Börse am Mittag Warten auf die Wall Street
Frankfurt am Main Nach dem starken Kursanstieg am Vortag und guten neuen Konjunkturdaten vor Handelsbeginn hat die Wall Street am Dienstag zunächst leichter eröffnet, konnte sich bis 16.15 Uhr aber wieder fangen. Händler in New York machten für die schwache Auftakttendenz zunächst Gewinnmitnahmen verantwortlich. Der Dow Jones konnte sich aber wieder berappeln und pendelte zuletzt um seinen Vortagagesschluss bei 9677 Zählern ab. Der Nasdaq Composite konnte nach einem schwachen Start zuletzt mit 0,2 Prozent auf 1556 Punkte ins Plus drehen.
Die deutschen Aktienmärkte vollzogen die Entwicklung in New York nach. Zunächst gaben die Aktienindizes weiter nach, konnten dann aber ihr Minus verringern. Der Dax verzeichnete zuletzt noch ein Minus von 0,8 Prozent auf 4439 Punkte. Am Neuen Markt notierte der Nemax 50 auf 678 Punkten, ein Minus von 1,4 Prozent.
Die Verbraucherpreise in den USA bleiben stabil. Damit wächst der Spielraum für die US-Notenbank, auf ihrer nächsten Sitzung in der kommenden Woche auf eine Zinserhöhung zu verzichten.
Nach Angaben des Arbeitsministeriums veränderten sich die Preise für die Lebenshaltung der privaten Haushalte von April auf Mai überhaupt nicht. Das war billigerem Benzin und Nahrungsmitteln sowie niedrigeren Preisen für Autos zu verdanken. Damit sank die jährliche Inflationsrate auf 1,2 (Vormonat: 1,6) Prozent. Im April waren die Preise binnen Monatsfrist noch um 0,5 Prozent geklettert, stärker als in den elf Monaten zuvor. Dies ging allerdings maßgeblich auf höhere Tabakpreise zurück.
Die Zahl der Baubeginne neuer Eigenheime in den USA ist im Mai verglichen mit dem Vormonat unerwartet deutlich gestiegen. Statt einer von Experten angenommenen monatlichen Zuwachsrate von 1,9 Prozent wies das US-Handelsministerium am Dienstag einen Anstieg von April auf Mai um 11,6 Prozent auf 1,733 Millionen Häuser aus. Das sei die stärkste Zunahme der Baubeginne seit Juli 1995. Marktbeobachter führten den Anstieg auf historisch niedrigen Hypothekenzinsen zurück.
Unter Druck gerieten die Aktien des Computerherstellers IBM , die zuletzt 1,60 Prozent auf rund 76 Dollar verloren. Die Investmentbanker von Morgan Stanley hatten wie am Vortag Salomon Smith Barney die Umsatz- und Gewinnprognosen gekürzt. Richtungweisend dürften die nach Börsenschluss erwarteten Geschäftszahlen des weltweit zweitgrößten Softwarekonzern Oracle zum Geschäftsjahr 2001/02 werden, die nach Börsenschluss veröffentlicht werden sollen. Sollte die Bilanz jedoch enttäuschen, sind Kursverluste für Mittwoch im Technologie-Bereich schon vorprogrammiert.
"Wir sind gestern zu gut gelaufen und der Markt korrigiert den starken Anstieg jetzt", sagte ein Händler. Mit Kursabschlägen von mehr als drei Prozent, lastete vor allem das Indexschwergewicht Münchener Rück auf dem Blue-Chip-Index. Nach Angaben aus Marktkreisen bereitet die Deutsche Bank derzeit eine Platzierung von rund acht Millionen Aktien vor. Zu den Verlierern gehörten auch die Technologiewerte, die Händlern zufolge unter Gewinnmitnahmen litten.
Münchener Rück gaben mehr als vier Prozent auf 219 Euro ab und zählte damit zu den schlechtesten Werten im Dax. Mit in den Abwärtssog geriet die Aktie von Europas größtem Allfinanzkonzern Allianz , die 2,30 Prozent auf 209 Euro nachgab.
"Da die Allianz mit knapp 25 Prozent an der Münchener Rück beteiligt ist, ist oft ein Kursverlauf der beiden Unternehmen in die gleiche Richtung zu beobachten - heute nach unten", sagte ein Händler in Frankfurt. Eine andere tagesaktuelle Erklärung für ein Einbruch der Allianz-Aktie gebe es nicht. Die Deutsche Bank hat am Dienstag ihre restlichen 7,6 Millionen Aktien der Münchener Rück am Markt platziert und damit den Kurs des Rückversicherers einbrechen lassen.
Telekom: "Kein wirklicher Verzicht
Die Aktien der Deutschen Telekom gaben ihre frühen Gewinne wieder ab und notierten am Nachmittag 10,30 Euro: ein Verlust von 2,30 Prozent. Händler zeigten sich von einem Bericht der "Bild"-Zeitung, wonach Telekom-Chef Ron Sommer und seine sieben Vorstandskollegen in diesem Jahr freiwillig auf den Erhalt von Aktienoptionen als Teil ihrer Vergütung verzichten wollen, unbeeindruckt. Neben den Telekom-Vorständen sollen außerdem 3000 weitere Führungskräfte auf die Hälfte ihrer Aktienoptionen verzichten, berichtet die Zeitung ohne Angabe von Quellen.
"Wenn die Aktienoptionen praktisch wertlos sind, dann kann man nicht wirklich von einem Verzicht sprechen", sagte ein Händler. Auch einen positiven psychologischen Effekt kann der Börsianer nicht erkennen. "Solche Forderungen sind ja schon des öfteren gestellt worden", sagte Stefan Buchholz von der DZ Bank. Bei den Verlusten der Gesellschaft seien die hohen Vorstandsbezüge in die Kritik geraten. Die Meldung über einen Verzicht bewertet Buchholz als neutral.
