Börse am Mittag: Neue Negativrekorde - DER SPIEGEL
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Börse am Mittag Neue Negativrekorde

Am Neuen Markt gibt es kein Halten mehr. Der Index fällt unter die Marke von 1300 Zählern. Die Investoren räumen ihre Depots. Auch der Dax gibt stark nach.
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Frankfurt am Main – Die Wachstumswerte stürzten seit Handelsbeginn in einer dramatischen Talfahrt auf die Marke von 1300 Punkten zu und haben sie am Mittag sogar durchbrochen. Jetzt wird man sich womöglich so mancher Händlerstimme noch vor wenigen Wochen erinnern, die von einer 1000-Punkte-Marke beim Nemax 50 gesprochen hatte, und dafür von den Kollegen als die Inkarnation des Pessimismus gescholten wurde. Doch mittlerweile meiden Börsianer das Wort Bodenbildung wie der Teufel das Weihwasser. Charttechniker sehen kein Ende des Abwärtstrends. Händler sprechen von Panikverkäufen am Neuen Markt.

Gegen Mittag gab es auch beim Dax kein Halten mehr. Der Index rutschte mit 2,3 Prozent weiter in den roten Bereich. Die Wachstumswerte im Nemax 50 brachen am Morgen ein und setzten ihren Sturzflug fort. Zuletzt notierte der Index bei 1289 Zählern. Das ist ein Verlust von zehn Prozent.

Charttechniker: Ende des Abwärtstrend nicht in Sicht

Charttechniker der Deutschen Bank sehen beim Dax den Abwärtstrend derzeit völlig intakt. Nicht einer der Erholungsansätze in der jüngsten Vergangenheit hätte die Kraft gehabt, den Abwärtstrend nachhaltig zu durchbrechen, erklärte Uwe Wagner. Dabei erwies sich nach Aussage des Experten die Marke von 5900 Punkten als zu widerstandsfähig. "Die Kraft der kurzfristigen Beschleunigungen, die wir jüngst gesehen haben, ist immer wieder von dieser Marke absorbiert worden."

Da der Dax jetzt am Montag die Marke von 5700 Zählern durchbrochen habe, sieht Wagner nun ein Abwärtspotential bis zur Schwelle von rund 5350 Zählern. Sollte der Index auch diese Linie unterschreiten sei das Chance-Risiko-Verhältnis für die Anleger zu groß und von einem Engagement abzuraten.

Am Neuen Markt scheint es indes keine Unterstützungslinien mehr zu geben. Charttechnisch sei der Markt nach unten offen. Nicht zuletzt auf Grund der schwachen US-Technologiebörse und weiterer drohender Gewinnwarnungen sieht Wagner am Neuen Markt derzeit keine Stabilisierungsansätze.

Die starken Kursabschläge bei SAP (minus 7 Prozent auf 114 Euro) begründen Händler mit der Gewinnwarnung des auf B2B spezialisierten US-Softwareunternehmens Ariba. SAP bleiben damit schwächster Wert im Dax. Die Papiere des Walldorfer Software-Unternehmens waren bereits gestern als zweitschwächster Wert mit Abschlägen von rund fünf Prozent aus dem Handel gegangen. Zusätzlich belastete den Titel eine Herabstufung durch das Investmenthaus Merrill Lynch.

Doch auch andere Technologiewerte standen forgesetzt unter Verkaufsdruck. Infineon rutschten mit 3,5 Prozent in den Keller. Ungehört verhallen die Worte des Infineon-Vorstandes, die nach eigenen Angaben gute Geschäfte machen. Siemens gaben 3,4 Prozent ab. Die Papiere des Tochterunternehmens und Bauelementeherstellers Epcos verschlechterten sich auf minus 4,4 Prozent.

Ebenso standen die Anteilscheine der Lufthansa unter Verkaufsdruck und verloren zuletzt 5,2 Prozent auf 19 Euro. Die Aktien waren damit zweitschwächster Wert im Dax. Der Fluggesellschaft droht noch in diesem Monat ein Pilotenstreik. Die Pilotenvereinigung Cockpit kündigte am Dienstag an, in den kommenden Tagen darüber zu beraten, ob eine Urabstimmung eingeleitet wird. Eine Urabstimmung gilt als sicher. Im Tarifstreit waren die Parteien gestern am späten Abend unversöhnlich auseinander gegangen.

