Börse am Mittag Die Angst geht um
Frankfurt am Main - "Bitte seien Sie geduldig, tun Sie nichts, was sich emotional gut anfühlt - langfristig wäre das ein Fehler", sagte Grasso am Sonntag (Ortszeit) im US-Fernsehsender NBC angesichts einer befürchteten Verkaufswelle am Montag. "Vergessen Sie nie: Vor Tagesanbruch ist es immer am dunkelsten."
Für heute fürchtete Grasso aber einen weiteren Absturz der Börsen. "Montage nach Freitagsrückgängen waren immer schwierig." Dies werde wohl auch an diesem Montag der Fall sein.
Das gilt offensichtlich auch für den Dax. Der Index rutschte bis 10.40 Uhr um 3,7 Prozent auf 3747 Zähler ab, nachdem er bereits am Freitag mehr als fünf Prozent verloren hatte - ein neues Jahrestief. Auch die Wachstumswerte am Neuen Markt gaben nach. Der Auswahlindex Nemax 50 notierte fünf Prozent leichter auf 519 Punkte. Die Märkte in Frankfurt vollzogen damit zunächst den Kursrutsch der Wall Street im späten Freitagsgeschäft nach. Dabei hatten die US-Indizes historische Tiefstände markiert. Marktbeobachter sprachen von Panikverkäufen.
Zu den Werten, die noch vergleichsweise glimpflich davonkamen, zählt der Energiekonzern Eon . Und das trotz der Überlegungen von Eon-Chef Ulrich Hartmann, angesichts des drohenden langen Gerichtsverfahrens auf die Fusion zu verzichten. Die Aktie von Eon war zu Handelsbeginn zunächst gesucht, drehte dann aber mit 1,80 Prozent auf knapp 51 Euro ins Minus.
Unter Druck gerieten die Aktien von Volkswagen . Der Konzern könnte das selbst gesteckte Ergebnisziel für 2002 verfehlen. Nach einem Bericht der "Welt am Sonntag" erwarten Analysten rückläufige Verkäufe und hohe Belastungen durch Rabatte und Sonderkonditionen. Das Papier des Autobauers gab rund vier Prozent auf 41 Euro nach.
Aktien von DaimlerChrysler rutschten um mehr als vier Prozent auf 42,38 Euro ab. Gegen zwei amerikanische Töchter von Mercedes-Benz ermittelt das US-Justizministerium wegen unerlaubter Preisabsprachen. Wie DaimlerChrysler am Freitag in Unterlagen an die amerikanische Wertpapier- und Börsenkommission SEC mitteilte, führe die Kartellrechtsabteilung des US-Justizministeriums eine strafrechtliche Untersuchung durch. Betroffen sind die amerikanische Vertriebstochter Mercedes-Benz USA LLC und deren Tochterfirma Mercedes-Benz Manhattan. Die Aktien des Konkurrenten BMW verloren 4,50 Prozent auf 36,91 Euro.
Die Deutsche Telekom will unter dem neuen Vorstandschef Helmut Sihler die Sanierung des Unternehmens beschleunigen. Wie das Nachrichtenmagazin "Focus" vorab berichtet, sieht das Programm "Ziel 50" einschneidende Maßnahmen vor, die die Schulden des Konzerns von derzeit 65 auf 50 Milliarden Euro Ende 2003 senken sollen. Die T-Aktie rutschte dennoch um mehr als vier Prozent auf 11,33 Euro ab.
Die Nachrichten aus den USA hellen die Stimmung in der Branche nicht gerade auf: So haben der US-Telekomkonzern WorldCom und seine aktiven US-Tochterfirmen am Sonntag bei einem New Yorker Gericht Insolvenzantrag gestellt.
Zu den Verlierern zählten auch die Titel von Versicherungskonzernen. Allianz und Münchener Rück gaben jeweils rund vier Prozent nach. Am Morgen hatte der niederländische Versicherungskonzern Aegon eine dramatische Gewinnwarnung herausgegeben. Aegon geht davon aus, 30 bis 35 Prozent weniger zu verdienen als noch im Vorjahr.
Die Aktien der Deutsche Bank fielen um mehr als vier Prozent auf 60,40 Euro. Die Bank hat nach Informationen von des Nachrichtensenders n-tv WorldCom Kredite in Höhe von bis zu eine Milliarde Dollar eingeräumt. Marktbeobachter befürchten nun, dass der Bedarf an Wertberichtigungen bei der Bank deutlich höher ausfallen könnten.
