Börse am Mittag: "Ein gefährliches Pflaster" - DER SPIEGEL
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Börse am Mittag "Ein gefährliches Pflaster"

Der Dax pendelt um den Vortagesschluss, die Anleger sind unentschlossen. Finanz- und Technologietitel erholen sich zwar, doch die Verschlechterung des ifo-Index zeigt, wie dünn das Eis ist. Auch die US-Futures bieten keinen Anlass zur Entwarnung.
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Frankfurt am Main - Trotz des Rekord-Zuwachses im Dow Jones tastete sich der Dax bis zum Mittag nur mühsam in den grünen Bereich vor. Bis 11.40 Uhr betrug das Plus im Index lediglich 0,1 Prozent auf 3635 Zähler, nachdem der Index am Vortag 3,3 Prozent zugelegt hatte. Am Neuen Markt verteidigte der Nemax 50 Gewinne in Höhe von 1,7 Prozent auf 539 Punkte.

Anleger nehmen erzielte Gewinne sofort wieder mit. "Die Börse bleibt ein gefährliches Pflaster", sagte ein Händler in Frankfurt. Zwar hat der Dow Jones gestern mit einem Plus von fast 500 Punkten die größte Tagesrallye seit 1987 hingelegt, jedoch bremsen Zweifel über die Nachhaltigkeit der Erholung und ein schwacher Ifo-Index die Optimisten. Außerdem notierten die Futures für S&P und Nasdaq vier Stunden vor Handelseröffnung knapp im Minus.

Geschäftsklima erneut verschlechtert

Die Gegenreaktion war heftig, muss aber nicht von Dauer sein, warnen Börsianer. "Die Bewertungs- und Bilanzierungsprobleme sind noch nicht allein dadurch gelöst, dass der US-Kongress härtere Strafen androht", hieß es. Außerdem hat sich das Geschäftsklima in Deutschland weiter verschlechtert, was am Vormittag vor allem den Touristikkonzern TUI   belastete.

Der Geschäftsklimaindex für Westdeutschland ist im Juli auf 89,9 Punkte gefallen nach 91,3 Zählern im Juni, teilte das Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) am Donnerstag in München mit. Analysten hatten mit einem unveränderten Stand gerechnet.

Zu den Gewinnern im Dax zählten europaweit dennoch Technologie- und Finanzwerte. Die Deutsche Telekom   profitierte fortgesetzt vom Quam-Ausstieg und hielt sich bis zum Mittag über der Marke von 12 Euro. Die Aktie von Epcos   setzte nach ihrem Kurseinbruch ihre Erholung fort - Analysten verwiesen auf eine technische Gegenreaktion. Auch die geprügelten Versicherungswerte Münchener Rück     und die Allianz   konnten Gewinne von jeweils rund zwei Prozent verteidigen.

T-Aktie profitiert von Quam-Ausstieg

Die Nachricht, dass die spanische Telefonica nach einem hohen Halbjahresverlust in Höhe von 5,5 Milliarden Euro ihre Expansionspläne für den Mobilfunkanbieter Quam auf Eis gelegt hat, stützte den Kurs der T-Aktie. Die T-Aktie war bereits gestern mit einem Plus von 14 Prozent als Tagessieger aus dem Handel gegangen. Auch Telefonica legte nach ihrem UMTS-Rückzieher zweistellig zu.

Zu den Wackelkandidaten im Dax gehörten jedoch die Automobilwerte: DaimlerChrysler  , BMW   und Volkswagen   legten am Donnerstag erneut den Rückwärtsgang ein, nachdem sie gestern im späten Handel deutlich zugelegt hatten.

HVB: Verlust geringer als befürchtet

Die Aktie der HypoVereinsbank   ist auf Erholungskurs: Die HVB hat im zweiten Quartal einen operativen Verlust von 89 Millionen Euro eingefahren. Das ist deutlich weniger, als befürchtet worden war. Gerüchte, der Verlust werde bei mehr als 200 Millionen Euro liegen, hatten Anfang der Woche für einen Kurssturz gesorgt. Die zweitgrößte deutsche Bank werde ihr Ziel einer Eigenkapitalrendite von sieben bis neun Prozent nach Steuern jedoch voraussichtlich nicht erreichen, teilte die Bank am Donnerstag mit. Auch Commerzbank   und Deutsche Bank   profitierten von der Erholung im Finanzsektor.

Puma und Balda legen rasant zu

Puma mit Gewinnsprung

Im MDax setzt die Aktie von Puma   ihre Erfolgsgeschichte fort. Nach Vorlage der Zahlen reagierte die Aktie zum Auftakt mit einem Kurssprung von knapp zehn Prozent. Das Unternehmen hat seinen Vorsteuergewinn in Höhge von 24,1 Millionen im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahresquartal mehr als verdreifacht.

Zu den Gewinnern im Nemax 50 zählte der Handy-Zulieferer Balda  , der nach Vorlage guter Zahlen den zweiten Tag in Folge zweistellig zulegte. Auch SCM Microsystems   legte deutlich zu. Während der Elektronik-Hersteller Medion   seine Erholung fortsetzte, pendelte das Index-Schwergewicht T-Online   nur knapp über dem Vortagesschluss.