Zu den wenigen Gewinnern im Dax zählten die Aktien der Metro. Der Konsumtitel legte 2,3 Prozent auf 49,3 Euro zu und setzte sich damit zwischenzeitlich an die Spitze des Index. Händler zeigten sich angesichts dieses Kursanstieges ratlos. Überhaupt waren lediglich konservative Werte gefragt. Fresenius Medical Care verbesserte sich um 2,2 Prozent auf 78 Euro. Degussa-Aktien steigerten sich um 1,7 Prozent auf 33 Euro. Schering konnten leicht um 0,5 Prozent auf knappe 54,30 Euro zulegen.

Im Blickpunkt stehen heute die Geschäftszahlen von Linde. Der Konzern rechnet für 2001 mit einer Umsatzsteigerung um acht Prozent auf mehr als neun Milliarden Euro (2000: 8,45 Milliarden Euro) und einer Ergebnisverbesserung, die über die Umsatzzunahme hinausgeht. Linde steigerte sich zuletzt um 0,4 Prozent auf 48 Euro.

Ausverkauf am Neuen Markt

Im Nemax 50 stand nicht ein Wert mehr im Plus. Ein Händler sagte, die Angst am Markt vor einem weiteren Rückschlag sei groß. "Wir brauchen positive Impulse, alle halten die Füße unter dem Tisch und warten auf die weitere Entwicklung in den USA." Dort allerdings zeigte das vorbörsliche Baromter, der Nasdaq Future, mit rund 1,4 Prozent im roten Bereich.

Nach der Handelsaussetzung am Vortag rutschte Teldafax um rund 25 Prozent ab und war damit nur noch 0,40 Euro wert. Die Telefongesellschaft hatte am Montag einen Antrag zur Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt und war den ganzen Tag vom Handel ausgesetzt. Hintergrund ist die drohende Abschaltung von Leitungen durch die Deutsche Telekom.

Die Talfahrt von Pixelpark nahm auch am Dienstag Vormittag kein Ende. Nach einem Verlust von knapp 30 Prozent am Montag verlor das Papier weitere 5,63 Prozent auf 3,30 Euro und markierte damit erneut ein neues 52-Wochen-Tief.

Broadvision war schwächster Wert im Nemax 50. Der Titel ging zuletzt rund 28 Prozent auf 3,80 Euro in die Knie, nachdem das Unternehmen für das erste Quartal eine Gewinnwarnung herausgegeben hatte und nun Personal abbauen will.

Biodata setzten ihre Talfahrt vom Vortag fort und verloren weitere 20 Prozent auf 15 Euro. Am Vortag hatte das Papier rund 18 Prozent nachgegeben, nachdem ein umstrittener Fondsmanager der Bank Julius Bär gefeuert worden war. Julius Bär war über diesen Manager stark bei Biodata engagiert. Anleger fürchten fortgesetzt, dass die Bank ihre Engagement bei dem Unternehmen einstellen wird, und verkaufen. Ähnlich verhielt es sich bei den Caatoosee-Papieren, die ebenfalls zu den Lieblingen des Managers gehörten. Caatoosee hatte gestern mehr als die Hälfte seines Werte verloren und fielen zuletzt um weitere 34 Prozent auf 10 Euro.

Der gestrige Debütant Nordex bekam weiter den rauhen Börsenalltag zu spüren. Der Aktie des Herstellers von Windkraftanlagen bläst kräftiger Gegenwind ins Gesicht, auch am Dienstag Mittag verloren die Anteilsscheine um knapp fünf Prozent auf 7,90 Euro.

Kein Interesse hat der Markt offenbar auch an den Aktien der Internolix AG. Der Wert war am Vortag wegen enttäuschender Umsatzzahlen für das erste Quartal um über 50 Prozent eingebrochen. Die vorgelegten Zahlen könnten nicht schlechter sein, kommentierten Händler die Ergebnisse. Am Dienstag setzte sich die Talfahrt fort, Internolix verbilligten sich um rund 17 Prozent auf 2,40 Euro und markiert ein ums andere Mal ein neues 52-Wochen-Tief.