Börse am Morgen Adidas im WM-Hoch
Frankfurt am Main - Der letzte Handelstag im Quartal könnte für Anleger noch einen versöhnlichen Ausklang bringen. Trotz des Bilanzskandals bei Worldcom haben die US-Börsen am Donnerstag kräftig zugelegt. In den letzten beiden Handelsstunden setzten Käufe auf breiter Front ein. Sogar die gebeutelten Chipaktien legten zu, nachdem Lehman Brothers die Semiconductor-Branche auf "Neutral" heraufgestuft hatte.
Dax startet fest - Einstiegschance und Window-Dressing
Der Dax nimmt diese Vorlage dankbar auf. Der Index hatte bereits am Donnerstag mit einem Plus von fast vier Prozent auf dem Tageshöchststand von 4259 Punkten geschlossen und kletterte am Freitag bis 9.30 Uhr um weitere 1,6 Prozent auf 4327 Punkte. Der Nemax 50 legte um 2,9 Prozent auf 618 Zähler zu.
Viele Anleger nutzten nun die Gelegenheit zum Wiedereinstieg, sagten Händler. Außerdem betreiben Fondsmanager zum Quartalsschluss "Window-Dressing", indem sie umschichten und Aktien mit schwacher Performance aus den Depots werfen. Doch trotz der deutlichen Gewinne sind auch kritische Stimmen zu hören. Marktteilnehmer bezeichneten die allgemeine Stimmung als unverändert schwach. Es brauche nur eine weitere Hiobsbotschaft, um den Trend umkehren zu lassen.
Adidas und Nike im WM-Fieber
Die Aktie des Sportartikelherstellers Adidas Salomon stieg zum Auftakt um mehr als vier Prozent zu. Der Titel profitiert nicht nur davon, dass die deutsche Nationalmannschaft im WM-Finale steht und die Nachfrage nach Fan-Artikeln groß ist. Adidas will den Umsatz in Asien kräftig steigern. Auch der Gewinnanstieg beim US-Konkurrenten Nike (Ausrüster vom Finalgegner Brasilien) hat der Aktie heute Rückenwind verliehen: Nike steigerte den Umsatz im abgelaufenen Quartal um acht Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um acht Prozent auf 2,7 Milliarden Dollar.
Die Aktie der Deutschen Bank kletterte um 1,5 Prozent und überwand die Marke von 70 Euro. Das Unternehmen will weitere 3.770 Stellen streichen. Von der Neuordnung sind die Konzernbereiche Corporate and Investment Bank (CIB) mit 1.970 und Private Client and Asset Management (PCAM) mit 1.800 Mitarbeitern betroffen, teilte das Geldinstitut mit. Die Gewinne bei der Aktie sind aber auch auf die Erholung bei den US-Finanztiteln zurückzuführen.
Knackt SAP die 100-Euro-Marke?
Besonders kräftig profitierten im Dax die Technologiewerte. SAP-Aktien näherten sich zum Wochenschluss mit einem Plus von 1,5 Prozent wieder der Marke von 100 Euro. Die Papiere wurden auch von einer Aussage des Oracle-Vorstandsvorsitzenden Larry Ellison gestärkt, der große Worte liebt und die großen Softwareunternehmen wie SAP und Oracle als Profiteure der Krise sieht.
Technologie-Anleger, die trotz des Kursrutsches an ihren Aktien festgehalten haben, können für heute auf weitere Erholung hoffen. Epcos , Siemens und Infineon gehörten ebenso wie die T-Aktie zu den größten Gewinnern. Die Titel gewannen bis 9.30 Uhr zwischen 2,5 und 3,6 Prozent.
Die T-Aktie notierte am Freitag Morgen wieder deutlich über neun Euro. Der Worldcom-Bilanzskandal scheint in der Branche verarbeitet zu sein, sagten Händler. Sollte sich eine Trendwende abzeichnen, dürften weitere Leerverkäufer ihre Geschäfte abschließen, sich wieder mit Technologieaktien eindecken und durch diesen "Short Squeeze" für steigende Kurse sorgen. Allerdings seien bei der Telekom noch viele Fragen ungeklärt, zum Beispiel bei der Bilanzierung der Immobilien, sagten Händler.
