Börse am Mittag Spiel mit dem Feuer
Frankfurt am Main - Die deutschen Indizes haben die extrem schwachen Vorgaben aus den USA weggesteckt. Der Dax kletterte bis 12.45 Uhr um 1,7 Prozent auf 3754 Zähler - vor allem Finanz- und Technologiewerte sind gefragt. Der Nemax 50 notierte um 0,8 Prozent im Plus bei 538 Punkten. Positive Nachrichten aus Tokio und von Texas Instruments sowie steigende US-Futures haben Schnäppchenjäger hervorgelockt. Außerdem sorgt die Nachricht, dass WorldCom durch einen Zwischenkredit vorerst zahlungsfähig bleibt, für Entspannung an den Märkten.
Risiko bleibt
Üblicherweise zockelt der Dax brav dem Dow Jones hinterher, doch diesmal bricht er aus. Damit folgt er dem Beispiel des Nikkei, der trotz des Kursverfalls in New York fester geschlossen hat. Dennoch bleibe ein "hohes Risiko", sagten Händler in Frankfurt. Der Dow Jones war gestern in den letzten beiden Handelsstunden um 234 Punkte eingebrochen und beendete den Handel 2,9 Prozent schwächer bei 7784 Punkten - erstmals seit Oktober 1998 schloss der Dow unter 8000 Zählern. Die Technologiebörse Nasdaq Composite schloss 2,8 Prozent schwächer bei 1282 Zählern.
Fortis warnt, Deutsche Bank beruhigt
Zu den Gewinnern in Frankfurt gehörten am Dienstag vor allem Finanztitel, die in den vergangenen Tagen die größten Verluste verkraften mussten. Die Aktie der Allianz legte ebenso wie die Münchener Rück rund drei Prozent zu, nachdem beide Werte gestern eingebrochen waren. Die Münchener Rück zeigte sich fest, obwohl die Ratingagentur Moody's das Rating der Münchener Rück sowie ihrer US-Tochter American Re auf ihre Watch List mit möglicher Herabstufung gesetzt hat.
Auch die Deutsche Bank konnte sich minimal erholen. Das Geldhaus ist von der WorldCom-Insolvenz nach eigenen Angaben weniger stark betroffen als in den Medien berichtet worden war. Das gesamte Kreditrisiko der Bank gegenüber WorldCom übersteige nicht 241 Millionen Euro, teilte die Deutsche Bank am Dienstag mit. Auch die Gewinnwarnung des belgisch-niederländischen Finanzkonzerns Fortis konnte die Stimmung im Sektor nicht trüben.
Schnäppchenjäger greifen zu
Die Aktie der Deutsche Telekom hatte am Montag ihre Verluste in Grenzen gehalten und kletterte am Dienstag Morgen wieder auf 12 Euro. Der Konzern will unter dem neuen Vorstandschef Sihler die Sanierung des Unternehmens beschleunigen. Auch Epcos , seit Freitag auf Grund der Gewinnwarnung arg verprügelt, fand bei einem Kursniveau unter 22 Euro wieder Käufer.
Pharma und Autowerte fest
Pharmatitel, allen voran Schering , waren im Dax gefragt. Im Nebenwerteindex MDax kletterte der Darmstädter Pharmakonzern Merck um mehr als sechs Prozent, obwohl das Ergebnis unter der Generika-Konkurrenz deutlich gelitten hat. Analysten hatten wohl noch schlechtere Quartalszahlen erwartet. Auch die Autotitel DaimlerChrysler , BMW und Volkswagen konnten nach ihren Verlusten gestern jeweils rund zwei Prozent zulegen.
Verlierer im Index bleiben Lufthansa und Fresenius Medical Care : Lufthansa hatte gestern den Aufbau einer Billig-Airline angekündigt, und FMC wurde dadurch belastet, dass Goldman Sachs den Titel von seiner Empfehlungsliste genommen hat.
