.

Eingeschworene Gemeinschaft

Die Bosse und Finanzchefs von 709 Unternehmen haben bis nach Handelsschluss am Mittwoch "nach bestem Wissen" beschworen, dass der letzte Jahres- und Quartalsbericht sowie andere relevante Dokumente ihrer Firmen wahr sind. Fällig waren bis Mittwoch Abend 740 eidesstattliche Erklärungen von Firmen, bei denen sich das Geschäftsjahr mit dem Kalenderjahr deckt. Die anderen haben mit der Einreichung Zeit, bis ihre regulären Geschäftsberichte bei der SEC fällig sind. Die Börsenaufsicht SEC hatte nach der Serie von Bilanzskandalen das Management von insgesamt 947 US-Firmen zum Bilanzeid aufgefordert.

Bilanztricks bei AOL lassen Börsianer vorerst kalt

Auf ihre Bilanz geschworen haben unter anderem die Finanzchefs und Vorstände von Großkonzernen wie Bank of America  , Boeing  , Citigroup  ,Eastman Kodak  , Ford  , Intel  , Xerox   und Walt Disney  .

Dagegen hat AOL Time Warner   Unregelmäßigkeiten in der Bilanz ihrer Internet-Tochter AOL eingeräumt. Drei Transaktionen von insgesamt 49 Millionen US-Dollar seien widerrechtlich als Einnahmen verbucht worden und hätten damit den Umsatz aufgebläht. Die Fehlbuchungen hätten sich über zwei Jahre erstreckt. Die US-Börsenaufsicht, die wegen möglichen Bilanzbetrugs bereits gegen den Konzern ermittelt, sei informiert worden. Allerdings zeigen sich Anleger zunächst sehr gelassen: Die Aktie von AOL tendierte trotz der Meldung nach Börsenschluss im nachbörslichen Handel weiterhin fest.

Fristverlängerung für die üblichen Verdächtigen

Mit Ablauf der Frist sind die Probleme aber noch nicht bereinigt. Das neue Gesetz schafft lediglich die Voraussetzungen für ein künftig härteres Vorgehen. Ob sich Bilanzsünder, die ihre Zahlen "nach bestem Wissen" beeiden, tatsächlich festnageln lassen, bleibt unsicher. Die Hauptakteure der jüngsten Skandale - Adelphia Communications, Dynegy, Enron, Qwest Communications und Worldcom   kündigten außerdem an, den Termin auf Grund laufender Buchprüfungen nicht einhalten zu können. Für Quartalsberichte ermöglicht die SEC eine Fristverlängerung von 5 Tagen, für Jahresabschlüsse von 15 Tagen.

Technologie-Schwergewichte gefragt

Zu den größten Gewinnern in New York zählten Technologieaktien. Die Papiere von Hewlett Packard   legten zweistellig zu. Auch IBM  , Microsoft  , Intel   und andere große Computer-, und Chipaktien tendierten sehr fest.

Der Einzelhandelskonzern Wal-Mart   kletterte um mehr als acht Prozent: Einerseits hat der Konzern trotz schwacher Konjunkturlage mit guten Quartalszahlen überrascht, und zweitens will Wal-Mart Aktien im Wert von fünf Milliarden Dollar zurück kaufen. Sogar das Dow-Schwergewicht General Electric   beendete den Handelstag mit einem deutlichen Plus. Dabei hatte die Investmentbank Salomon Smith Barney für den US-Mischkonzern die Ertragsprognosen gekürzt und dies unter anderem mit der Pleite der US Airways   begründet.

Stürzt nach US Airways auch United Airlines?

Dagegen standen die meisten Airlines sowie der Flugzeughersteller Boeing   und der Triebwerksanbieter United Technologies   wegen der Probleme der gesamten Luftfahrtbranche unter Druck. Die Aktien der UAL, der Muttergesellschaft der United Airlines, sind nochmals um 10,58 Prozent auf nur noch 2,45 Dollar gefallen. Das Unternehmen hat einen Gang zum Konkursrichter in Aussicht gestellt, falls es nicht seine Kosten dramatisch senken kann. Bereits am Sonntag hatte US Airways   Gläubigerschutz beantragt.

Nikkei fest, Euro schwächer

Die Aktienbörse in Tokio hat am Donnerstag nach der festen Vorgabe der Wall Street deutlich fester geschlossen. Der Nikkei-Index verbesserte sich um 157 Punkte oder 1,6 Prozent auf 9795,57 Zähler.

Der Kurs des Euro gab bis zum Mittag auf 0,9758 Dollar nach. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs gestern bei 0,9857 (Dienstag: 0,9799) US-Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 1,0145 (1,0205) Euro.