Autowerte trotz General Motors fest
Die Automobilwerte litten am Donnerstag zeitweise unter den GM-Gerüchten, konnten anschließend aber wieder zulegen. Die Anteilsscheine von DaimlerChrysler , Volkswagen und BMW legten am Freitag zwischen 0,8 und 1,2 Prozent zu. General Motors war gestern mit einem Minus von drei Prozent aus dem US-Handel gegangen.
Post leidet unter Stinnes-Gerüchten
Zu den wenigen Verlierern im Dax zählte zum Auftakt die Deutsche Post . Eine mögliche Senkung des Briefportos und Umschichtungen in der Logistik-Branche belasteten das Unternehmen: Nach Presseberichten will die Deutsche Bahn AG das im MDax notierte Logistik-Unternehmen Stinnes übernehmen.
US-Börsen trotz Worldcom sehr fest
Der Dow Jones schloss 1,6 Prozent fester auf 9269 Punkte, während der Nasdaq Composite sogar um 2,1 Prozent auf 1459 Zähler kletterte. Die Aufholjagd in USA und Europa wurde zeitweise von Gerüchten unterbrochen, dass es auch beim Autoriesen General Motors Bilanzunstimmigkeiten geben könnte. Die Aktie war zeitweise vom Handel ausgesetzt und schloss knapp drei Prozent schwächer, doch im späten Handel ging es für Dow und Nasdaq wieder aufwärts.
Vor allem die nach oben korrigierten Zahlen für das US-Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal (plus 6,1 Prozent statt 5,6 Prozent) sorgten für positive Stimmung, obwohl dieses Wachstum nach Einschätzung von Volkswirten in den Folgequartalen deutlich nachlassen dürfte. Weiterhin betrieben Fondsmanager zum Ende des zweiten Quartals "Window Dressing" und schichteten ihre Depots um, was vor allem den Standardwerten zu Gute kam. Für heute werden der US-Einkaufsmanagerindex sowie Angaben zum Konsumklima in den USA erwartet.
Finanz- und Chiptitel gesucht
Bemerkenswert, dass die beiden größten Gewinner im Dow Jones ausgerechnet die Finanzwerte Citigroup und JP Morgan Chase waren. Ein Zeichen, dass Investoren trotz der zahlreichen Bilanzskandale Corporate America immer noch etwas zutrauen: Unter möglichen Unternehmenspleiten in Folge von falscher Bilanzierung leiden auch Finanzwerte, da sie um ihre Kredite fürchten müssen.
Ein Konkurs des im Nasdaq 100 Index notierten Skandalunternehmens Worldcom ist nach Darstellung von Marktkennern nicht mehr auszuschließen. Sollte Worldcom früher oder später Gläubigerschutz bei einem Konkursrichter suchen, wäre dies der größte Konkurs der US-Geschichte.
Unter den US-Technologieaktien zählte Motorola zu den größten Gewinnern. Das Unternehmen hatte seine Prognosen für das zweite Quartal wie für das Gesamtjahr bestätigt und einen weiteren Stellenabbau angekündigt. Aktien des Netzwerkausrüsters Sun Microsystems stiegen sogar um knapp zehn Prozent auf 5,17 Dollar. Goldman Sachs hatte mitgeteilt, dass Sun mehr Fortschritte als erwartet mache. Händler dämpften jedoch aufkommende Euphorie und sprachen von einer technischen Gegenreaktion im Hightechsektor nach den massiven Verlusten der vergangenen Wochen.
Auch das Schwergewicht General Electric hat seine Gewinnprognosen bestätigt. Die Aktien des Pharmakonzerns Pfizer profitierten davon, dass das Unternehmen Aktien im Wert von zehn Milliarden Dollar zurückkaufen will.
Tokios Börse schließt fester
Die Aktienbörse in Tokio hat am Freitag eine Rallye hingelegt. Der Nikkei-Index schloss 360 Punkte fester auf 10621 Zähler. Vor allem die gestiegene Industrieproduktion sorgte in Japan für gute Stimmung. Der Euro verbilligte sich am Freitag Morgen auf 0,9879 US-Dollar: Die leichte Erholung der US-Börsen half auch dem US-Dollar.