Hugo Boss enttäuscht
Auch der Modekonzern Hugo Boss enttäuschte die Anleger am Montagmorgen mit einer Gewinnwarnung. Das im MDax notierte Unternehmen hat seine Gewinnerwartung für das Geschäftsjahr 2002 auf Grund des schwierigeren Konsumumfelds auf einen Jahresüberschuss von nur noch 70 Millionen nach bisher erwarteten 95 Millionen Euro gesenkt.
Der Umsatz werde weiterhin das Niveau des Vorjahres erreichen, heißt es in einer Ad-hoc-Mitteilung. Mit einem Ergebnis nach Steuern von 30 Millionen Euro (2001: 58,9 Millionen Euro) bleibe das Ergebnis des ersten Halbjahres 2002 hinter den Erwartungen zurück. Dies sei im Wesentlichen auf negative Einmaleffekte in den USA und das Ausbleiben positiver Währungseffekte zurückzuführen. Die Aktie von Boss rutschte um rund 13 Prozent auf 14,35 Euro ab und war damit schwächster Wert im MDax.
Wall Street: Vernichtende Bilanz seit Jahresbeginn
Wall Street: Das Hoffen auf die Kehrwende
Die amerikanischen Aktienmärkte sind am Freitag nach Handelsschluss in Deutschland weiter abgeschmiert und markierten dabei historische Tiefstände. Der Dow Jones war zeitweilig sogar unter die Marke von 8000 Punkten gerutscht.
Nicht unerwartet hat der US-Telekomkonzern Worldcom in der Nacht zu Montag Gläubigerschutz beantragt, kann seine Geschäft aber vorerst weiter betreiben. Es handelt sich um die größte Pleite der US-Geschichte.
Vor allem neue Meldungen über mögliche Bilanzunregelmäßigkeiten etwa bei AOL Time Warner oder einer Tochter des US-Pharmakonzerns Johnson & Johnson hatten die Aktienmärkte unter Druck gesetzt. Zudem lastete die Sorge um die Entwicklung der Unternehmensgewinne auf den Kursen. Zahlreiche Konzerne hatte in der vergangenen Woche vor allem durch einen schwachen Ausblick die Märkte enttäuscht.
Jetzt beschleicht Marktbeobachter die Angst, dass die US-Verbraucher im Zuge des anhaltenden Kursverfalls nun mehr Geld auf die hohe Kante legen werden. Damit würde die wichtigste Stütze der US-Konjunktur, der private Konsum, ins Wanken geraten. Erst am Freitag hatte Goldman Sachs seine US-Wachstumsprognose für das zweite Quartal auf 1,5 Prozent gesenkt. Nicht nur der private Konsument auch die Unternehmen gerieten angesichts der schwachen Aktienmärkte in Bedrängnis. Da die firmeneigenen Pensionsfonds im Zuge der Baisse nun weniger Rendite abwerfen, müssten die Konzerne Geld aus eigener Kasse nachschießen, was die Unternehmensgewinne zusätzlich belasten würde, hieß es.
Wall Street: Vernichtende Bilanz seit Jahresbeginn
Und die bisherige Bilanz an der Wall Street ist erschreckend: Seit Jahresbeginn hat der Dow Jones rund 20 Prozent verloren. Beim S&P 500 sind es rund 26 Prozent. Der Index für die US-Technologiebörse, der Nasdaq Composite, gab bislang rund ein Drittel ab.
Gleichwohl werden Stimmen laut, die eine vor allem von Technologiewerten getragene Trendwende an den Aktienmärkten voraussagen. "Es würde mich nicht wundern, wenn wir in der kommenden Woche den Rebound sehen" sagte etwa Ng Ean Kiam von Credit Agricole Asset Management. Und auch Staranalystin Abby Joseph Cohen von Goldman Sachs glaubt an eine bevorstehende Trendwende an den Aktienmärkten.
Ob sich die Stimmung tatsächlich gebessert hat, werden in der nächsten Woche wieder die Barometer anzeigen. In München legt das Ifo-Institut am Donnerstag seinen Geschäftsklima-Index vor. Am Freitag veröffentlicht die Universität Michigan das US-Verbrauchervertrauen für Juli. Die Analysten der WestLB rechnen mit einem verbesserten Index in den USA, glauben allerdings, dass sich das Geschäftsklima in Deutschland etwas verschlechtert hat.
Die Wall Street erwartet heute nach Börsenschluss die Geschäftszahlen von Novellus Systems und Texas Instruments. Im Laufe des Handelstages werden American Express und Altera ihre Geschäftszahlen präsentieren.
Die asiatische Leitbörse in Tokio ging schwächer aus dem Handel. Der Nikkei gab 0,1 Prozent auf 10.189 Zähler ab.