Infineon-Kurs fährt Achterbahn Post weiter unter Druck
Die Aktie des Halbleiterherstellers Infineon stand nach einer Achterbahnfahrt zuletzt auf Vortagesniveau bei 16,36 Euro. Händler warteten auf Details für eine Kooperation mit zwei führenden Chip-Herstellern. Branchenkreisen zufolge wird Motorola einer der Partner sein. "Viele Investoren warten gespannt darauf, wer die beiden Partner sein werden", sagte ein Händler in Frankfurt. "Noch gibt es keine Details, aber die Anleger versprechen sich durch diese Kooperation natürlich Fortschritte bei der Technologie und niedrigere Kosten", sagte ein Händler.
Die übrigen Technologiewerte wie Epcos (minus 2,80 Prozent auf 35,35 Euro) und Siemens (minus 1,50 Prozent auf knapp 61 Euro) gaben weiter nach. Auch SAP waren mit rund einem Prozent ins Minus abgerutscht.
Lufthansa macht wieder Boden wett
Nach einem freundlichen Auftakt waren die Aktien der Lufthansa ins Minus gerutscht, notierten zuletzt aber wieder behauptet bei 14,22 Euro. Gerüchte über einen möglichen Streik der Fluglotsen in Europa hatten zunächst das Papier belastet. Positiv dagegen werteten die Märkte die Prognosen des Finanzchefs der Lufthansa. Im Gespräch mit der "Börsen-Zeitung" hatte Karl-Ludwig Kley gesagt, der positive Trend bei den Erlösen dauere an. Er halte es für möglich, dass im kommenden Jahr beim operativen Gewinn die Latte von einer Milliarde Euro "nicht gerissen" werde. Auch ein Händler einer ausländischen Großbank wertete die Aussagen des Finanzchefs als positiv.
Deutlich unter Druck stand erneut die "Aktie Gelb", die um mehr als vier Prozent auf 13,53 Euro abgab. Bei der Diskussion um die eventuelle Rückzahlung von 572 Millionen Euro durch die Deutsche Post ist die Möglichkeit einer Portosenkung in den Mittelpunkt gerückt. Ein geringeres Briefporto würde die Gewinnmargen bei den Bonnern belasten, sagten Händler.
Fresenius Kabi belastet FMC-Aktie
Die Aktie von Fresenius Medical Care verbilligte sich zuletzt um 5,77 Prozent auf 49 Euro und war damit schwächster Wert im Dax. Börsianer führten die Kursverluste auf die gesenkte Gewinnprognose von Fresenius Kabi zurück, einer nicht börsennotierten Tochter von Fresenius. "Auch FMC meldete in der jüngsten Vergangenheit immer wieder schlechte Nachrichten", sagte ein Münchener Analyst. Der Markt ziehe nach der Einmalaufwendung von Fresenius Kabi nun Rückschlüsse auf das Schwesterunternehmen, fügte ein Frankfurter Händler hinzu. Die 100-prozentige Fresenius-Tochter hat die Schätzung für das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) in 2002 auf Grund einmaliger Aufwendungen für weitere Restrukturierungsmaßnahmen in Höhe von 25 Millionen Euro von 115 Millionen Euro auf 90 Millionen Euro gesenkt.
Neuer Markt: Umweltkontor profitiert von Ecomill-Kauf
Am Neuen Markt gehörte die Aktie von Umweltkontor zu den größten Gewinnern im Nemax 50. Die Anteilsscheine verteuerten sich um über vier Prozent auf 3,88 Euro. Der Windparkbauer hat die Ecomill Windpark Beteiligungs- und Verwaltungs GmbH vollständig übernommen. Durch diesen Schritt solle der Service-Bereich gestärkt werden, sagte ein Unternehmenssprecher am Dienstag in Erkelenz. Finanzielle Details wurden nicht mitgeteilt.
Einem Übernahmeangebot der France Telecom (FT) an Mobilcom-Chef Gerhard Schmid steht offenbar nichts mehr im Weg. Der französische Staatskonzern hat sich nach Angaben aus verhandlungsnahen Kreisen mit den Banken auf die Refinanzierung der Mobilcom-Darlehen über 4,7 Milliarden Euro geeinigt.
Wie die Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag aus den Kreisen in Paris erfuhr, will France Telecom die Vereinbarung mit dem aus 17 Banken bestehenden Konsortium frühestens am Mittwoch veröffentlichen. In Kreisen im Umfeld von Mobilcom hieß ergänzend, das Dokument der Übereinkunft werde zurzeit den einzelnen Banken zugeleitet. Das Einzige, was noch fehle, seien die Unterschriften. Die Aktie von Mobilcom zog zuletzt um 1,61 Prozent auf 8,20 Euro an.
Indes hat der Neue Markt zwei neue Insolvenzen zu beklagen. Die Aktien von H5B5 Media und von TelesensKSCL sind am Dienstagnachmittag vom Handel ausgesetzt. Anlass ist nach Angaben eines Sprechers der Deutschen Börse eine wichtige Mitteilung des Unternehmens. Beide Unternehmen haben inzwischen mitgeteilt, Insolvenz beantragt zu haben. Der letzte Kurs von TelesensKSCL vor dem Handelsstopp lag bei 0,17 Euro, ein Minus von 41,4 Prozent. H5B5 notierten vor der Aussetzung unverändert bei 0,20 Euro.
Euro leicht gestiegen
Der Kurs des Euro ist am Dienstag gestiegen. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs bei 0,9484 (Montag: 0,9426) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 1,0544 (1,0609) Euro. Zuletzt wurde die Währung bei 0,9488 Dollar gehandelt.