Signale zur Aufholjagd
Trotziger Optimismus herrscht vor. Marktbeobachter sehen Chancen auf eine Gegenreaktion. So hat zum Beispiel der Nikkei den Handelstag trotz der Verkaufsorgie in New York mit einem Plus von 0,3 Prozent auf 10.215 Punkte beendet, und auch der Dollar zog in Asien wieder an. Außerdem sei es nicht überraschend, dass auf einen extrem schwachen Freitag auch ein schwacher Montag gefolgt sei - nun sei der größte Verkaufsdruck weg.
Weiterhin habe Texas Instruments nach US-Börsenschluss die Erwartungen erfüllt und einen positiven Ausblick gegeben: Der Halbleiterhersteller rechnet mit fünf Prozent Umsatzwachstum im dritten Quartal. Und der Telekomkonzern WorldCom , mit seinem Antrag auf Gläubigerschutz ein Auslöser für den Verkaufsrausch, habe durch eine Zwischenfinanzierung seine Zahlungsfähigkeit vorläufig sichergestellt.
Auch in Europa wollen einige Schwergewichte die Kursschwäche zum Rückkauf eigener Aktien nutzen. Der Schweizer Pharmariese Novartis hat ein Aktienrückkaufprogramm im Wert von mehr als vier Milliarden Schweizer Franken angekündigt.
Dollar erholt sich leicht
Anzeichen für eine Stabilisierung an den Börsen ist auch die festere Tendenz des Dollar. Der Kurs des Euro ist im frühen Handel am Dienstag unter die Parität zum Dollar gesunken. Die europäische Gemeinschaftswährung kostete am Morgen 0,9989 Dollar, nachdem sie im asiatischen Handel zwischenzeitlich bis auf 0,9956 Dollar abgesackt war. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Montag noch deutlich über der Parität bei 1,0086 (Freitag: 1,0146) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,9915 (0,9856) Euro.
Dow bricht im späten Handel ein
Citigroup bricht ein, WorldCom zieht an
An der Wall Street ist der Dow Jones in den letzten beiden Handelsstunden um knapp dreihundert Punkte abgestürzt und schloss erstmals seit Oktober 1998 unter 8000 Punkten. "Der Markt ist derart verunsichert, dass der Dow diese Woche spielend noch einmal 500 Punkte verlieren könnte", sagte William Schneider, der Leiter des Aktienhandels bei der Bank UBS Warburg. Für den Standardwerte-Index war es der zehnte Rückschlag während der letzten elf Sitzungen. Das mangelnde Anlegervertrauen in die Bilanzrechnungen der Unternehmen und die Angst, die Börsen-Baisse werde auch auf die langsam anziehende Konjunktur durchschlagen, sind die Triebfedern des Abschwungs. Lediglich Präsident George W. Bush zeigt sich optimistisch: Die Wirtschaft sei in guter Verfassung, Unternehmensgewinne verbesserten sich, doch ein paar sinnvolle Reformen seien notwendig, sagte Bush.
Zu den größten Verlierern an der Wall Street zählten die Citigroup und andere Finanzdienstleister, die Worldcom Kredite gewährt haben. Citigroup fielen um elf Prozent auf 32,04 Dollar. Unterdessen stimmte ein US-Gericht einer Kreditlinie in Höhe von zwei Milliarden Dollar zu, damit das mit 30 Milliarden Dollar verschuldete Worldcom laufende Rechnungen bezahlen kann. Die Aktie klettert um 40 Prozent auf 14 Cent.
Die Indizes zeigen sich extrem volatil - Zeichen der enormen Verunsicherung. Der Dow Jones bewegte sich zum Beispiel in einer Spanne von rund 330 Punkten. An der Nasdaq konnte der Biotechnologie-Branchenführer Amgen seine Verluste bei 0,5 Prozent in Grenzen halten: Die Pharmaaufsicht FDA hatte zuvor das Medikament Aranesp zur Behandlung von Blutarmut als Folge einer Chemotherapie zugelassen. Amgen hatte bereits vor Wochen den Rückkauf eigener Aktien angekündigt.