Einige Händler rechnen noch nicht mit einer anhaltenden Erholung an den Weltbörsen. "Es ist blauäugig zu sagen, dass die Ansammlung schlechter Nachrichten hinsichtlich Bilanzierungsmethoden zu Ende wäre", sagte Fidel Helmer, Leiter des Wertpapierhandels bei Hauck & Aufhäuser. Derzeit notiere der Dax auf dem Stand vom September 1997. Dies locke Schnäppchenjäger hervor, doch bis zu einer fundamentalen Erholung müsse noch viel geschehen.

Größte Rallye im Dow seit 15 Jahren

Der Dow war am Mittwoch mit einem Plus von 6,4 Prozent (488 Zähler) auf 8191 Punkte aus dem Handel gegangen. Der Nasdaq Composite legte fünf Prozent auf 1290 Zähler zu. Für den Dow, der gestern zeitweise 150 Zähler im Minus notiert hatte, war es der größte Tagesgewinn seit dem 21. Oktober 1987.

Händler hoben mehrere Faktoren für die Gegenreaktion an den Märkten hervor: Neben Gerüchten über ein Einschreiten der Notenbank und mögliche Zinssenkungen sorgte die Nachricht, dass sich der US-Kongress überraschend früh auf schärfere Bilanzregeln geeinigt habe, für bessere Stimmung. Zudem versuchte die Bush-Administration, die teils panikartige Stimmung der letzten Handelstage zu beeinflusssen. US-Finanzminister Paul O'Neill hat eine geplante Reise abgesagt und soll nun wichtige Reformprogramme im Wirtschaftsbereich vorantreiben, hieß es.

JP Morgan wehrt sich gegen Vorwürfe

Finanztitel an der Wall Street haben sich von ihren teils dramatischen Verlusten erholt. Die Aktien von J.P. Morgan Chase   drehten deutlich ins Plus und gewannen 16,04 Prozent auf 23,30 US-Dollar hinzu. Der Finanzdienstleister hatte in einer Telefonkonferenz erklärt, die Bank habe in sämtlichen Angelegenheiten mit dem im Dezember 2001 zusammengebrochenen Energiehändler Enron korrekt gehandelt. Die SEC hatte am Mittwoch Ermittlungen gegen zwölf börsennotierte Investmentbanken eingeleitet. Grund sei die mögliche Missachtung von Vorschriften, die das Verhalten der Analysten bei Interessenkonflikten regelten.

Pharma sehr fest - Amgen mit guten Zahlen

Getragen wurde die Erholung allerdings von Konsum- und Pharmawerten. So hatte der US-Pharmakonzern Merck am Vortag den massiven Rückkauf eigener Aktien im Wert von bis zu 10 Milliarden Dollar angekündigt. Die Aktie rückte mit einem Plus von 9,09 Prozent auf 42,60 US-Dollar in die Dow-Spitze vor. Der weltgrößte Chemiekonzern DuPont geht zudem auf Einkaufstour und hat eine Übereinkunft zur Übernahme von unterzeichnet. Außerdem legte der Biotech-Riese Amgen nach Vorlage guter Zahlen nachbörslich zu.

Auch die Technologiewerte erholten sich deutlich. Der Nasdaq Composite stieg bis Handelsende um 5 Prozent auf 1.290 Punkte und schloss auf Tageshoch. Zu den Aktien mit den grössten Kursgewinnen zählten Telekomwerte, aber auch Computer- und Softwareaktien.

SEC prüft AOL

Der weltgrößte Medien- und Onlinekonzern AOL Time Warner Inc. hat im zweiten Quartal 2002 394 Millionen Dollar oder neun Cent je Aktie gegenüber einen Verlust von 734 Millionen Dollar oder 17 Cent je Aktie in der entsprechenden Vorjahreszeit verbucht. Das Unternehmen schrieb erstmals seit Abschluss der Mega-Fusion von AOL und Time Warner auch netto wieder schwarze Zahlen. Allerdings sorgte die Nachricht für Unruhe, dass die Börsenaufsicht SEC wegen einiger Anzeigentransaktionen bei America Online ermittelt. Der Vorstandsvorsitzende des Medienkonzerns AOL Time Warner, Richard Parsons, hat die Ermittlungen der US-Börsenaufsicht bestätigt. Die AOL-Aktie gab nachbörslich ab.

Das weltgrößte Biotech-Unternehmen Amgen hat im zweiten Quartal seine Ergebnisse im Jahresvergleich deutlich erhöht und Analysten-Erwartungen übertroffen. Der Überschuss sei von 322 Millionen US-Dollar auf 412 Millionen Dollar gestiegen, teilte Amgen am Mittwoch nach mit. Amgen setzte nach eigenen Angaben mit 1,2 Milliarden Dollar 27 Prozent mehr um als im zweiten Quartal des vergangenen Jahres. Die Aktie zog nachbörslich weiter an.

Nikkei schwächer - Euro fest

In Tokio ging der Nikkei-Index trotz der Rallye an der Wall Street 0,2 Prozent schwächer aus dem Handel und schloss bei 9929 Punkten. Skepsis überwiegt, und außerdem drückten schlechte Nachrichten einiger japanischer Unternehmen. Der Euro notierte am Donnerstag Morgen mit 0,9998 Dollar wieder knapp unter der Parität. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte gestern den Referenzkurs bei 0,9915 US-Dollar festgesetzt.